Helmuth James von Moltke (1907-1945)

"Seitdem der Nationalsozialismus zur Macht gekommen ist, habe ich mich bemüht, seine Folgen für seine Opfer zu mildern und einer Wandlung den Weg zu bereiten. Dazu hat mich mein Gewissen getrieben, und schließlich ist das eine Aufgabe für einen Mann."

Mit diesen Worten begründete Moltke im Abschiedsbrief an seine Söhne im Oktober 1944 sein Handeln und seine Einstellung gegen den Nationalsozialismus.

Als ältestes von fünf Kindern des Gutsbesitzers und erblichen Mitglieds des preußischen Herrenhauses Helmuth von Moltke und seiner Frau Dorothy, geborene Rose-Innes wurde Helmuth James von Moltke 1907 in Kreisau geboren. Er wuchs auf dem Gut Kreisau auf, das der Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke von einer Dotation nach dem Deutschen Krieg 1866 erworben hatte. Kindheit und frühe Jugend Moltkes waren geprägt von dem aufgeklärt-konservativen Erbe der väterlichen Seite und einer liberal-angelsächsischen Tradition der Mutter Dorothy, deren Vater James Rose-Innes Chief Justice der Südafrikanischen Union war. Als Mensch mit ausgeprägtem Rechtsempfinden trat dieser bedeutende Jurist für den englisch-burischen Ausgleich in Südafrika ein.

Moltke genoss eine Erziehung, in der die liberale Atmosphäre und soziale Orientierung des Elternhauses bestimmend waren. Gemeinsam mit seinem Vetter Carl Dietrich von Trotha besuchte Moltke bis 1922 das Gymnasium in Schweidnitz. Nach dem Abitur, das Moltke im März 1925 am Real-Gymnasium in Potsdam ablegte, studierte er Rechts- und Staatswissenschaften in Breslau, Berlin und Wien. In Zusammenarbeit mit Eugen Rosenstock-Huessy, Trotha, Einsiedel, Peters und anderen wirkte er bei der Gründung der schlesischen Arbeitslagerbewegung in Löwenberg mit und führte 1928 ein Arbeitslager für Bauern, Arbeiter und Studenten durch. Einer der Hauptreferenten war neben Rosenstock-Huessy der Reformpädagoge Adolf Reichwein. Das Ziel dieses sozialpolitischen Engagements im rückständigen Industriebezirk um Waldenburg war die Zusammenführung und Bündelung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen und Kräfte.

Im Sommer 1929 begegnete Moltke zum ersten Mal Freya Deichmann, seiner späteren Ehefrau, beim Ehepaar Schwarzwald am Grundlsee im Salzkammergut. Diese hatten einen in der Sozialarbeit aktiv engagierten Kreis um sich geschart und zahlreiche Künstler und Wissenschaftlern zählten zu den Freunden, darunter Bertolt Brecht und Helene Weigel, Carl Zuckmayer, Oskar Kokoschka und viele andere.

In Breslau legte Moltke 1929 das juristische Referendarexamen ab. Kurz darauf wurde er nach Kreisau gerufen, weil die Familiengüter in große wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten waren. Als Generalbevollmächtigter seines Vaters gelang ihm die Konsolidierung des Gutes.

Am 31. Oktober 1931 schloss Helmuth James von Moltke mit der Bankierstochter Freya Deichmann aus Köln die Ehe. Freya Moltke wurde ihrem Ehemann, gerade in der Opposition gegen den Nationalsozialismus, eine entscheidende Mitarbeiterin. Sie nahm an zahlreichen Treffen der Kreisauer teil und war durch die Briefe ihres Mannes aus Berlin über die Einzelheiten der Widerstandsarbeit ständig informiert. Heute sind die „Briefe an Freya“ eine der wichtigsten Quellen über den Kreisauer Kreis.

Im Jahre 1932 siedelte das Ehepaar Moltke nach Berlin über. 1935 promovierte Freya Moltke zum Dr. iur. Helmuth Moltke legte 1934 sein Assessorexamen ab und spezialisierte sich fortan auf Völkerrecht und internationales Privatrecht. Als Anwalt stand er jüdischen und anderen Opfern des NS zur Seite und half bei Auswanderungen.

Von 1935 bis 1938 reiste Moltke im Rahmen seiner Ausbildung zum britischen Anwalt regelmäßig nach England. Er knüpfte zahlreiche Kontakte zu politischen Führungskräften und versuchte, sie von der Irrigkeit der Appeasement-Politik gegenüber den Nazis zu überzeugen. Diese Verbindungen waren später für den Kreisauer Kreis und seine geheimen Auslandskontakte von erheblicher Bedeutung. 1937 traf Moltke in Oxford zum ersten Mal Adam von Trott. 1938 begann Moltke mit alten und neuen Freunden Möglichkeiten zur Überwindung des Dritten Reiches zu erörtern.

Bei Kriegsausbruch wurde Moltke als Kriegsverwaltungsrat in das Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht in Berlin verpflichtet. Als Sachverständiger für Völkerrecht setzte er sich für die Einhaltung geltender Rechtsvorschriften, humane Behandlung von Kriegsgefangenen, Verhinderung von Deportationen, Vernichtungsbefehlen und Geiselerschießungen ein.

Bereits 1939 verfasste Moltke erste Denkschriften zur politischen Neuordnung Deutschlands. 1940 traf Moltke mit Peter Yorck von Wartenburg zusammen und es begann eine intensive Zusammenarbeit, die den Grundstein zum Kreisauer Kreis legte. Moltke und Yorck waren die führenden Vertreter dieses Kreises und nahmen an den meisten Beratungen in Berlin, München, Kreisau und auf den Yorckschen Gütern teil. Moltke stellte Kontakte zu protestantischen und katholischen Kirchenführern her und versuchte, die Führung der sozialdemokratischen Opposition in die Kreisauer Widerstandsarbeit einzubinden.

Bei zahlreichen Auslandsreisen gelang es Moltke, Gespräche mit Vertretern der Widerstandsgruppen der besetzten Länder zu führen. Aus Skandinavien wurden Briefe an die politischen Freunde in England abgesandt. So konnte ein Flugblatt der „Weißen Rose“ in das westliche Ausland lanciert werden.

Im November 1943 wurde die Wohnung Moltkes ausgebombt und er zog, wie Gerstenmaier, zu Yorcks in die Hortensienstraße.

Am 19. Januar 1944 wurde Moltke verhaftet, nachdem er Otto Kiep vor einer drohenden Verhaftung gewarnt hatte und dies auf Grund einer Denunziation entdeckt wurde. Seine Beteiligung an der aktiven Widerstandsarbeit wurde erst nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 aufgedeckt.

Im Prozess vom 9.-11. Januar 1945 verurteilte ihn der Volksgerichtshof zum Tode. Am 23. Januar 1945 wurde Helmuth James von Moltke in Berlin-Plötzensee ermordet.