Wir nehmen Abschied von Władysław Bartoszewski

* 19.02.1922 in Warszawa
† 24.04.2015 ebenda

Die Kreisau-Initiative, die Freya von Moltke-Stiftung und die Berliner Kreisau-Unterstützer_innen nehmen Abschied von Władysław Bartoszewski. Dazu schreiben Annemarie Cordes (Vorstand der Kreisau-Initiative e.V.) und Dr. Agnieszka von Zanthier (Geschäftsführerin der Freya von Moltke-Stiftung).

„Im Laufen“ wollte er sterben, und das ist ihm mit seinen 93 Jahren am Ende doch gelungen – auch wenn wohl alle, die ihn kennenlernen durften, ihn gern weiter gern so zielstrebig voraneilen sehen möchten.

Als Nicht-Polen-Expertin hatte ich erst 1993 die Freude ihn kennenzulernen, ohne zunächst zu wissen, wer er war. Wir feierten das erste Richtfest im Rohbau des „Pałac“ im Kreisauer Gutshof, zu der Zeit eine riesige Baustelle. Es war einige Prominenz eingeladen, darunter Bartoszewski. Wir hatten nicht wirklich damit gerechnet, dass fast die gesamte Dorfbevölkerung Kreisaus zur Feier des Tages festlich gekleidet und überpünktlich im Rohbau des großen Saals erscheinen würde und zielstrebig die ersten der provisorisch dort aufgestellten Stuhlreihen besetzte. So suchte sich jeder irgendwie ein Plätzchen, ohne protokollarische Vorgaben.

Hinter mir in den hinteren Reihen saß Bartoszewski. Sobald die offiziellen Reden verklungen waren, sprang er auf und begrüßte jubilierend den Wiederaufbau Kreisaus als wichtigen praktischen Schritt der deutsch-polnischen Versöhnung und des Zusammenwachsen eines geeinten Europa. Er sprach ein bildhaftes und lebendiges Deutsch mit solcher Kraft, dass ich mich spontan umdrehte und zu ihm sagte: „Meine Güte, sie haben ja wirklich die Gabe der Rede!“  Er musste lachen und sagte etwas wie „Das hat mich immer gerettet!“ Erst nachher erfuhr ich, wer er war.

1999 hielt er die Laudatio für Freya von Moltke bei der Verleihung des Brücke-Preises für ihr Engagement bei dem Aufbau der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung.

Am 20. November 2014 kam er wieder einmal nach Kreisau, aus Anlass der Eröffnung der großen Open Air Ausstellung und des 25. Jahrestags der Versöhnungsmesse in Kreisau. Er kam allein in den Raum, schnell mit seinem Stock, ohne Security oder Begleitung für den immerhin 92Jährigen. Ihm fiel die undankbare Aufgabe zu, vor Merkel und Kopacz zu sprechen, die mit Verspätung ankamen. Während seiner Rede wurde er mehrfach gestört durch Security und Protokoll der beiden Regierungschefinnen mit ihren Aktivitäten vor den ersten Stuhlreihen.

Obwohl er auf allen Fotos dieses Ereignisses und in der Tagesschau und der Deutschen Welle neben Kopacz und Merkel zu sehen ist, wird sein Name in der Berichterstattung über dieses Ereignis nicht erwähnt, nicht einmal in den Bildunterschriften.

So schnell und kurzlebig vergisst die Tagesöffentlichkeit die, die wirklich wichtig waren beim aktiven Handeln von ersten Versöhnungsschritten in schwierigen Zeiten, mit ihrer Geduld und Beharrlichkeit und  - ja auch – ihrer Feindesliebe. Wir werden ihn nicht vergessen und sein Andenken in den Ehren halten, die ihm gebührt.

Annemarie Cordes

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„Die besonderen Umstände, die meine Jugend prägten, haben mich von jeglichem Wankelmut befreit. Die einzige Wahl vor der ich stand war, etwas was ich für böse hielt, zu akzeptieren oder nicht. Das war alles.“ –so der betagte Prof. Władysław Bartoszewski in einem großen biographischen Interview. Der für sein bis ins hohe Alter ausgezeichnetes Gedächtnis, seinen Sinn für Humor und seine scharfe Zunge bekannte Historiker, Publizist, Diplomat und Politiker starb am 24. April in seiner Heimatstadt Warschau. Er war 93 Jahre alt.

Im Frühjahr 1939 machte er Abitur, im September nahm er teil an der zivilen Verteidigung der Stadt Warschau. Ein Jahr später wurde er von der Straße weg grundlos verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt, fortan Häftling Nummer 4427. Im April 1941wurde er schwer krank entlassen, wahrscheinlich durch die Bemühungen seines Arbeitgebers, des Polnischen Roten Kreuzes. Er kehrte nach Warschau zurück und studierte im Untergrund Polonistik. 1942 wurde er Mitglied der konspirativen Landesarmee (Armia Krajowa) und arbeitete in deren Informations- und Propagandaabteilung. Zugleich engagierte er sich in dem 1942 von der Schriftstellerin Zofia Kossak gegründeten Żegota-Komitee (Rada Pomocy Żydom „Żegota“), einer katholischen Gruppe, die Juden versteckte, ihnen gefälschte Dokumente, medizinische Hilfe und finanzielle Unterstützung organisierte. Jeder ihrer Mitglieder riskierte sein Leben und das seiner Familie. Mehrere Tausend Juden, viele davon Flüchtlinge aus dem Warschauer Ghetto, konnten so gerettet werden. 1944 nahm Bartoszewski am Warschauer Aufstand teil.

Nach Kriegsende schloss sich Bartoszewski der Polnischen Volkspartei (PSL) an, der einzigen legalen Oppositionspartei, und arbeitete als Journalist in deren Volkszeitung. 1946 wurde er von dem Sicherheitsdienst verhaftet und kurz darauf wegen vorgeschobener Spionagetätigkeit zu 8 Jahren Haft verurteilt. Erst in der Tauwetterperiode nach dem Tod Stalins wurde er 1954 entlassen und ein Jahr später rehabilitiert. Er kehrte zur publizistischen Tätigkeit zurück – u. A. schrieb er für die renommierte katholische Allgemeine Wochenzeitung (Tygodnik Powszechny) und holte sein während des Krieges begonnenes Stu­dium nach. Seit Anfang der 70er Jahre war er als Dozent für Geschichte an der Katholischen Universität in Lublin (KUL) tätig, in den 80er Jahren auch als Gastprofessor an den westdeutschen Universitäten München, Eichstädt-Ingolstadt und Augsburg.

1980-81 war Bartoszewski Mitglied der Gewerkschaft Solidarność. Nach Einführung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 wurde er interniert und erst nach fünf Monaten wieder entlassen. Nach dem politischen Umbruch des Jahres 1989 wurde Bartoszewski zum Botschafter der Republik Polen in Österreich ernannt. 1995 übernahm er erstmals das Amt des Polnischen Außenministers, das er später (2000-2001) in der Regierung Buzek wieder inne hatte – in dieser Funktion sprach er am 28. April 1995 anlässlich des 50. Jahrestages des Kriegsendes vor dem Bundestag und Bundesrat in Bonn. Er war mehrere Jahre Mitglied der zweiten Kammer des polnischen Parlaments, des Senats. Im November 2007 wurde er zum Staatssekretär und außenpolitischen Berater des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk berufen. In seiner Zuständigkeit lag insbesondere die Pflege der  die polnisch-deutschen und die polnisch-jüdischen Beziehungen. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Tod inne.

Für sein Engagement im Żegota-Komitee wurde Bartoszewski 1965 in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ gewürdigt. Die Liste seiner Auszeichnungen ist lang. Bartoszewski war Autor von etwa 50 Büchern und fast 1500 Artikeln, von denen sich die meisten mit der deutschen Okkupation Polens, dem Schicksal der polnischen Juden und dem polnischen Untergrundsstaat 1939–45 beschäftigten.

2009 sagte Bartoszewski einer polnischen Zeitung: „Wenn mir jemand, vor 60 Jahren, als ich geduckt auf dem Appellplatz des KZ Auschwitz stand, gesagt hätte, dass ich Deutsche, Bürger eines demokratischen und befreundeten Landes als Freunde haben werde, hätte ich ihn für einen Narren gehalten.“ Mit Prof. Bartoszewski starb ein für polnisch-deutsche Versöhnung und Verständigung unersetzlicher Mensch.

Agnieszka von Zanthier

Die Kreisau-Initiative e.V.

Willkommen in Kreisau

Die Kreisau-Initiative wurde im Sommer 1989 - noch vor dem Fall der Mauer - von Ost- und Westberlinern gegründet, um das "Projekt Kreisau" ideell und materiell zu fördern. Wir sind in den Gremien der polnischen Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung vertreten und arbeiten an den Konzeptionen und der Durchführung der Kreisauer Projekte mit.

Als regierungsunabhängige, gemeinnützige Organisation machen wir in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren des Kreisauer Netzwerkes auf Kreisau aufmerksam. Durch die Einrichtung einer Geschäftsstelle sichern wir die kontinuierliche und professionelle Kooperation mit der Stiftung Kreisau - etwa bei Finanzierungen und Organisation gemeinsamer Vorhaben sowie in Form von  Veranstaltungen in Kreisau und in Berlin. Durch Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit, Beratung und Spendensammlungen fördern wir das Engagement der Zivilgesellschaft in Deutschland für den besonderen "europäischen Ort Kreisau/ Krzyżowa" in Polen.

Seit 2004 arbeiten wir am Aufbau und der Entwicklung der deutschen Freya von Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau, um durch ein Stiftungskapital die nachhaltige, langfristige Zukunftssicherung für Kreisau in Gang zu setzen.

Wir sind Träger der Theodor-Heuss-Medaille, des Marion Dönhoff Preises sowie des Deutschen Einheitspreises und wurden von weiteren Organisationen für unser Engagement ausgezeichnet. 2010 war die Kreisau-Initiative einer von "365 Orte(n) im Land der Ideen".

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Die Kreisau-Initiative e.V. wird von der Europäischen Union unterstützt.

Jahresrundbrief 2014
Jahresthema 2015: Würdelose Grenzen - Grenzenlose Würde

Mit dem Jahresthema "Würdelose Grenzen - Grenzenlose Würde" möchten wir uns in unserer Bildungsarbeit der drängenden Frage nach dem Umgang mit Geflüchteten stellen. Im Jahr 2014 sind 51 Millionen Menschen auf der Flucht - so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Nur wenige erreichen Europa, das seine Außengrenzen abgeriegelt hat und mit zunehmender Abwehrhaltung reagiert.

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