Erinnerungen an Harald Poelchau
Ein Netzwerk für Hilfesuchende
Man braucht sicherlich nicht alle Geschehnisse des menschlichen Lebens als geheimnisvolle Fügungen zu sehen, aber in meinem langen Leben habe ich immer wieder erstaunliche Konstellationen erlebt, auf die das zutrifft. Ich habe sie am eigenen Leibe erlebt und in Herz und Seele empfunden. Harald Poelchaus vielseitige praktische, helfende Rolle in der damaligen schrecklichen Zeit gehört dazu. Was wären wir ohne diese geheimnisvollen Fügungen gewesen in einer schweren Zeit des Lebens und Sterbens. Wieviel schlechter noch wären ungezählte Menschen, Verfolgte des Naziregimes, damals dran gewesen ohne Harald und seine Frau Dorothee.
Das Netzwerk der Poelchaus für Hilfesuchende war erstaunlich weit. Schon in der Gefängnisverwaltung selbst gab es Menschen, die ihn in seinem Tun unterstützten oder mindestens schweigend zusahen. Das Gefängnis Tegel unterstand dem Justizministerium und dessen konservativem Strafvollzug. Das hatte sich durch die Herrschaft der Nationalsozialisten kaum verändert. Dort gab es noch langjähriges Beamtentum. Die Nazis erfanden und nutzten für ihre Zwecke die Konzentrationslager und übernahmen nur das eine oder andere Gefängnis, nicht aber das in Tegel. (...)
Er war ein großer Seelsorger. Schon sein Stil wirkte wohltuend. Selbst ein Pfarrersohn aus Schlesien, war er doch ganz und gar unpastoral. Das Predigen wurde ihm immer schwer, aber sein christlicher Trost saß und half immer. Er war sachlich, nüchtern, unsentimental. Aber er kannte und achtete menschliche Herzen. In jedem Gegenüber respektierte er den Menschen, ob die Person den Kriminellen, den Politischen oder welcher sozialen Schicht auch immer angehörte. Er war klassenlos. Seine Seelsorge befasste sich auch immer mit denen, die "draußen" waren, deren Befinden aber für die "drinnen" - und umgekehrt - von großer menschlicher Bedeutung war. Er stellte Verbindung her zwischen draußen und drinnen. Und seine Seelsorge bezog sich auch auf höchst praktische Dinge, deren große Bedeutung für seine Anvertrauten ihm immer gegenwärtig war. (...)Das alles lernte ich persönlich nach dem missglückten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 kennen. Unmittelbar hatte Helmuth mit diesem Versuch nichts zu tun, denn er saß schon seit Januar dieses Jahres im Gefängnis des Konzentrationslagers Ravensbrück, weil er einen Bekannten vor seiner bevorstehenden Verhaftung gewarnt hatte, was die Gestapo erfahren hatte. Aber viele unserer politischen Freunde waren unmittelbar dabei, und in den dann folgenden Vernehmungen kam schnell Helmuths bedeutende oppositionelle Mitarbeit zu Tage.
Als ich bald nach dem missglückten Attentat von Kreisau aus den Versuch machte, Helmuth zu besuchen, was mir zuvor einmal im Monat zugebilligt worden war, wurde mir mitgeteilt, er sei eben von Mecklenburg nach Berlin verlegt worden, wahrscheinlich in das SS-Gefängnis in der Lehrter Straße. Ich verstand wohl, was das bedeutete. Ich fuhr umgehend zurück nach Berlin und fragte nach ihm an diesem Gefängnistor. Dieses Gefängnis war nun durch die Bomben der vorhergehenden Nacht nicht mehr ausbruchssicher gemacht worden und viele Gefangene, so auch "der Lange", wie mir durchaus freundlich der SS-Mann sagte, seien eben nach Tegel gekommen. Mein Herz schlug höher! Poelchaus Gefängnis! Vom nächsten Stadtbahnhof aus rief ich gleich bei ihm an. Prompt bestellte er mich für den nächsten Morgen in sein Büro im Gefängnis. Von dann an wurde das Gefängnis Tegel und die Wohnung der Poelchaus in der Afrikanischen Straße im Wedding bis zu Helmuths Tode am 23. Januar 1945 der Mittelpunkt meines Lebens.Nun begann ich, wie zuvor von Kreisau aus, täglich Briefe an Helmuth zu schreiben. Poelchau brachte sie in seine Zelle und Helmuths Antworten zurück. Nach Helmuths Anweisung kümmerte ich mich um seine Verteidigung bei der bevorstehenden Volksgerichtsverhandlung. Es gab da viel zu tun, ich war dauernd unterwegs. In Kreisau sorgte Helmuths Schwester Asta dafür, dass alles ruhig weiter lief. Ich fuhr nur immer wieder kurz hin, um Lebensmittel nach Berlin zu bringen.
Ich kann keine Worte finden um zu beschreiben, was der Friede der Poelchauschen Wohnung und ihr Mitempfinden für mich in dieser Zeit bedeutete. Ich fühle das noch heute in aller Stärke. Dass ich dort täglich anlaufen durfte, dass ich dort friedlich sitzen, schreiben, sprechen konnte, dass ich von dort aus auch die drei Besuche im Gefängnis, die mir noch erlaubt waren, machen konnte. Dass uns dank der vielen Briefe hin und her eine lange, lange Zeit des Abschiednehmens gegönnt wurde, hat mein ganzes folgendes Leben beeinflusst und viel leichter gemacht. Harald wurde für meinen Mann in diesen Monaten in vielen Besuchen in Helmuths Zelle ein naher Freund. Aber die letzte Nacht seines Lebens verbrachte Helmuth nicht mit Harald, denn Helmuths Tod kam nach seiner Verurteilung durch Hitlers "Volksgerichtshof" 12 Tage später plötzlich und zu diesem Zeitpunkt unerwartet. Ich erfuhr es von Poelchau in ihrer Wohnung.Ich lernte in dieser Zeit die Poelchaus von der Nähe kennen, lieben und bewundern. Ich erlebte sie bei ihrem Einsatz. Sie machten gemeinsam diese schweren und schrecklichen Jahre durch ihr Tun zu der hohen Zeit ihres Lebens! Sie nahmen es als ihr Schicksal an. Obgleich sie das Elend der Menschen, mit denen sie zu tun hatten, tief miterfassten und alles daran setzten zu helfen, wo sie konnten, blieben sie ungetrübt, freundlich, geduldig, er sogar heiter.
Freya von Moltke
Wie gut, in dieser Hölle wenigsten einen zu kennen
Ich bin sehr dankbar für die Aufforderung, von meinen Erinnerungen an Harald Poelchau zu sprechen, weil ich daran arbeiten musste, wie ich meine unauslöschlichen Erfahrungen mit ihm vermitteln könnte. Er war ein Mensch, der aus tiefer Überzeugung auf das TUN setzte, der sich wie der barmherzige Samariter der Not des einzelnen Menschen annahm, aber über ihn und seine privaten Belange erfuhr man kaum etwas. Ich habe nach Jahrzehnten wieder in seinem biographischen Bericht über die Entwicklung seiner selbst gesetzten Lebensaufgabe gelesen. "Die Ordnung der Bedrängten" hat er das Büchlein betitelt. Seine wenigen Hinweise auf die Ursprünge seines absorbierenden Einsatzes haben mir gezeigt, wie gradlinig die Entwicklung des Einzelkindes verlief, das in einem Pfarrhaushalt in Schlesien aufwuchs, und dessen Vater kein Ansprechpartner war im Hinblick auf die sozialen Umgereimtheiten und Ungerechtigkeiten, die der Sohn mehr oder weniger bewusst wahrnahm. Er litt unter den Unzuträglichkeiten zwischen Bauern und Gutsarbeitern auf der einen Seite und andererseits dem adligen Großgrundbesitzer mit feudalem Lebensstil, der gleichzeitig Patronatsherr war. Je älter er wurde, umso weniger erwartete er von privater Gottesbeziehung und Innerlichkeit eine Antwort auf die ihn bedrängenden Sinnfragen, die seine Umwelt nahelegte. So wurde Hilfe für die Bedrängten, die existentiell Benachteiligten, zum Mittelpunkt seiner Lebensbemühungen. Seit 1933 war seine Arbeit die eines Gefängnispfarrers.
Ich habe den Namen Poelchau schon 1942 gehört - er hatte für mich zunächst einen fast mysteriösen Beiklang, etwa in der Art, "in dieser verzweifelten Lage kann nur noch dieser Mann, Poelchau eben, helfen". Das war im Herbst 1942, als die "Rote Kapelle" entdeckt worden war. Dolf von Scheliha, ein älterer, sympathischer Kollege Hans von Haeftens und meines Mannes in der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes, war verhaftet worden. Er schien überhaupt nicht in das Bild zu passen, das man sich von der "Roten Kapelle" machte. Er wirkte ganz "alte Schule", liebenswürdig und gastfrei. Daher war nicht wirklich verständlich, dass er über Beziehungen zu anscheinend einflussreichen, regimekritischen Stellen verfügte. Diese stellte er unseren Freunden auch zur Verfügung, wenn dadurch etwas erreicht werden konnte, was auf offiziellen Wegen nicht möglich war. Für Haeften war diese Festnahme besonders besorgniserregend, weil er am Morgen des Ereignisses ein verfängliches Aktenstück auf Schelihas Schreibtisch gelegt hatte und damit der Verdacht der Gestapo möglicherweise auch auf ihn gelenkt worden war. (…)
Eineinhalb Jahre danach, im Anschluss an den missglückten Staatsstreich vom 20. Juli 1944, war Adam, mein Mann, verhaftet worden, und ich wusste noch nicht einmal, in welcher Haftanstalt er untergebracht worden war. Ich war damals mit meinen kleinen Töchtern - Verena war zweieinhalb, Clarita neun Monate alt - wegen der verheerenden nächtlichen Bombenangriffe auf Berlin nach Imshausen gezogen, ein winziges Dorf in Oberhessen, in dessen Mittelpunkt das große Familienhaus der Trotts schon viele Bombenflüchtlinge aufgenommen hatte. Ich fuhr sofort nach Berlin, als mich die Hiobsbotschaft erreichte. Aber ich hatte mögliche Schritte zu seiner Befreiung nie mit ihm besprochen, und die drei einsamen Tage dort wurden in gewisser Weise die schlimmsten Tage meines Lebens, weil es sich zeigte, dass ich nichts, absolut gar nichts für ihn tun konnte. Sein Freund Werth setzte alles in Bewegung, was unter diesen Umständen überhaupt möglich war, aber ich selbst war jetzt so gefährlich wie die Pest für alle Freunde und Bekannten, die noch in Freiheit waren. Ich konnte mich an niemanden wenden, auch im Volksgerichtshof keine Besuchserlaubnis beantragen, weil man mich dann wahrscheinlich umgehend festgenommen hätte. Ich musste mich damals aber noch für die kleinen Töchter erhalten.Den Namen Poelchau hatte ich nicht vergessen, aber keine Vorstellung davon, wo ich etwa unauffällig nach ihm fragen könnte. Erst als ich zum zweiten Mal nach Berlin reiste, weil mein Schwager mich wieder benachrichtigte, dass nunmehr am 15. August die Verhandlung gegen meinen Mann und Haeften angesetzt wäre, sprach dieser Schwager plötzlich von ihm. (… ) Das war am Tag vor der VGH-Verhandlung, die im Kammergericht stattfand. Am Tag nach der Verhandlung konnte ich daher pünktlich zu Stelle sein. Aber, was unerwartet war: Ich wurde zunächst eher unpersönlich empfangen. Hier fände die Sprechstunde gar nicht mehr statt, sagte er. Er sei zufällig heute dort. Ich habe mir das erst viel später erklären können. Er kannte mich ja nicht, wusste nichts über mich, auch wahrscheinlich nicht viel von Adam. Er musste auf der Hut sein, weil Spitzel sich oft über Grüße und Empfehlungen von einwandfreien Regimegegnern einführten. (...).
Als ich dann anfing zu berichten, was ich - oder wir, die unmittelbare kleine Adam-Trott-Familie - gerade durchgemacht hatten, vertrieb dies offenbar alle Zweifel an meiner Integrität. Er war ganz präsent, und ich meinte irgendwann sogar, dass sich seine Augenlider gerötet hätten, aber das müsse meine Phantasie sein, dachte ich dann. Wer täglich vielmals mit solchem Elend konfrontiert sei, müsse wohl abgehärtet sein. Ich erzählte: Mein Schwager habe mich am Morgen des Verhandlungstages abgeholt und gesagt, ich müsse das Notwendigste mitnehmen, ich dürfe nicht zurück in unsere Wohnung. "Sie suchen dich", sagte er. Während ich Nachthemd, Zahnbürste und Regenschirm in eine große Handtasche packte, merkte ich, dass mir die Zunge so fest am Gaumen klebte, dass ich Wasser trinken musste, um sie zu lösen. Ich kannte das Phänomen aus den Psalmen Davids, dessen Zunge vor Angst am Gaumen klebte, als die Kriegsleute des Königs Saul ihn verfolgten. Erst da sagte ich mir "soviel Angst hast Du also auch!" Mein Schwager, der selbst gefährdet war, übergab mich am Nollendorfplatz an Alexander Werth, und der war dann klug und mutig genug, mir die furchtbare letzte Nachricht aus Imshausen nicht zu verschweigen: Man hatte am Sonntag in der Frühe meine beiden Kinder abgeholt. Bis Kassel hätten meine Schwägerin Vera und die treue Wirtschafterin sie begleiten dürfen, dann hätten sie sie dort verlassen müssen. Verena hatte gerade sprechen gelernt, das Baby hatte von Anfang an immer wieder gesundheitliche Sorgen gemacht. Es hat mir zu diesem Zeitpunkt geholfen, dass ich versuchten musste, Adam noch zu sehen, d.h. in das Kammergericht vor zu dringen, in dem der Volksgerichtshof am 15. August tagte. Es war, als legte sich ein Panzer um mein Fühlen, der sich danach lange Zeit nicht wieder öffnete. Anders hätte ich das Folgende wohl nicht heil durchgestanden.
Ich drang so weit vor, dass ich Freislers Schreien durch die hohen Türen des Verhandlungssaals hindurch hörte, aber an meinen Mann kam ich nicht mehr heran. Wiederum erscheint es wie ein Wunder, dass ich nicht verhaftet wurde. Zu der Zeit, als ich Poelchau dies alles berichtete, hatte ich schon von meinem Schwager gehört, dass Adams Hinrichtung noch aufgeschoben worden war. Ich habe Harald also gebeten, ihm, wenn möglich, meinen Abschiedsbrief noch zu geben. Er sagte allerdings, er käme an die Gefangenen auf ihrem letzten Gang nicht mehr heran, was ihm durch Zufall mit Peter Yorck noch geglückt sei. Er wolle aber den katholischen Geistlichen bitten, für den Fall, dass dieser eine Gelegenheit sähe, ihm auf seinem letzten Weg den Brief zu geben oder Grüße zu sagen. Die Diensträume des Amtskollegen lagen unmittelbar am Weg der Verurteilten.
Poelchau hat mir dann angeboten, mir eine Adresse zu geben, wo ich einen neuen Ausweis erhalten würde, so dass ich untertauchen könne. Meine Kinder würde ich sowieso vor Kriegsende nicht zurück erhalten, vielleicht wären sie inzwischen Nazisiedlern im Warthegau anvertraut worden. Er denke, dass für mich das Untertauchen einer Inhaftierung vorzuziehen wäre, die nach allem Vorgefallenen sicher auf mich zukäme. Ich würde nicht lange in einem Gefängnis gehalten werden. Und was danach käme, würde sehr unangenehm sein. Er malte es nicht aus, und ich fragte auch nicht. Seine Fürsorge erreichte uns immer als Essenz seiner vielfach erwähnten Nüchternheit. Ich habe das als unerhört hilfreich empfunden. Man fühlte sich ernst genommen, und diese ungefärbte Wahrheit ermöglichte es, selbstständig über die nächsten Schritte zu entscheiden. Ich habe eine kleine Weile überlegt, ob ich das Wagnis des Untertauchens eingehen könne. Meine 26 Lebensjahre hatten mich zwar auf eine Existenz im Widerstand, aber überhaupt nicht auf das Überleben im Untergrund vorbereitet, so dass ich das Angebot ablehnen musste. Ich sagte, dass ich hoffte, zur Not anständig sterben zu können, aber untertauchen könne ich nicht. Irgendwie hat es mich damals gestärkt und mir wohlgetan, mit diesem souveränen und so hilfsbereiten Mann zu sprechen, der sich offenbar in der uns umgebenden Hölle ebenso gut auskannte wie im "Himmel", der Gegenwelt, eben dem Bereich, dessen Belange er unter uns Verfolgten verwaltete und als dessen Vertreter er uns erschien.Ich war noch am Tag der Verhandlung in das eigentliche VGH-Gebäude gegangen und hatte Sprecherlaubnis beantragt. Auch zum Tode Verurteilten könne man das nicht verweigern, hatte ich gesagt. In zwei Tagen sollte ich den Bescheid bekommen können.
Aber am Abend nach dem Gespräch mit Harald kam, was kommen musste: ich wurde verhaftetet. Als ich mich an diesem 17. August in der spätabendlichen Dämmerung im 3. Stock des Frauengefängnisses Alt-Moabit, flankiert von zwei Gestapoleuten, den Wärterinnen näherte, die bei einem elenden, funseligen Licht um einen schäbigen alten Tisch herum saßen, hörte ich den halb bedauernden Ausruf der einen: "Ach, schon wieder so eine!", und wusste, dass ich hier trotz Einzelhaft nicht allein war, sondern unter Gleichgesinnten. Tatsächlich wurde die Gefängniszeit, so seltsam das auch klingt, eine trotz allem gute Zeit. Dass es trotz Hunger, Wanzen, nächtlichem Bombenalarm in der verschlossenen Zelle und der völligen Unsicherheit über das weitere Schicksal so war, verdanke ich vor allem Harald Poelchau. Er vermittelte in aller Nüchternheit etwas wie ein Gefühl von Geborgenheit jenseits unserer Wirklichkeit und unseres Verstehens.Ich war wohl seit etwa einer Woche inhaftiert, saß in meiner Zelle an einer Nähmaschine und flickte mit Hingabe meist fadenscheinige Männerhemden. Ich stellte mir vor, dass ich damit anderen Verhafteten wenigstens für kurze Zeit das gute Gefühl verschaffen könnte, ein ordentliches Kleidungsstück am Leib zu tragen. Da öffnete sich unerwartet die Tür und es erschien unser "Gottesbote". Dass es nicht abwegig war, höhere Mächte mit seinem Erscheinen in Verbindung zu bringen, zeigte der Hergang seiner völlig legal erfolgten Zulassung zu uns. Der für das Frauengefängnis zuständige Pfarrer hatte seinen Schlüsselbund auf dem Tisch seines Dienstzimmers liegen lassen, wo ein Kalfaktor ihn entdeckte, an sich nahm und floh. Es hieß, dieser Pfarrer hätte sich sofort in den Ruhestand begeben müssen, um einer strafrechtlichen Verurteilung zu entgehen. Die offenbar recht vernünftige Anstaltsleiterin wandte sich unter diesen Umständen an Poelchau. Er nahm den Auftrag an, sich einstweilen der vielen Neuzugänge anzunehmen, die im Zusammenhang mit dem 20. Juli eingewiesen worden waren.
In jeder Woche konnten wir nun zuverlässig einmal mit Poelchaus Besuch rechnen. Er kam mit einer ausgebauchten Aktentasche und ebensolchen Rocktaschen in das Zimmer, denn er sorgte sogar für unser leibliches Überleben. Seine Frau Dorothee hatte kalorienreiche Nahrungsmittel beschafft und daraus Leckerbissen verfertigt. Ich erinnere wie gestern die Biskuitrolle des ersten Besuchstages. Dies auch deswegen, weil ich gar nicht auf den Gedanken gekommen wäre, dass ein fremder Mensch mir nicht nur die wertvollen Nährstoffe zukommen ließ, sondern sie auch noch so liebevoll verarbeiten würde. Aber später, obwohl ich die Gefängniskost immer weniger vertrug und natürlich abmagerte, empfand ich es manchmal als störend, dass man die Kostbarkeit in Eile während der kurzen Besuchszeit vertilgen musste, damit Harald sicher war, dass die Wärter keinen Krümel davon entdecken würden. Wichtiger als seine Fürsorge für unser leibliches Wohl war mir doch das, was er uns vermittelte über die Menschen und die Wirklichkeit draußen. Ich bekam einen kleinen Einblick in das weit gespannte Netzwerk von Menschen unterschiedlichster Art, mit denen ihn erprobte Vertrauensverhältnisse verbanden.
Während eines Besuchstages, vielleicht war es Anfang September, kam unser Wohltäter mit einer unschätzbaren Nachricht - man habe eine Spur zu den Kindern bekommen! Es sei sicher, dass sie in einem Kinderheim in Deutschland unter anderen Namen untergebracht seien. Die Gewährsfrau hierfür war eine einzigartige Ärztin, Frau Dr. Westrick, selbst Mutter von neun Kindern, in vielen Hinsichten bemüht um das Wohl und das Leben von Gefangenen und Verfolgten. In ihre Praxis sei eine Kinderkrankenschwester gekommen, die einen Nervenzusammenbruch erlitten habe, nachdem sie - eine stramme Nazisse - im Kinderheim die Einweisung von nach dem 20. Juli verschleppten Kindern erlebt habe. Es hatte ihre Vorstellungskraft überstiegen, dass man auch deutsche Kinder ihren Müttern entreißen könnte. Noch sei sie zu sehr ideologisiert, als dass man den Ort und den Namen des Kinderheims von ihr erfragen könne, aber das würde mit der Zeit bestimmt gelingen.Dieser zutiefst beruhigenden Nachricht folgte bald darauf eine weitere - meine Eltern hatten von meiner Inhaftierung erfahren und waren zunächst einmal erleichtert, dass ich noch am Leben war. Das kam so: Frau Dr. Westrick war eine tief religiöse Frau. Sie war an jedem Morgen zur Frühmesse in einem Kloster, in dem auch meine Tante, eine Ordensfrau des Herz-Jesu-Ordens, aufgenommen worden war, nachdem sie durch irgendeine Nazi-Instanz mit allen übrigen Ordensfrauen aus ihrer bisherigen Wirkungsstätte auf rüdeste Weise herausgesetzt worden war. (Sie hatte in einem großen Gebäudekomplex in der Hagenstaße als Oberin mit den anderen Ordensfrauen unverheiratete "junge Mädchen" in ihrer Obhut, die ihre Ausbildung in Berlin erhielten.) So sahen sich meine Tante und Frau Dr. Westrick an jedem Morgen und konnten ihre Anliegen austauschen.Es muss anlässlich seines zweiten oder dritten Besuchs gewesen sein, dass sich für Poelchau die Notwendigkeit ergab, mir den Tod meines Mannes mitzuteilen. Ich weiß nicht mehr, wie er es machte, ich erinnere nur vage, dass ich Mühe hatte, diese Nachricht wirklich aufzunehmen. Irgendwie hatte mein Mann so viele Gefahren bestanden und war auch nach dem Todesurteil nicht sofort hingerichtet worden - wahrscheinlich hatte etwas in mir sich geweigert, über diesen Schwebezustand hinaus zu denken. Das alles liegt 59 Jahre zurück. Ich erinnere nur noch den Schock. Etwas wie eine tief dunkle Leere fand sich an der Stelle, wo die Hoffnung auf den lebendigen neuen Tag ihren Platz gehabt hatte - zusammen mit den Gedanken, die um meinen Mann, den Mittelpunkt meines Sinnens und Trachtens, gekreist waren. Ich erinnere einige Sätze, mit denen Harald mir damals einen Weg weisen wollte. So sagte er: "Ihr müsst jetzt das erste Gebot lernen: 'Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir!' Für Euch waren Eure Männer diese anderen Götter. Für mich ist es mein Sohn." Harald und Dorothee hatten zu ihrem großen Kummer erst nach zehn Ehejahren ein Kind bekommen, und es blieb in ihrer Ehe bei diesem einen Sohn. In dem Bemühen, wieder einen Halt in meiner plötzlich so sinnentleerten Existenz zu finden, wagte ich die provokante Frage: "Wie kann Gott es zulassen, dass gerade jetzt, wo wir solche Menschen wie unsere Männer so dringend brauchen, die Besten uns genommen werden?" Darauf hat er mit einem Gleichnis geantwortet: "Es wäre kein Opfer gewesen, aus dem eine kräftige neue Saat wachsen könnte, wenn Gott nur müde, alte Männer genommen hätte." Er hat uns auch geraten, in dieser ersten Zeit mehr zum Gesangbuch als zur Bibel zu greifen. Die in den Gesängen verarbeiteten Lebenserfahrungen wären uns jetzt zugänglicher als die biblischen Texte.Danach ereignete sich noch einmal ein Wunder, das größte und wohl nie eindeutig geklärte - einige von uns wurden entlassen, die beiden Schicksalsgenossinnen über uns im 4. Stockwerk des Gefängnisses schon am 29. September. Sie teilten es mir mit durch die Gefängnispost (Klopfen an die Heizung) und mit einem Säckchen, das sie an einem Nähfaden bis an meine einzige offene Fensterklappe herunterließen, und das einen Keks und die Nachricht enthielt, sie dürften nun heimfahren. Am nächsten Tag wurden Barbara von Haeften, Annedore Leber und ich durch die Rituale der Entlassung (einschließlich eines Scheinverhörs) geschleust, und wir waren tatsächlich frei. Noch einmal traf ich Schicksalsgenossinnen, als ich mich in der Afrikanischen Straße bei den Poelchaus nach möglichen neuen Nachrichten über die Kinder erkundigte.Schon am Tag nach diesem Besuch erfuhr ich, dass beide Töchterchen gerade nach Imshausen zurück gebracht worden seien, und dass die zweijährige Verena das Haus betreten hätte mir dem Satz: "Da bin is wieda". Ich nahm den nächsten Zug nach Bebra, und noch vor dem Sonnenaufgang des nächsten Tages waren wir wieder vereint.Ich würde so gerne beschreiben können, was während dieser furchtbaren und auch wieder gnädigen Wochen die Begleitung durch Harald Poelchau für mich bedeutet hat. Ich finde dafür nur ein gleichnishaftes Symbol - sein Einsatz für uns hatte für mich etwas vom Charakter einer als "überirdisch" empfundenen Melodie, wie sie uns manchmal lange Zeit nicht loslässt und Schmerz oder Freude durchzieht. Ich denke hier an das Andante des zweiten Brandenburgischen Konzerts von Johann Sebastian Bach, in dem der unausweichliche tiefe Schmerz der irdischen Existenz durch unsäglich liebevolles, tröstendes Verstehen aufgewogen wird und schließlich mit ihm in einer Melodie verschmilzt. Der nüchterne Harald Poelchau hätte sich bestimmt mit seinem herrlichen, freundlichen spöttischen Humor gegen eine so gefühlvolle Charakterisierung seiner Wirkung gewehrt. Dennoch fällt mir kein besserer Ausdruck ein für die schwer fassbare und doch grundlegend hilfreiche Wirkung, die sein Eintreten für uns gehabt hat.
Clarita von Trott
Ein Netzwerk für Hilfesuchende
von Freya von Moltke
Wie gut, wenigstens einen in dieser Hölle zu kennen
von Clarita von Trott

