Von allen Seiten bedrängt und geängstet ...
Zum 60. Jahrestag von 20. Juli und Warschauer Aufstand
von Ludwig Mehlhorn
Jede Form und jeder Akt des Widerstands gegen den Nationalsozialismus hat sich gelohnt.
Mit dieser klaren und eindeutigen Botschaft kam Freya von Moltke zum 60. Jahrestag des 20. Juli nach Berlin. Der deutsche Widerstand ist heute in seiner Vielfalt der beteiligten Gruppen - Christen beider Konfessionen, Konservative und Sozialdemokraten, Liberale und Kommunisten, stille Helfer für Verfolgte, Deserteure - als Kampf gegen Barbarei und Staatsverbrechen, für Freiheit und Recht anerkannt. Aber bis dahin war es ein weiter Weg. Im Deutschland der Nachkriegszeit wurde der Widerstand dieser kleinen Elite, der sich auf keinen Rückhalt in der Breite des Volkes stützen konnte, erst nach und nach politisch legitimiert. Noch später fand er gesellschaftliche Anerkennung. Im Westen galten seine Protagonisten lange als "Hochverräter". Im Osten wurden viele von ihnen abgewertet, weil ihnen das nötige "Klassenbewusstsein" fehlte.
Anders als in Deutschland hatte der Abwehrkampf gegen die nationalsozialistische Besatzung in Polen eine breite Basis im Volk. Unter der Führung der Exilregierung in London entstand ein regelrechter Untergrundstaat. Der Warschauer Aufstand, ausgelöst am 1. August 1944 mit dem Ziel, die Stadt militärisch von den Deutschen zu befreien und politisch die Errichtung eines kommunistischen Staates zu verhindern, konnte mit der Unterstützung der ganzen Stadt rechnen. Nach der Niederlage wurde er zum Symbol des polnischen Schicksals im Zweiten Weltkrieg. Trotz seines Scheiterns hatte er im Geschichtsbewusstsein der Polen immer einen positiven, zuweilen subversiven Platz. Denn die leitenden Akteure des Aufstands galten in den Nachkriegsjahren schlimmstenfalls als "Knechte der Reaktion", die die patriotisch gesonnenen Massen verführt hatten, bestenfalls als verantwortungslose Abenteurer. Nach 1956 änderte sich diese Einstellung allmählich. Volle Anerkennung seitens des polnischen Staates fand der Warschauer Aufstand indessen erst nach 1989.
In Kreisau haben wir schon immer diese beiden ungleichen Ereignisse in einem gemeinsamen europäischen Kontext gesehen. Womöglich erstmals nahmen in diesem Jahr Veranstaltungen zum 20. Juli auch auf den Warschauer Aufstand Bezug. Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte in seiner Ansprache: "Erst heute, sechzig Jahre später, können wir dieses europäische Vermächtnis des Widerstands vollenden - und das müssen wir auch. Denn der Kampf für Freiheit und Recht, gegen Gewaltherrschaft und militärische Aggression ist die wichtigste Grundlage dessen, was uns in Europa eint."
Für uns in Kreisau wird der Widerstand gegen die Diktaturen auch in Zukunft lebendig bleiben - als eine Quelle von Haltungen, Ideen und Überzeugungen, auf die wir alle in Europa zur "Verteidigung der Menschlichkeit" heute und morgen angewiesen sind.
Die Ansprache Freya von Moltkes in der Berliner Matthäuskirche am 19. Juli 2004 dokumentieren wir auf unserer Website im Wortlaut.

