1989 – Annus mirabilis

von Ludwig Mehlhorn

Man kann ein ganzes Bündel von Ursachen benennen, warum gerade 1989 das kommunistische System zusammenbrach und die Tore in die Freiheit plötzlich offenstanden. Rückständigkeit und Ineffizienz der sozialistischen Ökonomie, die immer weiter schwindende Legitimität der politischen Systeme, die Unfähigkeit der Gerontokratien, auf die Krise zu reagieren, ja sogar die abnehmende Fähigkeit, die Repressionsapparate in Gang zu setzen, werden meistens erwähnt. Gewiss spielte die demokratische Opposition auch eine Rolle, aber das waren in der Regel kleine Gruppen, die sich viele Jahre lang gegen die Freiheitsberaubung aufgelehnt hatten, meistens ohne durchschlagende Erfolge zu erzielen. Warum wurden gerade 1989 aus kleinen Gruppen plötzlich Massenbewegungen? Man kann sich trefflich streiten, welche begünstigenden Einflüsse von außen in die ostmitteleuropäischen Länder hineinwirkten. Wer war der wichtigere Hoffnungsträger – Gorbatschow mit seiner Perestroika, wie viele Deutsche glauben, oder Ronald Reagan, der den Sowjets das amerikanische Freiheitspathos entgegensetzte, oder doch der polnische Papst im Vatikan, der besonders den Polen immer wieder Mut machte?

Auch wenn man alle diese Fragen erschöpfend beantworten könnte, bleibt doch ein Rest, der sich nicht erklären lässt. Selbst für Adam Michnik, einen der konsequentesten Oppositionellen und scharfsichtigsten Analytiker des kommunistischen Systems, ist 1989 in der Rückschau ein annus mirabilis – ein Jahr der Wunder. Niemand konnte erwarten, dass die Sowjetunion ihren Satelliten das Recht auf Selbstbestimmung gewähren und sie in die Freiheit entlassen würde. Honecker erklärte am Anfang des Jahres 1989, dass die Mauer noch 100 Jahre stehen wird. Bei allen Geschichtsklitterungen, die im Laufe des Gedenkjahres auch zu vernehmen waren – niemand ist so weit gegangen zu behaupten, er habe den dramatischen Wandel dieses Jahres vorausgesehen.

Auch die Initiative zur Gründung der Stiftung Kreisau hätte ohne die Dynamik des Jahres 1989 kaum gelingen können. Viele Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft hatten gemeinsam und gleichzeitig das Gefühl, dass man etwas bewegen könnte. Das Neue Kreisau ist ein Kind des ostmitteleuropäischen Aufbruchs – und damit auch ein Teil des Wunders. Die Stiftung hat sich deshalb in eigenen Gedenkfeiern, Seminaren und Konferenzen ihrer eigenen Gründungsgeschichte vergewissert. Der Rundbrief berichtet darüber an anderer Stelle. Im Folgenden seien einige deutsch-polnische Aspekte des Gedenkjahres 2009 näher betrachtet.

Um die Beschleunigung der Zeit deutlich zu machen, wurde des Öfteren eine Losung zitiert, die im November 1989 – die Mauer war schon gefallen – in Prag an Häuserwänden und auf Transparenten auftauchte: „ Polen 10 Jahre – Ungarn 10 Monate – DDR 10 Wochen – ČSSR 10 Tage“. Das war damals keine vorweggenommene Doktrin über den Verlauf der Revolution und erst recht kein geschichtspolitischer Deutungsversuch nach dem Motto „Wir Tschechen und Slowaken erledigen im Handumdrehen, wozu andere Jahre brauchen“. Es war vielmehr ein Versuch der Tschechen – nicht ohne Selbstironie –, ihre Lethargie zu überwinden und die eigenen Landsleute zum Handeln zu bewegen. In der ČSSR war zu diesem Zeitpunkt noch nichts von Bedeutung geschehen. Die Losung ist somit ein Aufruf, der Mut machen sollte, um nicht den Anschluss zu verpassen.

Sie zeigt aber auch, dass die Tschechen hellsichtig erkannt hatten, was in der DDR den wenigsten bewusst war. Die „Solidarność“ hatte eine politische Dynamik erzeugt, die dem ganzen Jahrzehnt seinen Stempel aufgedrückt hatte, denn die „polnische Revolution“, die im August 1980 mit den Streiks auf der Werft in Danzig begonnen hatte, lag schon fast zehn Jahre zurück. Man konnte dies freilich erst im Nachhinein erkennen. Der Appell der Solidarność an die Arbeiter in den osteuropäischen Ländern, verabschiedet auf dem 1. Kongress 1981, wurde ja zunächst ignoriert. Er erzeugte jedenfalls keinen Automatismus der Abläufe, wie es das Bild der umstürzenden Dominosteine am Brandenburger Tor suggerierte. In Danzig wurde tatsächlich der erste Stein aus der Mauer gebrochen, aber das war nur möglich, weil hinreichend viele Menschen einen langen Atem hatten und über Rückschläge und Niederlagen hinweg an der Hoffnung auf Freiheit und am Ethos des Widerstands festhielten. Im Polen der 80er Jahre gab es genügend Anlass, sich entweder von brutaler Gewalt einschüchtern oder – in einer späteren Phase – sich korrumpieren zu lassen, indem man auf Angebote eingeht, um den Preis des Verzichts auf die Forderung nach Wiederzulassung der Solidarność in staatlichen Institutionen und diversen Komitees „mitzuarbeiten“. Die polnische Opposition und letztlich die ganze Gesellschaft hat die im Laufe von zehn Jahren unvermeidlichen Ermüdungsphasen durchgestanden und damit die Voraussetzung geschaffen, dass sie auch 1989 die ersten sein konnten, die mit dem Runden Tisch die politische Dynamik des Jahres der gewaltfreien Revolution in Gang setzten. Dort wurden die Wahlen des 4. Juni ausgehandelt und die erneute Legalisierung der Solidarność als freie, staatsunabhängige und selbstverwaltete Gewerkschaft erzwungen. Im Ergebnis dieser Wahlen kam einige Wochen später die erste nichtkommunistische Regierung mit Tadeusz Mazowiecki als Premierminister ins Amt. Polen hat deshalb völlig zu Recht „Zaczęło się w Polsce – es begann in Polen“ als Motto für das Jubiläumsjahr gewählt.

Die Erinnerung an die Ereignisse vor zwanzig Jahren wurde in Polen und Deutschland auch durch die gemeinsame Einweihung von Denkmälern und staatlichen Feierstunden öffentlich sichtbar gemacht. Ein Stück der Mauer um die Danziger Werft steht seit dem 17. Juni am Reichstag. Und doch können wir am Ende dieses Jahres nicht vollends glücklich darüber sein, wie die Anlässe des Jahres zum gemeinsamen Nachdenken über unsere Geschichte und unsere Zukunft genutzt wurden.

Polen hat nicht nur an 1989 erinnert, sondern auch an den September 1939 – das Datum, an dem die Zweite Republik von Hitler und Stalin zerschlagen wurde und der Zweite Weltkrieg begann. Bis die Dritte Republik als souveräner Staat gebildet werden konnte, vergingen genau 50 Jahre. Angela Merkel war zu beiden Feiern eingeladen. Sie konnte für Deutschland am 4. Juni, dem „Tag der Freiheit“ in Krakau und am 1. September auf der Westerplatte für Deutschland sprechen. Es ist unverständlich, warum zum Jubiläum des zentralen deutschen Ereignisses des Jahres 1989 – der Öffnung der Mauer am 9. November – die polnische Regierung nicht ebenso prominent eingeladen wurde. Die Reden am Brandenburger Tor blieben den Alliierten vorbehalten. Die Hauptakteure des Wandels vor 20 Jahren – die Gesellschaften der ostmitteleuropäischen Länder – hatten de facto keine Stimme. Die DDR-Opposition kam ebenso wenig zu Wort wie Ex-Präsident Lech Wałęsa oder Vaclav Havel oder ein Präsident aus den Ländern des Baltikums. Soll sich jemand als gleichrangig mit den Präsidenten Sarkozy und Medwedjew behandelt fühlen, dem von einem Fernsehmoderator, den man aus einem Werbespot für Gummibärchen kennt, ein Mikrophon hingehalten wird?

Wenn in Zukunft wieder einmal betont wird, dass Polen für uns ein ebenso wichtiger Nachbar im Osten ist, wie seit Jahrzehnten Frankreich im Westen, dann scheint eine gewisse Skepsis angebracht. Auf jeden Fall lohnt es sich nachzufragen, wie ernst eine solche Ansage gemeint ist. Die Bundeskanzlerin wird schon bald eine neue Gelegenheit haben, Reden und Handeln in Einklang zu bringen – für das deutsch-polnische Verhältnis stehen wichtige Entscheidungen an. Oder sollen wir auf ein Wunder hoffen?

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