Von allen Seiten bedrängt und geängstet ...

Predigt im Gottesdienst zum 100. Geburtstag von Helmuth James von Moltke

Französische Friedrichstadtkirche Berlin, 11. März 2007

Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi.
Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt. Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir auch kommen, immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird.

(2.Korinther 4, 6-10)

von Dr. Margot Käßmann

Liebe Gemeinde,

die Verse aus dem zweiten Korintherbrief, die wir eben gehört haben, zitierte Helmuth James von Moltke in einem Brief am 10.1.1945 an Sie, liebe Freya von Moltke. Es ist ein sehr persönlicher Brief. Wir dürfen dankbar sein, dass Sie ihn andere mitlesen lassen. Denn selten habe ich einen Text gelesen, der von solcher Glaubenszuversicht zeugt. Von einer tiefen Gotteserfahrung geprägt, reflektiert Moltke seinen bevorstehenden Tod. Er weiß, er wird am nächsten Tag zum Tode verurteilt werden. Das Sterben ist nahe. In dieser Situation spricht er mit einer bewegenden Zuversicht davon, wie er sich gehalten weiß von Gott, dem er sich anvertraut hat -Gottvertrauen, das auch über die 62 Jahre Abstand klingt und berührt.

"Von allen Seiten bedrängt und geängstet..." Ja, so haben Sie es erfahren. Wie demütigend die Auseinandersetzungen vor dem Volksgerichtshof waren, kann nachempfinden, wer einmal die Filme gesehen hat, wie sie dort stehen, die Angeklagten und Roland Freisler geifernd auf sie einbrüllt. Aber Helmuth James von Moltke blickt dankbar auf diese Tage zurück und sagt: "Wie gnädig ist der Herr mit mir gewesen! Selbst auf die Gefahr hin, dass das hysterisch klingt: ich bin so voll Dank, eigentlich ist für nichts anderes Platz. Er hat mich die 2 Tage so fest und klar geführt: der ganze Saal hätte brüllen können, wie der Herr Freisler, und sämtliche Wände hätten wackeln können, und es hätte mir gar nichts gemacht...."

Können wir das nachvollziehen? Eine solche Glaubenskraft! Ich denke, wir können es nicht -und das ist gut so! Dietrich Bonhoeffer, der auch von den Nazis ermordet wurde, hat einmal gesagt, Gott gebe uns solche Kraft nicht im Voraus, damit wir nicht hochmütig werden und uns nicht auf uns selbst verlassen, sondern ganz und gar auf ihn. Wir haben den Schatz nur in irdenen Gefäßen!

Als Bischöfin erreichen mich oft Briefe von Menschen, die mir erklären, sie könnten nicht an Gott glauben angesichts des Leids in dieser Welt oder sie könnten nicht mehr an Gott glauben, weil ihnen Schweres zugestoßen sei. Doch, den Schmerz und den Zweifel kann ich nachempfinden, auch die Empörung über das eigene Leid. Eine solche Haltung aber macht Gott zu einem Automaten, zu dem ich bete und Gutes kommt für mich heraus. Dann wird Glaube doch zur Berechnung: Wenn ich fromm bin, läuft es gut im Leben. Genau dagegen hat Martin Luther rebelliert: Nichts, was ich tue, macht mich von Gott akzeptiert oder wohlgelitten. Gott sagt zuallererst Ja zu mir, ohne Vorbedingung. Gott gibt meinem Leben Sinn, Gott hält mich. Und weil ich das weiß, habe ich die Freiheit, in der Welt zu leben und zu handeln. (Das ist ein Erbe, das wir heute mit Christinnen und Christen römisch-katholischer Konfession teilen.)

Die Erfahrung des christlichen Glaubens ist immer wieder: Ich darf mich von Gott gehalten wissen gerade in den schweren Tagen des Lebens. Gott kann das Leiden der Welt nicht verhindern, wo Licht geschaffen ist, gibt es auch Dunkel, wo Leben existiert, gibt es in dieser Welt auch die Wirklichkeit des Todes. Aber wir glauben: Gott wird mir im Leiden die Kraft schenken, die ich zum Leben brauche. Das unterscheidet unseren Glauben von anderen, dass wir überzeugt sind: Gott kennt Leiden. Ja, Gott hat selbst gelitten am Kreuz und den Tod erfahren. Deshalb, gerade deshalb können wir uns Gott anvertrauen, wenn es in unserem Leben die Erfahrung von Leiden und Tod gibt.

Die Passionszeit, in der wir stehen, ist daher für uns von zentraler Bedeutung. Wir gehen auf Ostern zu, auf diesen freudigen Ruf: "Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!" Aber vor diesem Ruf kommt die Erinnerung an das Leiden, den Kreuzweg, den Tod. Nicht die Geburt des Kindes ist das höchste Fest der Christenheit, sondern die Überwindung des Todes. Und die ist ohne Leid und Sterben nicht zu haben. Das aber ist keine Bedrohung, das erzeugt auch keine Griesgrämigkeit, sondern es geht um eine elementare Lebenszusage. Davon können wir etwas ausstrahlen mitten in der Spaßgesellschaft. Ich muss mich nicht ständig ablenken, wenn ich weiß, wo ich stehe. Ich habe Wurzeln, mir ist Sinn zu gesagt. Mein Leben macht Sinn, weil Gott sich etwas dabei gedacht hat! Aus dieser Lebenshaltung heraus kann ich Verantwortung übernehmen im Leben und in der Gesellschaft -denn ich bin gehalten.

Als wir im vergangenen Oktober mit der Freya von Moltke-Stiftung in Kreisau waren, hat mich das Berghaus besonders fasziniert. Abseits vom großen Gut, liegt es etwas erhoben, eine große Terrasse. So schwer fiel es Dorothy Moltke wohl gar nicht, in der schwierigen wirtschaftlichen Situation der 30er Jahre vom Gut dorthin zu ziehen. Und wer das Haus sieht, kann sich gut vorstellen, dass es ein glückliches Haus ist. Da weht ein Geist von Liebe und Freiheit. (Hatte Dorothy schon den Schritt von Südafrika nach Schlesien, in die Provinz, gewagt, so war der Schritt vom Gut ins Berghaus wohl so schwer nicht...)

Es lässt sich gut vorstellen, wie in diesem Haus Menschen so unterschiedlicher Prägung zum Diskutieren zusammenkamen. Ja, freie Geister waren das! Da ging es um einen viel tieferen Freiheitsbegriff als dem heutigen, der oft in Banalität versinkt: Freiheit zu tun, was ich will. Nein, Freiheit zur Verantwortung, Freiheit zur Bindung war das Thema. Oder mit Luther: Es geht um die Freiheit, niemandem und gleichzeitig jedermann Untertan zu sein...

Mir ist besonders wichtig, dass in Kreisau Widerstand gegen die Nazi-Diktatur Thema war, aber eben auch die Vision von einem neuen Europa, das Miteinander von Arbeitern und Intellektuellen und Völkerverständigung. Es ist in der Tat ein europäisches Erbe, von dem wir sprechen! Und das tut Europa gut, weil es notwendig ist, dass Europa nicht nur eine politische, wirtschaftliche oder gar bürokratische Einheit darstellt, sondern wahrhaftig eine Seele hat. Es muss doch um ein gewolltes Miteinander der Menschen gehen. Ich bin überzeugt, dass hierzu das jüdisch-christliche Erbe eine gute Basis bildet und wünsche mir, dass gewagt wird, das in der Präambel der EU-Verfassung auch so zu formulieren.

Helmuth James von Moltke schrieb in dem erwähnten Brief an seine Frau, dass es im Prozess vor dem Volksgerichtshof nicht etwa um Organisationsfragen ging, "nicht etwa Reichsaufbau – das alles ist im Laufe der Verhandlung weggefallen (...), besprochen wurden Fragen der praktisch-ethischen Forderungen des Christentums. Nichts weiter: Dafür allein werden wir verurteilt. Freisler sagte zu mir in einer seiner Tiraden: Nur in einem sind wir und das Christentum gleich: Wir fordern den ganzen Menschen."

Wie brutal ist er untergegangen der Nationalsozialismus, wie viele ganze Menschen hat er in den Tod gerissen. Wie distanziert können wir ihn als Irrsinn anschauen. Ja, ich weiß, es gibt die NPD und Versuche von Verherrlichung. Aber das mutet derartig ewiggestrig an! Ja, ich weiß, wir müssen dem neuen Antisemitismus wehren! Aber den ganzen Menschen... nein, für solche verqueren Ideologien würde sich doch heute nur jemand opfern, der keinerlei Orientierung hat, völlig verzweifelt ist. Was bleibt aus der Geschichte, ist die Hochachtung vor denen, die nicht verführbar waren, sondern den Mut hatten, zu widerstehen. Die mitten in der Finsternis standen und doch das helle Licht der Hoffnung gesehen haben. Das sind Menschen mit Visionen, das sind Menschen mit Halt. Sie haben Wurzeln! Sie wissen, wo sie stehen. Aber sie haben eben auch Flügel, um mit Goethe zu sprechen. Solche Menschen braucht Europa auch heute, die mutig nach vorn denken wie der Kreisauer Kreis.

(Ja, sie waren dort im Gefängnis in der Finsternis, Helmuth James von Moltke und die anderen, die zum Tode verurteilt waren. Aber die Finsternis, sie zeichnete sich ja schon ab, als der junge Moltke versuchte, in der völkerrechtlichen Abteilung der Amtsgruppe Ausland/Abwehr humanitär auf das Geschehen einzuwirken. Die Finsternis hat sie aber über all diese Jahre nicht entmutigt, sie hatten durch ihren Glauben innere Stärke zu widerstehen!) Wie können wir heute dafür Sorge tragen, dass wir, aber auch eine nachfolgende Generation solche Kraft hat? Lassen Sie mich vier Punkte nennen:

Es ist entscheidend ist, Worte anderer zu kennen, wo es uns die Sprache verschlägt. Eine Sprache der Hoffnung, die über unsere Zeit und Welt hinausweist. Solche Worte, die Menschen seit Jahrtausenden tragen, kennt die Bibel. Was für ein Trauerspiel, dass im Land der Reformation so viele Menschen diese Worte nicht mehr kennen. Wir dürfen die Kette des Erzählens vom Glauben nicht abreißen lassen. Menschen brauchen eine Grundration an Glaubenstexten, damals wie heute.

• Moltke schreibt: „Ich fühle mich gar nicht ,jenseitig'. ... Denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält." Wenn wir die derzeitigen Debatten über aktive Sterbehilfe, effektives Sterben sehen, die Ausgrenzung von Sterbenden, dann ist das eine Ermutigung, dem Tod ins Gesicht zu sehen. Bei Helmuth James von Moltke war es ein brutaler, erzwungener und vorzeitiger Tod. Aber er macht auch Mut, vom Tod überhaupt zu sprechen. Geängstet, und doch voller Hoffnung. Licht in der Finsternis. Eine Zukunftshoffnung, die über diese Zeit und Welt hinaus geht. Davon haben wir zu reden, damals wie heute.

• Wenn heute zwischen Polen und Deutschen neue Spannungen auftauchen, der Geist von Revanchismus und Geschichtsverklitterung Oberhand zu gewinnen scheint, dann steht der Kreisauer Kreis dagegen. Dort ging es um eine Vision von einem neuen Miteinander. (Ja, Helmuth James von Moltke hoffte sogar, seine Frau könnte mit den beiden Söhnen unter sowjetischer Herrschaft dort leben.) Die Hoffnung auf Europa müssen wir wach halten, das ist ein relevantes Erbe von Kreisau! Wir dürfen uns freuen auf ein zukünftiges Miteinander von Polen und Deutschen, das um die Geschichte weiß, aber versöhnt und frei Zukunft gestaltet. Und deshalb ist Kreisau ein so guter Ort heute für deutsch-polnische Begegnung.

• Es geht um die Verantwortung des Einzelgewissens. Das ist in unserer Zeit so notwendig wie damals, denke ich. Wie können wir den Irakkrieg einfach hinnehmen? Wie können wir mit dem Hunger in der Welt leben? Wie können wir die Klimkatastrophe zur Schlagzeile erstarren lassen? In der Finsternis braucht es das Licht der Hoffnung. Und diese Hoffnung kann nur genährt werden von Menschen, die bereit sind, aus ihrem Glauben heraus sich und ihr Leben einzusetzen, damals wie heute. Die Schergen des Untergangs, sie sind verachtet oder vergessen. Die damals so schmählich Verurteilten, sie sind die Hoffnungsträger bis heute.

Liebe Gemeinde,

die Erinnerung birgt Hoffnung. Aber sie ist auch Auftrag. Licht soll hervorleuchten, auch heute. Und wir sind verantwortlich, dass dieses Licht erkennbar wird für viele. Auch wenn wir bedrängt sind, auch wenn wir unser Leben gern bewahren würden oder uns zumindest gern einkuscheln würden in bequeme Verhältnisse: Widerstand ist notwendig, damals wie heute, ein Eintreten für das Leben ist gefragt. Nur wer das akzeptiert, wird dem Erbe gerecht, das so aufrechte Christen wie Helmuth James von Moltke uns hinterlassen haben. Ja, dieses Erbe macht Mut. Wir dürfen uns in Dankbarkeit erinnern und wissen: es gibt Licht in der Finsternis. Amen.

Margot Käßmann