Interviews

„Eine starke Zivilgesellschaft zu gestalten ist etwas, das ständiges Engagement verlangt“ – Im Gespräch mit Menschen, die die Arbeit der Kreisau-Initiative wirken lassen

Die internationale Bildungs- und Begegnungsarbeit der Kreisau-Initiative über die letzten Jahrzehnte trägt Früchte. Der Gedanke von Miteinander mitverantwortlich mitgestalten, unserem Jahresthema 2020–2021, wird durch Teilnehmer*innen unserer Projekte, Trainer*innen, Lehrkräfte und Projektpartner in verschiedenen europäischen Ländern weitergetragen. Im Folgenden möchten wir einige der Personen vorstellen, die sich infolge der Teilnahme an Projekten der Kreisau-Initiative in ihrem eigenen Umfeld engagieren, Wandel mitgestalten und Verantwortung übernehmen.
 

Kreisau-Initiative: Wie und wann hast du die Kreisau-Initiative kennengelernt?

Iva: Ich habe die Kreisau-Initiative bei einem Betzavta-Training in Kopenhagen 2015 kennengelernt. Die Teilnahme war eine tiefgründige Erfahrung, die mir Selbstreflexion und die Bewusstwerdung über meine Einstellungen im Hinblick auf die Begriffe Freiheit, Gleichstellung und Gerechtigkeit ermöglicht hat. Fünf Jahre später kann ich mich immer noch an bestimmte Augenblicke aus dem Training erinnern und sie genießen. Ein paar Monate nach dem Training hatte ich die Gelegenheit, mich während einer Fortbildung für Fachkräfte mit der Betzavta-Methode tiefergehend auseinanderzusetzen. Diese Erfahrung führte zu einer Konfrontation mit mir selbst und ich entdeckte neue Sichtweisen.

Ovidiu: 2015, als ich 16 war, wurde ich in meiner Schule ausgewählt, um zum Projekt „Brückenschlag“ (mit Medienschwerpunkt) mitzufahren. Damals wusste ich nichts von Erasmus, Inklusion und außerschulischer Bildung.

Izabela: Ich lernte die Kreisau-Initiative dank Paulina Jaskulska kennen. Sie informierte mich über die Möglichkeit der Weiterbildung für Personen, die mit Jugendlichen arbeiten.
Im Dezember 2016 nahm ich an Workshops zum Thema Antidiskriminierung teil, die für Trainer*innen und Lehrer*innen organisiert wurden. Sie wurden von Elli Kosek und Agnieszka Ćwieląg geleitet. Während der Workshops arbeiteten wir sowohl mit Methoden des Dramas, des Forumtheaters, als auch mit Methoden, die damals neu für mich waren, wie z. B. Energizer, Jako tako oder Raumskalen.
Damals lernte ich viele Menschen aus Deutschland, Polen, der Ukraine und Syrien kennen. Ihre Aktivitäten und Geschichten inspirierten mich. Mit vielen Menschen habe ich bis heute Kontakt.

Maja: 2007 wurde ich zum „MICC” in Kreisau/Krzyżowa als Zeitzeugin eingeladen, um über meine Kindheit während des Zerfalls von Jugoslawien in den 1990er Jahren zu erzählen.

 

Kreisau-Initiative: In welchem Rahmen hattest du schon vorher Kontakt mit außerschulischer Jugendbildung?

Iva: In einem gewissen Maße. Während des Studium habe ich an einigen Programmen teilgenommen, die Frauenrechte, Geschlechtergerechtigkeit und, insbesondere, Gewalt gegenüber Frauen thematisiert haben. Ich fand den Lernkontext sehr ansprechend und war viel mehr motiviert, in einem Kontext zu lernen, in dem Methoden der non-formalen Bildung angewendet werden.

Ovidiu: Ich hatte vorher mit außerschulischer Jugendbildung gar keinen Kontakt.

Izabela: Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, hatte ich viel mit außerschulischer Jugendbildung zu tun, allerdings nur im außerschulischen Rahmen über den Verein AKiMRA in meiner Heimatstadt Rawicz. Damals trafen wir als Schüler*innen und lokale Aktivist*innen regelmäßig zusammen und organisierten viele kulturelle Veranstaltungen, Konzerte und Theateraufführungen. Damals habe ich viel gelernt: wie ich mit meiner Stimme arbeiten kann, wie ich meinen Körper vor Aufführungen aufwärmen kann, wie ich Texte interpretieren und Gefühle auf der Bühne vermitteln kann. Die Beteiligung an den Vereinsaktivitäten war eine wertvolle Erfahrung für mich.

Maja: Da ich als Trainerin und Coach für internationale Debattenführung und kritisches Denken sehr aktiv war, könnte man sagen, dass ich bereits eine beachtliche Erfahrung in der non-formalen Bildung hatte.

 

Kreisau-Initiative: Gab es für dich in der Zusammenarbeit mit der Kreisau-Initiative ein Aha-Erlebnis? Etwas, was du nie vergisst? Etwas, was dein Leben/deine Arbeit seitdem stark geprägt hat?

Iva: Es gab viele Augenblicke, die mein privates wie berufliches Leben geprägt haben. Viele der Momente könnten als nichts Außergewöhnliches gesehen werden, aber ich habe sie als sehr anregend empfunden. Es waren größtenteils Einblicke, die Teilnehmer*innen oder meine Kolleg*innen in den Seminaren geteilt haben, die mich zur Weiterbildung und Entwicklung inspiriert haben. Insbesondere waren die Erkenntnisse junger Menschen für mich sehr inspirierend.

Ovidiu: Ich muss zugeben, dass meine erste Erfahrung mit der Kreisau-Initiative eine enorme Welle von Vielfalt, Kultur und großem Lächeln war. Dem Lächeln Vieler. Durch die Begegnung mit so vielen Menschen aus verschiedenen Hintergründen wurde mir bewusst, dass man von anderen sehr viel lernen und sehr viel Liebe teilen kann.
Ich kann mich genau erinnern, als ich zum Schluss der Projektwoche auf der Wiese lag und über die unglaubliche Woche reflektierte und in Glückstränen ausbrach. Es war ein Gefühl der Dankbarkeit darüber, was mich umgibt.
Das Projektziel war junge Leute miteinzubeziehen und es gab viele Teilnehmer*innen mit Beeinträchtigung; alle haben sich Mühe gegeben, gute Laune zu verbreiten und das Energieniveau war sehr hoch, denn alle hatten Spaß, auch wenn viele Übersetzung brauchten. Wir haben alle die Sprache der Liebe gesprochen und, glücklicherweise, braucht man dafür keine Dolmetscher*innen.

Izabela: Ich glaube, es gab viele solcher Momente. Auf dem Heimweg, nach meinem ersten Training 2016 und noch im Zug sitzend, verwandelte ich die in den Workshops erlernten Methoden in Ideen für den Deutschunterricht an der Schule.
In den darauffolgenden Tagen habe ich die Ideen intensiv genutzt, nicht nur in der Grundschule, sondern auch im Unterricht in der Berufsschule und in der Fachschule. Ich erinnere mich an die überraschten Gesichter meiner Schüler*innen, als sie die ganze Unterrichtsstunde losgelöst von den Tischen und Stühlen verbrachten.
Eine weitere, für mich wichtige, Erkenntnis war die Erfahrung während der von der KI angebotenen Schulungen und Workshops in einer Gruppe zu arbeiten. Bis dahin dachte ich, dass es viel besser sei, allein zu arbeiten. Heute stelle ich fest, dass Gruppenarbeit ein inspirierender und kreativer Gedankenaustausch ist. Sie führt zu großartigen Ergebnissen, wenn sie in konkrete Aktionen umgesetzt wird.
Es ist schade, dass in den Schulen so wenig Zeit und Raum für kreative Aktivitäten und Teamarbeit zur Verfügung steht.

Maja: Das MICC-Projekt war eine so umwandelnde Erfahrung, dass ich nach fünf Jahren seit dem ersten Kontakt Gelder für einen Ableger, das „Model International Criminal Court Western Balkans” (MICC WeB), erfolgreich angesammelt habe. Dieses Bildungsprojekt bringt seit 2013 Jugendliche aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien zusammen. Sie erkunden die gemeinsame, schwierige Geschichte – den Zweiten Weltkrieg und die Ereignisse in den 1990er Jahren –, bauen Brücken und schließen Freundschaften. Es ist ein besonderes Bildungsprogramm und eine Lernerfahrung mit transformativer Kraft, für uns Trainer*innen, und vor allem für die Jugendlichen.

 

Kreisau-Initiative: Was kann aus deiner Perspektive außerschulische Jugendbildung, wie sie die Kreisau-Initiative anbietet, leisten?

Iva: Die außerschulische Jugendbildung, wie sie die Kreisau-Initiative anbietet, gibt jungen Menschen wunderbare Gelegenheiten, sich selbst besser kennenzulernen, ihre Fähigkeiten zu entdecken, ihren Horizont zu erweitern, Freundschaften mit Menschen aus der ganzen Welt zu schließen und, das Wichtigste, gesellschaftliche Fragen besser zu verstehen.

Ovidiu: Ich habe beobachtet und ich weiß, dass die außerschulische Jugendbildung, wie sie die Kreisau-Initiative anbietet, neue Blickwinkel schaffen, neue Weg zeigen und viel Wissen verbreiten kann, nicht nur an Jugendliche. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass die Begegnungen der Kreisau-Initiative das eigene Leben verändern können.

Izabela: Ich denke, dass junge Menschen dank der non-formalen Bildung viele neue Erfahrungen sammeln können. Während der Begegnungen lernen die Teilnehmer*innen neue Menschen aus verschiedenen Ländern kennen, überwinden Sprachbarrieren, lernen Kommunikation, Fremdsprachen, brechen Stereotypen. Sie entwickeln ihre Leidenschaften oder entdecken neue Bereiche, die zu ihren Leidenschaften werden können. Sie lernen nicht nur andere kennen, sondern auch sich selbst. Es ist oft eine intensive Selbstarbeit, die auf natürliche, ungezwungene Weise stattfindet. Sie ist verknüpft mit dem Erleben neuer Dinge in der Praxis und mit den damit verbundenen Emotionen. Während der Begegnungen lernen die jungen Menschen zu kooperieren, gewinnen Selbstsicherheit. Die non-formale Bildung, wie sie von der KI umgesetzt wird, stellt einen großen Mehrwert sowohl für die Teilnehmer*innen, aber auch für uns – die Trainer*innen – dar.

 

Kreisau-Initiative: Wie hat die Erfahrung mit der Kreisau-Initiative deine weitere Arbeit (Erwerbsarbeit oder ehrenamtliches Engagement) geprägt?

Iva: Ich verwende in meiner Arbeit viele der erlernten Methoden, wie Kennenlern-, Auswertungs-, Selbstreflexions- und Gruppenarbeitsübungen.

Ovidiu: Nach den enormen emotionalen und psychischen Veränderungen, die ich durchgemacht habe, wurde ich neugierig auf nonformale Bildung. Die Trainer*innen waren sehr aufgeschlossen und haben versucht uns zu inspirieren zu lernen und Neues zu erfahren. Mit der Zeit habe ich an weiteren Projekten teilgenommen, weitere Kulturen entdeckt und wurde mit den non-fomalen Methoden besser vertraut. Durch diese Erfahrungen haben ich Englisch gelernt, bin meine Angst vorm Sprechen in der Öffentlichkeit losgeworden, habe viele neue Freunde und Bekanntschaften gewonnen.

Izabela: Dank der Zusammenarbeit mit der KI begannen Schüler*innen der Schule, an der ich arbeite, an internationalen Jugendbegegnungen teilzunehmen. Viele von ihnen können es kaum erwarten, sich an weiteren Projekten zu beteiligen.
Fasziniert von den Treffen, aber auch von ihrer Form, begann ich, Begegnungen von Kindern aus der Grundschule in Golina Wielka mit Gleichaltrigen aus Deutschland zu initiieren. Bisher ist es uns gelungen Jugendbegegnungen mit Schulen aus Gelsenkirchen und Köln zu organisieren.
Im Alltag versuche ich sehr oft, den im Unterricht besprochenen Stoff mit Gedächtnisspielen, Pantomime, Rätseln, Sketchen oder Geschichtenwürfeln zu kombinieren. Meine Lieblingsmethode ist die Blume. Die Schüler*innen arbeiten mit dieser Methode in kleinen Gruppen. Ihre Aufgabe ist es, Gemeinsamkeiten zwischen einzelnen Personen und auch für die ganze Gruppe zu finden. Dank dieser Methode wird ein Verständigungsfaden zwischen Gruppenmitgliedern hergestellt.
 

Kreisau-Initiative:  [bitte ergänzen] Um in der außerschulischen Jugendbildung mehr Zielgruppen zu erreichen, …

Maja: …müssen wir aufhören, Menschen in Kategorien oder Zielgruppen wahrzunehmen.

Izabela: …brauchen wir mehr Förderung von Aktivitäten und positiven Auswirkungen der non-formalen Bildung unter Lehrer*innen, Jugendbetreuer*innen, Eltern und Jugendlichen in kleinen Orten. Wir sollten junge Menschen dazu ermutigen, Initiativen in der lokalen Gemeinschaft zu ergreifen. Wir sollten zeigen, dass das Lernen nicht nur im Schulraum stattfinden muss. Bildung kann viele Formen annehmen und äußerst inspirierend sein.

 

Kreisau-Initiative: [bitte ergänzen:] Ich arbeite gerne mit der Kreisau-Initiative zusammen, weil…

Iva: …ich erlebe, dass ich als Person wachsen und zum Wachsen anderer Projektbeteiligter beitragen kann.

Ovidiu: …ich dadurch die Motivation bekomme, ein besserer Mensch zu sein, ich bekomme Wissen und Inspiration.

Izabela: …mir diese Arbeit viel Freude, Inspiration und Motivation bringt.

Maja: …ich über die Jahre hinweg wunderbare Kolleg*innen und Freunde gewonnen habe und weil Kreisau/ Krzyżowa eine starke, inspirierende und unvergängliche Botschaft vermittelt.

 

Kreisau-Initiative:  Herzlichen Dank an euch alle für das Interview!

Iva Bubalo
Land: Kroatien
Verbindung mit der Kreisau-Initiative: ehemalige Praktikantin, derzeitig Trainerin in allen drei Schwerpunktbereichen des Vereins

„Eine starke Zivilgesellschaft zu gestalten ist etwas, das ständiges Engagement verlangt, es ist ein niemals endender Prozess, der Mühe, Geduld und Mut braucht, um daran teilzunehmen.“

Dr Maja Nenadović
Land: Kroatien/ Ungarn
Verbindung mit der Kreisau-Initative: Trainerin im „Model International Criminal Court” (MICC)

„Zur Menschenrechtsbildung mit jungen Menschen motiviert mich die Tatsache, dass Menschenrechtsbildung eine unendliche Verantwortung und Verpflichtung ist. Denn jede neue Generation muss die Gefahr von Menschenrechtsverletzungen verstehen. Angst, Misstrauen, Hass und Intoleranz liegt letztendlich eine Denkweise von wir-gegen-sie zugrunde.”

Ovidiu Oniciuc
Land: Rumänien
Verbindung mit der Kreisau-Initiative: Mitwirkung an fünf Brückenschlag-Ausgaben als Teilnehmer, Sprachmittler und freiwilliger Helfer

„Die Zusammenarbeit mit der Kreisau-Initiative bringt mir die Motivation, ein besserer Mensch zu sein, Wissen und Inspiration.“

Izabela Pieprzyk
Land: Polen
Verbindung mit der Kreisau-Initiative: als begleitende Lehrkraft bei zahlreichen Austauschprojekten der Kreisau-Initiative sowie als Teilnehmerin an verschiedenen Fortbildungen für Fachkräfte der Kreisau-Initiative

„Ich freue mich, dass ich mit der Kreisau-Initiative zusammenarbeiten kann. Ich freue mich auf jedes Projekt, jede Begegnung, jeden Workshop, an dem ich und meine Schüler*innen teilnehmen können.“