Das Neue Kreisau

Nach dem Krieg fiel Niederschlesien an Polen, aus Kreisau wurde Krzyżowa, aus dem Gutshof ein Staatsbetrieb. Das Dorf selbst geriet zunehmend in Vergessenheit. Das Erbe des Kreisauer Kreises wirkte nach 1945 jedoch weiter, in Deutschland wie in Polen.

Viele Menschen sahen in den Mitgliedern dieser Gruppe Vorbilder für den toleranten und offenen Umgang miteinander, in ihren Ideen eine politische Konzeption Europas, die nicht mehr durch Chauvinismus, übermächtige Nationalstaaten und die Herrschaft von Ideologien geprägt war. Doch erst Ende der 80er Jahre, im Aufbruch des "Völkerherbstes" in Mitteleuropa, kamen Interessierte aus Polen, Ost- und Westdeutschland, den Niederlanden und den USA zusammen. Zunächst traf man sich im amerikanischen Vermont anlässlich des 100. Geburtstages Eugen-Rosenstock Huessys, einer der geistigen Väter des Kreisauer Kreises, später dann zu einer Tagung im Breslauer Klub der Katholischen Intelligenz. Hier wurden erste Schritte zur Gründung einer europäischen Stiftung und einer Begegnungsstätte in Kreisau/Krzyżowa eingeleitet.

Während im November 1989 in Berlin die Mauer fiel, nahmen der erste frei gewählte polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl an einer Versöhnungsmesse in Kreisau/Krzyżowa teil. Das verfallene Gut rückte schlagartig wieder ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit und die Bedingungen für die Realisierung des Projektes Kreisau waren günstig wie nie.

Im Sommer 1990 wurde die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung gegründet, an der sich Polen und Deutsche aus Ost und West, aber auch Menschen aus anderen europäischen Ländern und den USA beteiligen. Anknüpfend an die Gedanken des Kreisauer Kreises möchte die Stiftung und die ihr verbundenen Initiativen in Deutschland an der europäischen Einigung mitwirken, in einem Prozess der Verantwortung und lebendigen Beteiligung der Zivilgesellschaften.

Als Eigentümerin des Gutes und mit Mitteln der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit ließ die Stiftung Kreisau die Gebäude renovieren und bis 1998 in die heutige Begegnungsstätte umwandeln. Unter Anwesenheit der damaligen deutschen und polnischen Regierungschefs sowie vieler Ehrengäste wurde die Einrichtung im Frühjahr 1998 feierlich eröffnet.

Auf dem früheren Gutsgelände der Moltkes wird heute eine Begegnungs- und Tagungsstätte betrieben, ausgestattet mit 177 Plätzen im Jugendherbergs- und Hotelstandard sowie Räumen für verschiedene Veranstaltungsformen, Plenar- und Kleingruppen, Übersetzungsanlage und Werkstätten für künstlerisches Arbeiten. Im Kreisauer Schloss und im Berghaus wurde eine Gedenkstätte für den europäischen Widerstand eingerichtet. Im Schloss informiert eine Dauerausstellung über den Kreisauer Kreis und ausgewählte Menschen und Gruppen der mittel- und osteuropäischen Dissidenten- und Bürgerbewegung. Im Berghaus erinnert ein Gedenkraum an die Mitglieder und das Wirken des Kreisauer Kreises.