In den Köpfen der Menschen

von Hanka Nowicka und Friedhelm Weinberg

Der Beitrag entstand im Rahmen des Projekts „1989: Neue Wege – Aufbruch in ein Leben in Demokratie und Freiheit“. Der Text wurde beim von MitOst e.V. ausgeschriebenen Internationalen Journalistenpreis „1989–2009: Europa im Dialog“ in die Auswahl der zehn besten Texte aufgenommen.

Was machen ein NVA-Trainingsanzug und ein Solidarność-Anstecker nebeneinander in einem Museum, das es nicht gibt? Sie sind ein Anfang. Vielleicht.

Es ist leise, aber die wenigen Geräusche beeindrucken. Geflüster auf Polnisch und Deutsch, ein Lachen, die meiste Zeit nur Schritte auf dem Marmorboden. Die Luft riecht so künstlich, trocken wie sie die Klimaanlage macht, die gebraucht wird, um die Temperatur zu halten; nur so werden die Exponate nicht gefährdet. Einige von ihnen sind klein – wie ein Anstecker –, andere größer – wie ein Trainingsanzug – und wiederum andere können nur in einem Fernseher betrachtet werden. Wenn man im ersten Raum des Museums steht, kann man die Tafeln sehen, die einen Überblick über die geschichtlichen Hintergründe geben – wie sich alles verändert hat, in Kurzform. Die darauf folgenden Räume bieten Platz für kleinteiligere, persönlichere und subjektivere Exponate. Manch ein Besucher wird sich an ihnen stören. Üblicherweise ist ein Museum nicht ein Ort des Dialoges, sondern einer in dem viel in den Köpfen der Menschen geschieht – ob es der Versuch ist, die Bedeutung eines Kunstwerkes zu erfassen oder der Versuch, sich einen Abschnitt der Geschichte zu erarbeiten. Aber dieses Museum gibt es gar nicht, es existiert nur in den Köpfen der Menschen. Dennoch oder gerade deshalb kann es ein Ort sein, an dem Verständnisse, Gedanken, Ideen ausgetauscht werden auch über Grenzen hinweg. Das Museum handelt von Polen und Deutschland im Jahr 1989.

Alles begann in Polen

Es gibt keine direkte Verbindung zwischen dem Runden Tisch in Polen und dem Fall der Berliner Mauer. Aber diese beiden bekanntesten Bilder des Zusammenbruchs des Sozialismus in Mittel-und Osteuropa sind nur die Spitze des Eisbergs; und sie stehen für den langen und schwierigen Prozess, in dem die Macht wieder in die Hände des Volkes kam. Die Veränderungen in Polen begannen bereits 1980 mit der Solidarność-Bewegung, dennoch war die Art und Weise wie es in der DDR 1986 begann sehr ähnlich: Die Menschen waren müde vom ineffektiven und unterdrückenden System, die Wirtschafskrise verschärfte sich und die Lücke zwischen dem was die Propaganda versprach und realen Sozialismus trieb Menschen immer stärker in den Widerstand. Erst im Stillen, später laut mit Streiks und Demonstrationen. „Wir kämpften gegen den Stacheldraht, der unsere Herzen beengte“, sagt Ludwig Mehlhorn über diese Zeit. Er war Oppositioneller und Mitgründer der Initiative „Demokratie Jetzt!“. Die Ereignisse des Jahres 1989 können ohne Zweifel als Revolution von unten bezeichnet werden, auch wenn nicht vergessen werden darf, dass die Reformen in der Sowjetunion ihren Anteil haben. „Wir träumten nicht einmal vom Ende des Kommunismus und plötzlich wurde das Undenkbare möglich!“, erinnert sich Mieczysław Ducin Piotrowski. Er war und ist aktiv in der polnisch-tschechischen Solidarność. Der Wandel, der 1989 kulminierte, wurde erreicht durch einfache Bürger. Die große Geschichte war nie zuvor so nah am Leben der einfachen Menschen. Deshalb erzählt das virtuelle Museum des Jahres 1989 die Geschichte des Wandels, indem persönliche Objekte von einfachen Menschen gezeigt werden.

Die Polizisten verpassten den komischen Anblick

Der Solidarność-Anstecker gehörte Lech Nowicki, von September 1980 an Mitglied des Solidarność-Komitees an seinem Arbeitsplatz, dem Institut für Nuklearforschung. Das Komitee organisierte Demonstrationen der streikenden Arbeiter, gab eine eigene Zeitung heraus und koordinierte die Solidarność-Propaganda. Es war nicht überraschend, dass nach Ausrufen des Kriegsrechts im Dezember 1981, die Hälfte der Mitglieder des Komitees verhaftet und ins Gefängnis gebracht wurde. Der Rest organisierte Demonstrationen zum Schutz der Rechte der Inhaftierten-Kollegen im Hof des Instituts, am 13. jedes Monats. Wegen dieser Aktionen wurde Lech Nowicki im Mai 1983 verhaftet. Am frühen Morgen des 14. kamen Polizei und Geheimdienst, um ihn zu verhaften. Bevor sie ihn mitnahmen, durchsuchten sie – wie üblich – seine Wohnung auf illegale Materialien. Dabei wurden sie von Joanna aufgehalten, Lechs Frau, dass sie nicht in den letzten Raum gehen sollten, weil dort ein Kind schlief. Die Fahnder stimmten zu und verpassten den komischen Anblick mehrerer Kuscheltiere, die Solidarność-Anstecker trugen. Die hingen an der Wand, nur ein kleines Stück über dem Kopf des Kindes. Unter dem Bett lagen noch einige Untergrundzeitschriften. Nach drei Monaten kam Lech aus dem Gefängnis frei.

Das zweite Exponat ist anders. Es ist nicht nur aus der ehemaligen DDR und es ist nicht etwas, das mit Opposition verbunden ist, sondern mit dem Establishment: ein alter Armeetrainingsanzug, der einmal dem heute 73-jährigen Reinhard Fiedler gehörte. Er verbrachte fast sein ganzes Leben im Dienst der Nationalen Volksarmee (NVA) und wurde arbeitslos im Zuge der Ereignisse von 1989 und der folgenden Wiedervereinigung. In den Jahren bis zu seiner Rente lieferte er Zeitungen aus. Er brauchte den Trainingsanzug nicht mehr, aber er hat ihn sicher aufbewahrt, gehegt und gepflegt; das erzählt etwas von seinen Erfahrungen aus den Jahren zuvor – es war einfach undenkbar, etwas wegzuwerfen, fast alles war wertvoll oder konnte wertvoll werden. Eines Tages könnte der Trainingsanzug noch einmal gebraucht werden. (Tatsächlich hatte er Recht, Anfang der 2000er Jahre wurden solche Trainingsanzüge hip.) Obwohl sich Reinhard Fiedlers Leben verändert hat durch das, was 1989 geschehen ist, veränderte er sich als Mensch nicht so komplett wie das Regime. In seinem Denken war und ist er von dem beeinflusst, was er in der DDR erlebt hat. Das bedeutet nicht, dass er Kommunismus anpreist. Aber es zeigt, dass so sehr auch um Wandel gekämpft wurde, nicht alles verändert wurde. Einiges blieb – auch in den Menschen.

Nicht mehr als ein Anfang

Die zwei Exponate sind nur ein kleiner Auszug dessen, was gesagt werden kann, vielleicht sogar muss, über Polen, Deutschland, Europa und das Jahr 1989, die Veränderungen und was sie bedeuten könnten. Das Museum ist bestimmt nicht alles, was gesagt werden kann, sicherlich nicht einmal ein Prozent; dennoch, es ist ein Anfang. Ein Museum, erschaffen in den Köpfen der Menschen, ist vielleicht ebenso wenig ein Ort des Dialogs – aber Ergebnis von Dialog. So wie sich Selbst- und Fremdverständnisse ändern, verändert sich auch das Museum. Die Veränderung kommt durch neue Exponate – und diese sind mehr als nur willkommen.