Eine Skizze vom Milieu der Familien Moltke in Kreisau

von Jochen Köhler (Berlin)

Ich arbeite gerade an den Briefen, die die Mutter des Helmuth James von Moltke hinterlassen hat. Deshalb bin ich in der Lage, hier in eine Skizze vom Milieu der Familien Moltke in Kreisau vorzutragen, ein Milieu, das alle Begegnungen an diesem heute polnischen Platz, wie z.B. die zwischen Helmuth James von Moltke und Eugen Rosenstock-Huessy befruchtet hat, eine besondere Atmosphäre nachbarschaftlicher Kultur, worin dann später auch die Besprechungen Moltkes mit seinen Freunden aus dem Widerstand eingebettet und deswegen auch gegen den detektivischen Blick der Nazi-Polizei geschützt waren.

Das Kreisauer Milieu ist entscheidend geprägt von den Frauen in der Moltke-Familie, den verheirateten, den unverheirateten und den angeheirateten. Sie kamen oft von weit her oder gingen woanders hin, kamen aber zurück und blieben hier: als Witwen, mit oder ohne Kinder, manchmal nur den Sommer über, manchmal bis zu ihrem Tod. Auf den Erbschaftsanteilen und dem Einkommen ihrer Ehemänner, (dänische Kammerherren, preußische Offiziere und industrielle Gutsbesitzer oder Minister des deutschen Reiches) war ihr finanzieller Spielraum gegründet; ihr Terrain waren die Gesellschaftsräume mit ihren Ess- und. Spieltischen und den Tanzböden, die Bibliothek, die Gäste- und Dienstbotenzimmer, die Wirtschaftsräume. Das gab es alles dreimal in Kreisau: im Schloss und in kleinerem Umfang im Haus auf dem Berg jenseits der Peile, dem Berghaus, und noch einmal in Miniatur im Torhaus, dem Häuschen bei der Einfahrt zum Gutshof an der Dorfstraße. Bekanntlich entstammen ja Schloss und Nebengebäude, Gutsbetrieb und das sogenannte „gebundene“ Kapital, dem Besitz des Feldmarschalls, der sehr alt und steinreich, aber ohne eigene Kinder 1891 starb. Dieser Mann hat die Erben über Generationen hinweg mit unüberwindlichen juristischen Klauseln dazu verpflichtet, sein Vermögen so zusammenzuhalten, dass es auch den Generationen der Zukunft zur Verfügung stünde und weder von einem einzelnen, noch durch die Verzettelung des Besitzes unter der großen Familie zu verbrauchen wäre. Dementsprechend fiel den Frauen aller Moltkes, besonders den Frauen in Schloss, Berghaus und Torhaus, die Verpflichtung und das Recht zu, die Atmosphäre für viel mehr Menschen als nur für eine Familie zu gestalten und für ein offenes und geselliges Leben der charakterlich unterschiedlichen, immer weiter verzweigten, aber zusammengehaltenen Familie zu sorgen. Die Frauen von Moltke, von Trotha, von Hülsen und Kulmiz oder die geborenen Burt, Huitfeld und Bethusy-Huc beschäftigten sich schon vor Dorothy von Moltke mit Kunst, Musik, Literatur und Philosophie, waren sehr aktiv in religiösen Zirkeln tätig, die zur Deutschen Evangelischen Kirche im Widerspruch standen und sprachen z.T. mehrere Sprachen. Sie nutzten die Möglichkeiten selbstbewusster Frauen der damaligen Zeit und beeinflussten das kulturelle Klima, des Schloss- und Landlebens so, dass patriarchalische und militaristische Charakterzüge des preußischen Landadels in der Moltke-Familie nur partiell auftraten, nie tonangebend wurden und sich dementsprechend das Leben der Gutsbesitzer in Kreisau von den protzigen, selbstgefälligen Umgangsformen der berüchtigten ostelbischen Junker deutlich unterschied.

Dorothy von Moltkes Muttersprache war englisch. Sie wurde 1884 in Südafrika von Jessie Rose Innes geboren, die den früheren Justizminister James Rose Innes geheiratet hatte und in der Nähe von Kapstadt mit ihm wohnte. Deren Familien waren am Anfang des 19. Jahrhunderts von Schottland nach Afrika gekommen. Bauern. Priester und Lehrer. Dorothys Eltern zählten während der Jahrhundertwende zur zweiten, zur Reformgeneration der südafrikanischen Kolonisten, sie gehörten zu den ersten, die sich für die Gleichberechtigung zwischen Weißen und Schwarzen in einer südafrikanischen Republik einsetzten. Nach einer Amtsperiode als Justizminister wurde James Rose Innes Oberster Richter der Südafrikanischen Union. Er ist in der „britischen“ Geschichtsschreibung gerühmt wegen seiner moralischen Integrität und der Prinzipientreue auch im eigenen Leben. „Seht“, soll es in seiner Umgebung geheißen haben, „da geht der Rose Innes – er ist so aufrecht, dass er sich hintenrüberneigt!“ Zur Zeit des Umzugs seiner Tochter in das Berghaus, hat er noch eine „Non-Racial Franchise Association“ gegründet und vor dem gewarnt, was man heute als Apartheid-Politik kennt: „In verhältnismäßig kurzer Zeit werden wir mit einer großen Menge von Eingeborenen zu rechnen haben, deren Bildungsstand es ihnen ermöglicht, den Wert der ihnen versagten politischen Rechte zu schätzen. Das wird ihre Entschlossenheit anspornen, sie sich zu verschaffen. Sie werden verbittert sein. … Wird ernstlich erwogen, ... die gekränkte und zornige Menge mit Gewalt niederzuhalten?“ Während dieser Mann aber zu Hause „von Zweifeln geplagt (war), ob sich die ganze Lebensmühle lohne“ und „von schwermütigen oder pessimistischen Stimmungen heimgesucht“ wurde, wird Jessie Rose Innes in familiären Überlieferungen als „immer optimistisch“ geschildert. Sie, von ihren Enkeln „Granny“ genannt, war dabei, als Dorothy, ihr einziges Kind, sich in Helmuth von Moltke verliebte, als sich also die späteren Eltern des Helmuth James von Moltke kennen lernten. Während einer Europareise 1902 betrachteten die Frauen Rose Innes, Mutter und Tochter, nämlich auch Dresden. Dort blätterten sie in Zeitung und fanden die Anzeige eines „schlesischen Landhaushalts“, der „Paying Guests“ aufnehmen würde, „falls diese Bridge spielten.“ „Granny dachte sich das ganz nett,“ schrieb später Helmuth James diese Geschichte auf, „und so kamen sie in Muttels Haus nach Kreisau, also das Schloss, denn Muttel hatte aus irgendeinem Spleen diese Anzeige aufgegeben. Muttel war rasend abergläubisch, und einer ihrer Spiritisten hatte ihr gesagt: Es wird ein Mädchen mit einer blauen Kette um den Hals ins Haus kommen, und die wird großes Glück bringen …“. Nach der Erzählung Helmuth James von Moltkes ist Dorothy, seine Mutter, mit der blauen Kette der Prophezeiung um ihren Hals bereits aus dem ankommenden Auto gestiegen; in der Schilderung, die ich von Asta Henssel, geborene von Moltke, der Schwester des Helmuth James, bekommen habe, zieht sich die schöne junge Südafrikanerin erst für ein Abendessen um, und kommt dann als atemberaubende fremde Erfüllung, pünktlich zum Beginn einer Verliebungsgeschichte mit „Muttels“ Sohn, strahlend und „in weißem Kleid und blauer Kette die Treppe herunter.“

Die Trennung zwischen Eltern und Tochter, ist von beiden Teilen sehr schmerzhaft empfunden worden. Die Briefe, die regelmäßig jede Woche den Atlantik hinauf- und hinunter transportiert wurden – das dauerte damals drei Wochen –, sind voll von kleinen Zeichen oder auch Ausbrüchen der Sehnsucht, des Heimwehs und der Liebe zueinander: „Ich sehne mich so. Euch hier zu haben“ – „ich kann gar nicht sagen, wie ich Euch liebe“ – „Ich würde alles dafür geben. Euch hier bei uns zu haben“ – „Ich schließe Euch in meine Arme und bin wie immer Euer Kind“. Von den Eltern bekommt sie und die ganze Moltke-Familie unentwegt Geschenke: Von Kleinigkeiten über ein regelmäßiges „Taschengeld“ in englischer Währung bis zu den großen Geldbeträgen, die in den Notzeiten der 20er Jahre für die Erhaltung des Gutes entscheidend wurden. Für den Charakter der Dorothy von Moltke ist kennzeichnend, dass sie bei allen Gegensätzen der beiden Familien und ihrer zwei verschiedenen Heimaten niemals der einen Seite mehr Treue entgegenbrachte als der anderen. In ihrer Liebe ist diese Frau ganz unkonventionell gewesen, aus der Liebe und den Opfern, die mit ihr zusammenhängen, brachte sie die Stärke auf, ihre Loyalität zu verdoppeln, den südafrikanischen Verwandten die schlesische Welt der Moltkes verständlich zu machen und umgekehrt. So realisierte sich aber auch, wie sie selbst einmal stolz bemerkte, ihr „unabhängiger schottischer Geist“. Auf diese Weise haben wir in ihren Briefen die genauesten Beschreibungen des politischen Lebens zwischen Kriegsende und Naziregime und des Lebens auf dem Kreisauer Gutshof – bis in die Details hinein lassen sich z.B. die Zimmereinrichtungen des Schlosses und die sozialen Mechanismen des Grafenhaushalts rekonstruieren. Und umgekehrt: Wer zu ihrer Zeit in Kreisau lebte, bekam zu sehen und zu hören, wie es auf der anderen Seite der Weltkugel zuging. Im Juni 1921, als sie von einem langen Besuch in Afrika nach Kreisau zurückgekehrt war, schilderte sie ihren Eltern, dass sie von der Familie und den Hofarbeitern begeistert empfangen worden sei: „Die Hof- und Dorffrauen haben mich gebeten, ihnen über meine Reise zu erzählen, so mache ich ihnen am Sonntagabend Kaffee und Kuchen und werde ihnen meine Fotos zeigen und ihnen von meinen schönen Fahrten erzählen.“ (18.6.21) Immerzu tauschte sie in Briefen und Paketen mit den Eltern Samen für Blumen aus, so dass es in Kreisau also nicht nur das Feldmarschall-Zimmer gab, in dem die Totenmaske des Generalstabschefs, sein Degen und sein Stammbaum an die preußische Vergangenheit erinnerten, sondern auch die lebendigen Zeichen einer gegensätzlichen Welt –Melonenpflanzen, Orangen- oder südafrikanische Aprikosenbäumchen, oder die in Schlesien unbekannten Rosen- oder Hortensienarten, die im Garten oder in den Häusern behütet und versorgt wurden, dass sie oft sogar die kalten Winter überstanden und auch in anderen Gärten und Häusern angepflanzt wurden. Samen von seltenen Exemplaren schlesischer Wildkräuter verschickte sie übrigens auch an einen botanischen Garten in England.

Die freiwillig und der Liebe wegen auferlegte Treue nach beiden Seiten ist sicher auch die Ursache dafür, dass Dorothy von Moltke eine ungewöhnliche Wahrnehmung gegenüber den politischen Ereignissen entwickelte, in dieser Hinsicht war es ganz fürchterlich, was sie erleiden musste, gerade weil sie die politische Entwicklung so unideologisch, also ungeschützt von den Vereinfachungen linker oder rechter Propaganda, betrachtete. Der Kern ihrer politischen Einstellung ist einfach, konkret, christlich: Sie hat den Wunsch, dass es zu keinem zweiten großen Krieg kommt, befürchtet aber, dass die Kriegstreiber und die nationalistische Blindheit besonders im Deutschen Reich, aber auch in anderen Ländern, die eigentlich friedliebenden Völker doch wieder in einen Krieg verwickeln. Ununterbrochen beobachtet sie die deutschen nationalistischen Parteien, die die Not nach dem Ersten Weltkrieg und die Ungerechtigkeiten des Versailler Vertrages zum Anlass nehmen, sich von der Verantwortung innerhalb der neuen und schwachen Republik zu drücken; sehr kritische Bemerkungen macht sie über jene, denen sie nahe steht, weil es ihnen nicht gelingt, eine Alternative zum Nationalismus ins Leben zu rufen. „Dear Dad,“ ruft sie in einem Brief vom l. Januar 1920 an ihren Vater aus, „what has become of our League of Nations, was ist aus unseren Vereinten Nationen geworden, in die wir alle unsere Hoffnungen steckten für die Zukunft der Welt? … Die Politik der Alliierten stärkt den Rücken der Reaktion und den Konservatismus hier enorm.“ Mit Sorge beobachtet sie den Rechtsruck unter den bürgerlichen Parteien in dieser Zeit: „Die monarchistischen und konservativen Mitglieder sind nun durch die Umstände in die Arme der Deutschnationalen getrieben worden …“ (22.9.21). „Was für ein bedauerliches und missbildendes Geschäft ist doch der Nationalismus“, stellt sie am 16.2.22 fest, „gleichgültig, ob er nun britischer oder preußischer Nationalismus ist.“ Der Putsch von Hitler und Ludendorf von 1923 in München und die Verurteilung der Putschisten ein Jähr später empört sie: „Es ist von großem Nutzen, dass Hitlers Putsch so gänzlich fehlgeschlagen ist.“ und sie weiß, wer – im Falle eines Gelingens – schon damals bereit gestanden hätte. „Ich könnte weinen über den Mangel an Verständnis den alle diese Deutsch-Konservativen zeigen: Sie lernen nichts und sind ganz hoffnungslos. Es ist tragisch, wenn man an eine große und in vieler Hinsicht ausgezeichnete Nation denkt, die von diesen Männern regiert, missregiert wird.“ (5.3.24) Über das Urteil gegen Hitler und Ludendorff schreibt sie am 2.4.24: „Meiner Meinung nach war es viel zu milde“, und sie weiß auch, warum es so milde war: Sie ist ausgezeichnet über die Rolle der deutschen Justiz in diesen Jahren informiert: „in Wahrheit war es nicht das richtige Gericht, das den Fall behandelte … sondern ein Volksgericht, das Bayern eingerichtet hatte, um nachsichtig mit Putschs der Rechten und streng mit Kommunisten zu verfahren … die Schwierigkeit ist natürlich, dass große Teile der Nation.

Sympathie mit diesen Leuten haben. Ich frage mich, was aus den Wahlen herauskommen wird. Politisch ist Deutschland ein hoffnungsloses Land. Instinkt und Gefühle [der Deutschen] sind immer falsch in der Politik, es ist ganz außergewöhnlich und sehr traurig. Deshalb halten sich auch so viele der Besten dem politischen Leben fern, aber das ist natürlich auch keine gute Sache.“ Vor den Wahlen 1924 ist sie sehr beunruhigt: „Die Deutsch-Völkische Freiheitspartei (eine Art von rechten Bolschewisten) gewinnen überall an Boden und sind sehr gefährlich“, teilt sie ihren Eltern mit. Oder: „Wenn ich das nächste Mal schreibe, werden die Wahlen vorbei sein, und wer weiß, wer dann die Zügel der Regierung in der Hand hat? Ich glaube, die rechten Parteien werden eine große Zahl von Summen einheimsen … Ich war kürzlich abends bei einer hiesigen politischen Versammlung und ein Konservativer sagte über die Sozialisten in seiner Rede, dass der Internationalismus nichts Gutes sei …worauf ein Arbeiter aufstand und sagte, »Wenn es keine internationale Hilfe gegeben hätte, wären hunderte und tausende deutscher Kinder [während der Inflationszeit] an Unterernährung gestorben.« Ich war sehr erfreut.“ (24.4.24 und 2.5.24) Vier Wochen später freut sie sich dann, dass eine Regierung der Mitte gebildet wird mit Stresemann als Außenminister und dass danach auch das Prestige des Völkerbundes wieder etwas steigt. Aber ihre innere Unruhe hört nie auf. Es scheint, dass sie vorausempfunden hat, was dann 1933 passierte. „In Bezug auf die Konservativen bin ich wirklich sehr intolerant und kann sie politisch nicht ertragen“ (6. 1223) „Die Falken, the haids, sind hier wie auch anderswo unbelehrbar und unglücklicherweise gibt es in diesem Land davon eine große Zahl.“ (29.11.23) In der Beurteilung der damals gerade so häufigen internationalen Konferenzen zur Lösung der nationalen Fragen der Zeit ist sie hin- und hergerissen. Einerseits glaubt sie, „dass es schon einen kleinen Fortschritt bedeutet dass solche Konferenzen überhaupt zusammenkommen“, daraus könnte sich später vielleicht „wirklicher Ideenaustausch zwischen den Nationen entwickeln“ (20.1.22), andererseits aber zweifelt sie daran, dass irgendeiner der Politiker ihrer Zeit „in Europa oder in Amerika (vielleicht außer Lenin) jemals den Mut oder den Wunsch haben wird, wirklich die Dinge zu verändern.“ (24.2.22) Weil sie dabei immer das dringende Bedürfnis hat. dass wenigstens ihre Verwandten in den verschiedenen Staaten beieinander leben und sich ungehindert besuchen können, stellt sie sich einmal vor, wie die Welt aussehen wird, wenn man endlich solche Reisen mit Flugzeugen machen könnte. „Wenn wir 30 Jahre später lebten.“ schreibt sie von Schlesien nach Südafrika, „kein Zweifel, dass wir dann mit einem Flugzeug in kürzester Zeit hin- und herfliegen.“ Aber eine schreckliche und eine dazu noch schrecklich richtige Vision mischt sich in ihre angenehme Vorstellung: „… es ist aber wahrscheinlicher, dass die ‚Patrioten’ in dieser Zeit Europas Zivilisation – will have wiped out“, dass also die sogenannten ‚Patrioten’ die Zivilisation Europas ausgewischt, vernichtet haben werden, „in welchem Falle es besser wäre, wir lebten am Anfang des Jahrhunderts.“ (28.2.24)

Dorothy von Moltke erlebte in den Jahren von 1920 bis 1927, wie das Moltkesche Landgut wirtschaftlich zugrunde ging. Bei ihren Beschreibungen des stetigen Verfalls des Familienbesitzes fällt auf, wie sie sich mehr und mehr den Lebensbedingungen der Besitzlosen zuwendet. Sie erkennt, dass die Inflation die Ärmsten am meisten gefährdet, und dass dieses Elend auch für Wohlhabende keinen Frieden bringt. Oktober 1923: „Die unglückliche Stadtbevölkerung zieht von einer Farm zur anderen, um einen Sack Kartoffeln für den Winter zu kaufen. Die Geschäfte sind fast leer … Wir haben glücklicherweise genug zum Essen … falls wir nicht unsere Nahrungsmittel von herumstreunenden Banden weggenommen kriegen. Aber das unglückliche Stadtvolk, wie in Russland, ist wirklich in einer schrecklichen Klemme.“ – „Für die Städter werden überall Suppenküchen eingerichtet. Brot ist jetzt so teuer, dass sich viele Leute keines kaufen können … Leute kommen hier jeden Tag vorbei, die nach Nahrungsmitteln, Kartoffeln oder Holz fragen. Es ist sowohl herzerschütternd als auch eine Pest … Aufruhr. Unruhen und Not sind überall, aber bis jetzt ist es in Schweidnitz und Umgebung vollkommen still.“ Ihr Mann „versucht im ganzen Land einige Ladungen mit Kartoffeln für die Schweidnitzer zu kaufen, „bis jetzt hat er aber noch keinen Erfolg gehabt.“ „Tatsächlich ist das Leben sogar für uns schwierig genug, besonders weil alles und jeder von uns abhängt, aber für die Städter ist es einfach verheerend.“ In diesen Monaten 1923 hat die Inflation den Höhepunkt erreicht. Die Banken geben keine Kredite mehr und nehmen keine Schecks mehr entgegen, weil sich die Mark schneller entwertet als ein Buchungsvorgang dauert. Alles gerät in Unordnung, jeder kauft besinnungslos, was er nur finden kann: die Gesellschaft kehrt zum Tauschverkehr zurück, daneben bestehen drei Währungsformen gleichzeitig nebeneinander: das Papiergeld in Billionen und Trillionenbeträgen wird in Körben herumgetragen, es gibt Dollar-Schatzanweisungen und eine sogenannte Roggen-Währung wird eingeführt. Dorothy von Moltke ist froh über jedes Paket aus Südafrika, das Kleidung für die Kinder und Lebensmittel enthält: „Ich teile Euren Käse in Viertel“, schreibt sie dankbar zurück. Sie bekommt Geld in englischer Währung geschickt, auch für den Kindergarten des Gutshofs, das teilt sie noch einmal auf, so dass auch die Tuberkulose-Station in Schweidnitz etwas davon bekommt. Eine junge russische Sängerin ist zu Gast, die aus Russland geflohen war, wo sie „unter der schlimmsten bolschewistischen Kontrolle gestanden hatte“ und vier Wochen nur Kartoffelschalen aß. Um die Weihnachtszeit 1923 nimmt sie „ein kleines Schweidnitzer Mädchen“ bei sich auf, das sich dort erholen soll. Dann ist auf einmal die Inflation überstanden. Es gibt noch im Dezember 23 eine neue stabile Währung, aber im Januar 1924 stehen die Moltkes vor einer bösen Überraschung: die Ersparnisse des Feldmarschalls sind wertlos geworden, sein Vermögen ist weg. Und was schreibt Dorothy davon ihren Eltern? „Jeder realisiert nun, wie schrecklich arm wir sind … kaum einer scheint mehr Geld zu haben, als gerade davon leben zu können. Glücklicherweise hat Creisau keine Schulden und ist in einem sehr guten Zustand … Das ganze Kapital (2½ Millionen Mark), das zum gebundenen Besitz gehörte, ist verschwunden, ist nicht mehr, armer alter Feldmarschall, er hat sich selbst so eingeschränkt, um dieses Geld zusammenzukriegen.“ (3.1.24)

Das ist alles, was sie vom eignen Absturz erzählenswert findet. Gleich darauf spricht sie wieder vom Absturz der anderen, nicht, weil ihr aus altruistischen Gründen das eigne Unglück gering erschiene, sondern weil sie die soziale Dimension des sie umgebenden Elends als ein gefährliches Problem für das ganze Land empfindet, demgegenüber sie sich genauso verantwortlich fühlt, wie gegenüber ihren beiden Familien sowie den Gästen, den Bewohnern und den Landarbeitern in Kreisau. Ihre politische Wahrnehmung basiert nicht auf Parteiprogrammen oder soziologischer Übung, sondern auf einem christlich inspirierten Sinn für gutes und schlechtes Milieu, für Umgebung und Nachbarschaft, für ein geordnetes Leben unter den Leuten und Völkern, das auch über ihr persönliches Dasein in Kreisau entscheidet. Die Familie hat also in der Inflation auf einen Schlag 2½ Millionen Mark, den Kriegsschatz des Millionärs, des ersten Moltke-Grafen verloren, und Dorothy von Moltke, nachdem sie das festgestellt hat, spricht vom Wetter: „im Erzgebirge, in der Nähe von Görlitz, ist der Schnee so hoch wie die Dächer und die Leute haben Tunnels durch den Schnee gemacht um herumgehen zu können. … Schweidnitz hat, wie alle anderen Städte, Wärmehallen eröffnet, wo Leute in geheizten und beleuchteten Räumen den Nachmittag und Abend sitzen können, denn natürlich hat diese Kälte etwas Fürchterliches für alle diejenigen, die kein Brennmaterial haben.“ Bis auch die Moltkes das Brennmaterial für die riesige altmodische Heizungsanlage ihres Schlosses nicht mehr bezahlen konnten und in das Einfamilienhaus auf dem Berg gegenüber umzogen, vergingen noch drei bis vier Jahre. Gegen die Importe des viel billigeren amerikanischen Weizens und die anderen ökonomischen Ursachen der Krise der ostdeutschen Landwirtschaft, kamen die Geschenke, Zahlungen und hohen Kredite der südafrikanischen Eltern, nicht mehr an. Während aber der gräfliche Lebensstandard der Moltkes langsam sank, hielt Dorothy für ihre vier Kinder das lebensfrohe Milieu in Kreisau so lange wie möglich beieinander. Ihre Kinder und ihre Gäste spielen Theater, nehmen an den volkstümlichen Festen der Umgebung teil, feiern Weihnachten mit den Hofleuten, fahren Ski und Schlitten im Winter und spielen Tennis und schwimmen im Sommer und werden unentwegt umspült von den Anschauungen und Sprachen der vielen ausländischen Gäste. Die kulturhistorischen Betrachtungen in den Briefen Dorothys dieser Zeit, über Erziehung, Volksbräuche, Kunst, Literatur und Geschichte, – es wäre gut. wenn heutige Leser in Polen und den beiden deutschen Staaten das lesen könnten – weisen auch darauf hin, dass die Moltke-Kinder eine ausgezeichnete Erziehung als Weltbürger genossen. Sie lernten ihre Heimat wie Gäste zu lieben, mit der Rücksicht und Vorsicht, dem Engagement und der Sorge, die man lebendigen Wesen gegenüber aufbringt. Höchst verwundert und sehr verliebt beobachte die Mutter die Wirkung dieses Milieus auf ihren ältesten Sohn, jenen Helmuth James von Moltke, den sie in allen ihren Briefen „the Boy“ nennt, und von dem sie spürt, dass er einmal Großes leisten würde. Stolz berichtet sie zwischen 1924 und 1927, wie er die vielen Anregungen des Milieus, seiner Schulen und der Berliner Universität in explosionsartig zum Ausbruch kommenden Interessen aufnimmt, wie der 17- bis 20-Jährige verarbeitet, was sie für ihn bereitgestellt hat. Voller Hoffnung erzählt sie von seinen Kontakten in Berlin mit amerikanischen Journalisten und sowjetischen Botschaftsangehörigen, von seinen Einladungen nach Österreich zu Frau Schwarzwald, die ein riesiges internationales Wohlfahrtswerk gründete, zu Leuten des Völkerbunds in Genf, zum Landrat des Kreises Waldenburg, wo er in den Semesterferien ohne Lohn arbeitet, zu den Breslauer Professoren Rosenstock und Peters, die sich im Schloss treffen, weil auch alle diese Leute unruhig sind, wenn sie angesichts der Unordnung ihres Landes an die Zukunft ihrer Erde, Europas und Schlesiens denken.

Meine Damen und Herren, ich wollte dazu beitragen, dass wir uns besser vorstellen können, welche Herzen in den Ruinen des Kreisauer Gutshofes vor nur 70 Jahren geschlagen haben. „Unser Fest vom Montag war ein großer Erfolg.“ schrieb Dorothy von Moltke einmal. „Ungefähr 120 Leute kamen. Die Räume hier sind so gut für große entertainments geeignet. Wir hatten Tee in der Halle und im dining-room und dann herrliche Musik im Saal und in meinem Zimmer, jeder freute sich, seine Freunde zu treffen, denn es gibt in dieser Gegend sehr wenige soziale Schranken und schließlich war die Musik erstklassig. Baldner, der Cellist, spielte fast alles auswendig mit geschlossenen Augen und sein Cello schluchzte …“ (2.5.24).

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