Kreisau als historischer Ort

Kreisau heißt heute Krzyżowa und ist ein kleines Dorf in Niederschlesien, südöstlich von Świdnica (Schweidnitz). Bekannt wurde es vor allem durch zwei Personen:

Der Generalfeldmarschall und Chef des preußischen Generalstabs Helmuth von Moltke, der die preußische Armee in den Kriegen von 1866 und 1871 zum Sieg geführt hatte, erwarb das Gut Kreisau 1867 als Alterssitz.

1942 und 1943 fanden hier drei größere Tagungen statt, auf denen sich um Moltkes Urgroßneffen Helmuth James von Moltke Menschen trafen, um über eine politische, soziale und wirtschaftliche Neuordnung Deutschlands und Europas nach einer angenommenen deutschen Niederlage zu beraten. Die Widerstandsgruppe erhielt später ihren Namen nach einer Bezeichnung der Gestapo und ging als Kreisauer Kreis in die Geschichte ein. Gemeinsam entwarfen die Kreisauer Pläne für die Zukunft Deutschlands und Europas nach dem Ende des Nationalsozialismus. Sie sahen sehr früh "nicht nur die Verwüstungen der Städte, sondern auch die entsetzlichen Verwüstungen in den Köpfen und Herzen der Menschen".

Ihr Ansatz bestand daher nicht nur im politischen Neuanfang nach dem Untergang des Nationalsozialismus, sondern in einer geistigen und politischen Erneuerung auf den Fundamenten der christlich-moralischen Werte Europas. Sie dachten das neue Deutschland dabei als Partner in einer gesamteuropäischen Friedensordnung und nahmen so viele Entwicklungen, wie sie heute in der Europäischen Union verwirklicht werden sollen, vorweg.

Viele Mitglieder des Kreisauer Kreises wurden 1944/45 hingerichtet, da die Widerstandsgruppe nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 entdeckt wurde, obwohl sie nicht direkt an deren Plänen beteiligt war.

Nach dem Krieg fiel Niederschlesien an Polen, aus Kreisau wurde Krzyżowa, aus dem Gutshof ein Staatsbetrieb. Das Dorf selbst geriet zunehmend in Vergessenheit.

Das Erbe des Kreisauer Kreises wirkte nach 1945 jedoch weiter, in Deutschland wie in Polen. Viele Menschen sahen in den Mitgliedern dieser Gruppe Vorbilder für den toleranten und offenen Umgang miteinander, in ihren Ideen eine politische Konzeption Europas, die nicht mehr durch Chauvinismus, übermächtige Nationalstaaten und die Herrschaft von Ideologien geprägt war. Doch erst Ende der 80er Jahre, im Aufbruch des "Völkerherbstes" in Mitteleuropa, kamen Interessierte aus Polen, Ost- und Westdeutschland, den Niederlanden und den USA zusammen. Zunächst traf man sich im amerikanischen Vermont anlässlich des 100. Geburtstages Eugen-Rosenstock Huessys, einer der geistigen Väter des Kreisauer Kreises, später dann zu einer Tagung im Breslauer Klub der Katholischen Intelligenz. Hier wurden erste Schritte zur Gründung einer europäischen Stiftung und einer Begegnungsstätte in Kreisau eingeleitet.

Während im November 1989 in Berlin die Mauer fiel, nahmen der erste frei gewählte polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl an einer Versöhnungsmesse in Kreisau teil. Das verfallene Gut rückte schlagartig wieder ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit und die Bedingungen für die Realisierung des Projektes Kreisau waren günstig wie nie.

Im Sommer 1990 wurde die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung gegründet, an der sich Polen und Deutsche aus Ost und West, aber auch Menschen aus anderen europäischen Ländern und den USA beteiligen. Anknüpfend an die Gedanken des Kreisauer Kreises möchte die Stiftung und die ihr verbundenen Initiativen in Deutschland an der europäischen Einigung mitwirken, in einem Prozess der Verantwortung und lebendigen Beteiligung der Zivilgesellschaften.

Als Eigentümerin des Gutes und mit Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit ließ die Stiftung Kreisau die Gebäude renovieren und bis 1998 in die heutige Begegnungsstätte umwandeln. Unter Anwesenheit der damaligen deutschen und polnischen Regierungschefs sowie vieler Ehrengäste wurde die Einrichtung im Frühjahr 1998 feierlich eröffnet.

Auf dem früheren Gutsgelände der Moltkes wird heute eine Begegnungs- und Tagungsstätte betrieben, ausgestattet mit 177 Plätzen im Jugendherbergs- und Hotelstandard sowie Räumen für verschiedene Veranstaltungsformen, Plenar- und Kleingruppen, Übersetzungsanlage und Werkstätten für künstlerisches Arbeiten. Im Kreisauer Schloss und im Berghaus wurde eine Gedenkstätte für den europäischen Widerstand eingerichtet.Im Schloss informiert eine Dauerausstellung über den Kreisauer Kreis und ausgewählte Menschen und Gruppen der mittel- und osteuropäischen Dissidenten- und Bürgerbewegung. Im Berghaus erinnert ein Gedenkraum an die Mitglieder und das Wirken des Kreisauer Kreises.

Schloss Kreisau, Postkarte um 1900
Schloss Kreisau, Postkarte um 1900
Kuhstall (heute Speisesaal) um 1970
Kuhstall (heute Speisesaal) um 1970
Das Kreisauer Schloss heute
Das Kreisauer Schloss heute