Carlo Mierendorff (1897-1943)

Carlo Mierendorff wurde am 24. März 1897 als zweiter Sohn des Textilgroßhändlers Georg Carl Ludwig Mierendorff und seiner Ehefrau Johanna Charlotte, geb. Meißner, in Großenhain in Sachsen geboren. Noch in seiner Kindheit zog die Familie nach Darmstadt. Dort besuchte er das humanistische Ludwig-Georgs-Gymnasium.

An dieser Schule bildete sich ein Freundeskreis von literarisch-künstlerisch und politisch interessierten Schülern, dem neben Mierendorff auch Theo Haubach angehörte. Es entstand eine lebenslange Freundschaft, in der beide zu politischen Gefährten im Kampf gegen den Nationalsozialismus wurden.

Nach dem Notabitur 1914 meldete sich Mierendorff gemeinsam mit Haubach als Kriegsfreiwilliger. Die in Darmstadt zurückgebliebenen Freunde gründeten „Die Dachstube“, eine expressionistische Vereinigung, zu der auch der Frontsoldat Mierendorff literarische Beiträge lieferte.

Der wegen seiner Tapferkeit vom Kaiser persönlich ausgezeichnete Mierendorff kehrte desillusioniert aus dem Krieg zurück. 1918 stellten die Freunde das Erscheinen der „Dachstube“ mit einem Aufruf Mierendorffs ein: „Jetzt lebendig einspringen in den Strom der Geschichte.“ „Das Tribunal. Hessische Radikale Blätter“ heißt die neue, dezidiert politische Schrift mit Mierendorff als Herausgeber.

Von 1918 bis 1923 studierte Mierendorff Philosophie und Volkswirtschaft in Frankfurt und Heidelberg, das er mit einer Promotion abschloss. 1920 trat er in die SPD ein, in der er sich vom Gewerkschaftsfunktionär bis zum Sekretär der SPD-Reichstagsfraktion hochdiente. Als streitbarer „Herr Vielgeschrey“ und Anführer politischer Demonstrationen erregte er öffentliche Aufmerksamkeit.

1928 wurde er Pressesprecher des hessischen Innenministers Wilhelm Leuschner, 1930 Abgeordneter des Reichstags. Durch seine vielfältigen Aktivitäten, Veröffentlichungen und Reden machte sich Mierendorff zu einem Todfeind der Nationalsozialisten.

Nach der „Machtergreifung“ durch die Nazis hielt er sich in der Schweiz auf, entschloß sich aber zur Rückkehr nach Deutschland. Am 13. Juni 1933 wurde er verhaftet und im „Triumphzug“ als „Arbeiterverräter“ durch Darmstadt geführt. Für Mierendorff begann ein fünfjähriger Leidensweg durch die Konzentrationslager Osthofen, Börgermoor - wo er Wilhelm Leuschner wiedertrifft -, Lichtenburg, Esterwegen und Buchenwald. Obwohl sich zahlreiche Freunde aus dem In- und Ausland für Mierendorffs Freilassung einsetzten, wurde er erst 1938 aus der Haft entlassen.

Sofort nahm er wieder Fühlung zu alten Freunden aus Partei und Gewerkschaft auf. Er traf sich mit Theo Haubach, Wilhelm Leuschner, Hermann Maass und Ludwig Schwamb. Über Adolf Reichwein lernte er Moltke kennen. Im Kreisauer Kreis trat er unter dem Decknamen „Dr. Friedrich“ auf und übernahm vor allem den Bereich der sozialpolitischen Reformplanung.

Ein positiv veränderter religiöser Bezug, wohl durch die Leiden der KZ-Zeit entstanden, wurde durch die Gespräche im Kreisauer Kreis vertieft. Mierendorff vertrat die Meinung, dass ein Volk ohne metaphysische Bindung weder leben könne noch zu regieren sei. Vermittelt durch die Jesuitenpatres Delp und Rösch entstanden Kontakte zu oppositionellen katholischen Bischöfen. Am 14. Juni 1943 verfasste Mierendorff seinen Aufruf zur „Sozialistischen Aktion“.

Inmitten dieser Aktivitäten kam Carlo Mierendorff am 3. Dezember 1943 bei einem Bombenangriff auf Leipzig ums Leben.