20. Jubiläum der Versöhnungsmesse

von Ole Jantschek

Die Versöhnungsmesse am 12. November 1989 in Kreisau, spontan anberaumt und improvisiert, ist ein wichtiges Datum in den deutsch-polnischen Beziehungen. Es war nicht der Beginn der deutsch-polnischen Aussöhnung. Diese wurde schon seit dem Brief der polnischen Bischöfe aus dem Jahr 1965 mit dem Leitsatz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ von vielen Menschen, vor allem in christlichen Gruppen befördert. Mit dem Kniefall von Willy Brandt in Warschau gab es auch schon ein machtvolles, wenn auch länger zurückliegendes politisches Symbol des Neubeginns. Doch der christliche Friedensgruß von Kreisau zwischen Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl steht für den Beginn einer neuen Epoche der Beziehungen zwischen einem demokratischen Polen und einem noch geteilten Deutschland, das nur drei Tage zuvor den Mauerfall erlebt hatte.

Vor diesem Hintergrund erscheint es bedauerlich, dass die Enthüllung einer Gedenktafel und die Jubilä-umsmesse nach der Absage der beiden Schirmherren, Bundestagspräsident Norbert Lammert und dem Marschall des Sejm Bronisław Komorowski, ohne höchste Vertreter der Regierungen beider Staaten statt-fanden. Umso erfreulicher war es freilich, dass mit Christian Wulff und Stanislaw Tillich zwei amtierende Ministerpräsidenten sowie mit Marek Łapiński (Marschall), Rafał Jurkowlaniec (Wojewode) und Jerzy Pokój (Vorsitzender des Sejms) hochrangige Repräsentanten der Wojewodschaft Niederschlesien sowie der Minister für Kultur und Nationales Kulturerbe, Bogdan Zdrojewski, anwesend waren. Dennoch, so wie die Entscheidung Mazowieckis und Kohls für Kreisau als Ort des Zusammentreffens damals erst den Rü-ckenwind gab, der den raschen Aufbau der Stiftung Kreisau und der Internationalen Jugendbegegnungs-stätte ermöglichte, wäre es wünschenswert gewesen, diesen Jahrestag mit einem Bekenntnis für den weiteren Ausbau der Beziehungen zu verbinden. So lag die Jubiläumsmesse ein wenig im Windschatten der Feierlichkeiten zum Mauerfall.

Einerseits. Andererseits gab gerade dieser Umstand den Blick auf das Wesentliche dieses Ereignisses frei, das ja zuallererst eine gemeinsame Messe von Deutschen und Polen war, eine Geste der Verständigung, die in der Region schon 1980 durch den Gottesdienst auf dem St. Annaberg begonnen hatte. Es war außerdem ein gutes Zeichen, dass viele Besucher aus der Region kamen, so dass das transparente Zelt auf dem Kreisauer Hof bis zum letzten Platz besetzt war. Wie vor 20 Jahren leitete Erzbischof Alfons Nossol den stimmungsvollen Festgottesdienst, der von zwei Schulchören musikalisch begleitet wurde, vor einem mit deutsch-polnischen Flaggenband geschmückten Kreuz, der Hl. Hedwig und dem Leitsatz „Selig, die Frieden stiften.“

In seiner Predigt erinnerte Nossol an die Anfänge 1989 und rief die Gemeinde auf, dankbar für das seitdem Erreichte zu sein. In der sehr gelungenen Publikation 20 Jahre Kreisau im Gespräch ist sehr prägnant sein Verständnis von authentischer Versöhnung zu lesen: „Der erste Schritt ist dabei eine Überwindung der gegenseitigen, nationalen Vorurteile; der zweite – eine Entgiftung unserer Ideen und Gedanken; der dritte – eine Heilung der Erinnerung. Erst dann kann es zur wahren Aussöhnung und einer authentischen Versöhnung kommen, und zwar im Rahmen eines vereinigten Europas, als authentische Gemeinschaft des Geistes, also einer Kultur- und Wertegemeinschaft.“

Gegen Ende ergriff auch Tadeusz Mazowiecki das Wort, indem er die vielfältigen Ereignisse im Jahr 1989 in den Blick nahm und die Bedeutung des Besuchs von Bundeskanzler Kohl für den Fortgang der bilateralen Beziehungen hervorhob. Beiden sei klar gewesen, dass es eines kontinuierlichen Prozesses bedurfte, in dem gerade die Begegnung zwischen deutschen und polnischen Jugendlichen gefördert werden müsse.

Passend dazu sei abschließend auf die neue Netzseite der Stiftung Kreisau zur Versöhnungsmesse hingewiesen, die auch Jugendlichen einen guten Einstieg in diesen Teil der Geschichte bietet: www.mszapojednania.pl.

Nach oben ▲