Was Menschen stark macht
Deutsch-Polnische Projektwoche
1. Intention und Zielgruppe, Team und Teilnehmer
Im Rahmen dieser Projektwoche wurde die Kreisauer Dauerausstellung "In der Wahrheit leben. Aus der Geschichte von Widerstand und Opposition im 20. Jahrhundert" einem Praxistest unterzogen. Mit einem Team von Pädagogen wollten wir herausfinden, inwiefern die Ausstellung und ihr Computerteil als methodisches Instrument in der internationalen Jugendbildungsarbeit tauglich ist. Es sollten didaktische Bausteine entwickelt und erprobt werden, die auch in künftigen Begegnungen einsetzbar sind und die bei Bedarf modifiziert und verallgemeinert werden können.
Im Leitungsteam arbeiteten mit:
Renata Bardzik, Jugendbildungsreferentin der IJBS Kreisau
Fritz Delp, Pfarrer und Religionspädagoge, Mitarbeiter der Ausstellung
Ulrich Hilker, Lehrer/Referendar
Joachim Krätschell, Vikar
Ludwig Mehlhorn, Co-Autor der Ausstellung, Studienleiter Ev. Akademie zu Berlin
Katrin Schreijäg, Pädagogik-Studentin
Das Team wurde begleitet von je zwei Lehrern des Katholischen Gymnasiums Czestochowa und der Alfred-Delp-Schule in Hargesheim/Rheinland-Pfalz. Beide Schulen sind seit vier Jahren in einer Schulpartnerschaft verbunden. Die insgesamt 28 Schüler(innen) im Alter von 16-19 Jahren kamen aus verschiedenen Klassen beider Schulen, die meisten waren 17 Jahre alt. Alle polnischen Schüler lernten deutsch, ein Junge der deutschen Gruppe sprach sehr gut polnisch (Aussiedler).
2. Vorbereitung und Durchführung
An dieser Stelle werden nur die themenbezogenen Programmpunkte erwähnt, nicht die in der internationalen Jugendbegegnung notwendigen Elemente zum Kennenlernen, zur interkulturellen Verständigung, zum "Entspannen zwischendurch" usw.
Der erste Tag, gewidmet dem Kreisauer Kreis, begann mit einer Einführung in Erzählform am historischen Ort - im Berghaus. Die Erzählung nahm von den Jugendlichen eingangs erwähnte Stichworte auf, die mit Widerstand und Opposition assoziiert werden. In einem zweiten Schritt erarbeitete sich die Gruppe gemeinsam die künstlerische Symbolik des Gedenkraums im Berghaus. Es folgte eine knappe Einführung in die Struktur der Dauerausstellung und die Besichtigung derselben. Nach der Mittagspause beschrieb Fritz Delp einige Situationen aus dem Leben von Theo Haubach und Carlo Mierendorff - Erfahrungen von Freundschaft und Solidarität, aber auch Ausweglosigkeit und Angst. Die Jugendlichen (aufgeteilt in vier gemischt-sprachliche Kleingruppen) erhielten die Aufgabe, sich jeweils eine dieser Situationen anhand des Quellenmaterials genauer vorzustellen und in einem Rollenspiel zu präsentieren (gewählte Situationen: Mierendorff und Haubach ecken in der gemeinsamen Studentenzeit bei der bürgerlichen Gesellschaft an; Mierendorff steht 1933 vor der Entscheidung Exil oder bleiben; Mierendorff kommt 1937 aus dem KZ, seine Geliebte hat ihn verlassen und er steht vor der Frage: stillhalten oder weitermachen; Haubach 1945 im Prozeß vor Freisler).
Am zweiten Tag stellten wir die demokratische Opposition in Polen während der siebziger Jahre in den Mittelpunkt. Ich gab anhand der polnischen Themen im Ausstellungsraum einen stichwortartigen und exemplarischen Überblick über die polnische Geschichte seit 1944. Die Jugendlichen erhielten die Aufgabe, das Profil von zwei Personen zu erarbeiten - Jacek Kuron und Jan Zieja. Beide arbeiteten seit 1977 im Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) zusammen. In einem zweiten Schritt sollten sie herausfinden, was zwei so unterschiedlich geprägte Menschen veranlaßt, sich in einer Gruppe gemeinsam zu engagieren. Beide Aufgaben wurden von den Schülern sehr gut gelöst. Die Gemeinsamkeiten - das Gefühl, Menschenrechtsverletzungen nicht hinnehmen zu dürfen und sich in dieser Frage mit anderen verbünden zu müssen ohne Rücksicht auf unterschiedliche religiöse und politische Überzeugungen - wurden in das gemeinsame Feld sich überlappender Kreise geschrieben. In dieser Hinsicht wurden auch die Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten im Geiste mit Haubach/Mierendorff erkannt und festgestellt.
Am dritten Tag - Zivilcourage heute, vorbereitet von Renata Bardzik und Ulrich Hilker - sollten die Schüler in ihrer eigenen Welt ankommen. Im Anschluß an ein Video (Rassismus in der U-Bahn einer deutschen Großstadt) setzten sich die Jugendlichen in Kleingruppen mit der Opfer-, Täter- und Zuschauerperspektive dieser Situation auseinander und gestalteten anschließend ein Plakat, das europaweit gegen Gewalt und Rassismus in den U-Bahnen geklebt werden kann.
3. Kritische Wertung
Besonders auffallend war, daß deutsche und polnische Jugendliche in diesem Alter unbefangen und pragmatisch an die Geschichte herangehen. Von Eltern und Schule erworbene Stereotypen im Blick auf die jeweils andere Nation spielten ebenso wenig eine Rolle wie die noch vor zehn Jahren - auch in der jungen Generation - beobachtbaren ideologischen Fixierungen.
Die Jugendlichen sind größtenteils souverän und selbständig mit dem geschichtlichen Stoff umgegangen. Mit Hilfe der angebotenen didaktischen Hilfsmittel (Ausstellung, Computer, ausgewählte Bibliotheksbestände, Interviews) gelang es ihnen, die wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede im widerständig-oppositionellen Handeln so unterschiedlicher Personen wie Mierendorff/Haubach (Kreisauer Kreis) einerseits sowie Jan Zieja und Jacek Kuron (KOR) andererseits herauszuarbeiten.
Am interessantesten war für sie war der dritte Programmtag - Zivilcourage heute. Das (Wieder)-Erkennen einer Situation aus dem Alltag, mit der sie selbst jederzeit konfrontiert sein können, hat die Vorstellungskraft herausgefordert und das Gefühl für soziale Verantwortung gestärkt. Dies kam im zusammenfassenden und abschließenden Auswertungsgespräch ebenso wie in den individuell gefertigten Fragebögen zum Ausdruck. Der explizite Gegenwartsbezug hat den Schülern geholfen, die Distanz zu einer "längst vergangenen Geschichte" zu überbrücken. Sie erkannten in den Menschen, die in den Diktaturen Widerstand leisteten, jene "Verbündeten im Geiste", die als "aktive, eingreifende Zuschauer" die Herausforderung durch eine gegebene politisch-gesellschaftliche Situation annahmen. Ein rein historisierender Umgang mit den Themen der Ausstellung ist in dieser Altersgruppe m.E. nach Möglichkeit zu vermeiden.
Nach dem Seminar komme ich zum Schluß, daß das in der Ausstellung bereitgestellte Material nach einer altersgerechten Einführung und unter der Voraussetzung präziser Frage- und Aufgabenstellungen durchaus geeignet ist, im Prozeß interkultureller Verständigung von Teenagern zur Schärfung des Geschichtsbewußtseins und der politischen und sozialen Verantwortung beizutragen. Negativ bleibt anzumerken, daß die Raumkapazität an den Computern nicht ausreicht. Die innere Dynamik solcher Seminare macht es erforderlich, daß eine ganze Gruppe gleichzeitig am Computer arbeiten kann.
Den Autoren der Ausstellung hat die Projektwoche wertvolle Hinweise für die weitere Profilierung und inhaltliche Ausgestaltung des Computerprogramms geliefert - sowohl auf der multimedialen als auch auf der interaktiven Ebene. Dies kann an dieser Stelle nicht näher ausgeführt werden, dafür sei aber den Jugendlichen und dem begleitenden Team herzlich gedankt.
Ludwig Mehlhorn
Projektkoordination
Ludwig Mehlhorn
c/o Kreisau-Initiative Berlin e.V.
c/o Allianz
An den Treptowers 3
12435 Berlin
Tel.: +49-30-53 83 63 61
Fax: +49-30-53 02 79 23

- Deutsche und polnische Schülerinnen aus Polen und Deutschland arbeiten zum Thema "Widerstand, Opposition und Zivilcourage", April 2000




