DIALOG-Preis 2009
an Ludwig Mehlhorn und Wolfgang Templin
von Ole Jantschek
Mit dem DIALOG-Preis würdigt die Deutsch-Polnische Gesellschaft Bundesverband e.V. Personen, Institutionen, Initiativen, Medienprojekte und Redaktionen, die sich in vorbildlicher Art und Weise für den Dialog der Völker und Kulturen in Europa sowie die Vertiefung der deutsch-polnischen Beziehungen einsetzen. 2009 wurden Ludwig Mehlhorn und Wolfgang Templin für ihr jahrzehntelanges Engagement ausgezeichnet. Beide haben, so die Begründung der Gesellschaft, in der Zeit der Teilung Europas unter großen persönlichen Risiken Verbindungen zwischen der ostdeutschen und der polnischen antikommunistischen Opposition aufgebaut und sich nach der Wende von 1989 große Verdienste insbesondere um die friedliche Gestaltung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und ihren östlichen Nachbarn, speziell zu Polen erworben.
Wolfgang Templin, in den 70er Jahren SED-Mitglied und Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften, kam während eines Studienaufenthalts 1976/77 in Warschau mit dem Werk des polnischen Philosophen Leszek Kołakowski in Berührung, das ein wichtiger Bezugspunkt für die demokratische Opposition in beiden Ländern wurde. 1985 Mitbegründer der Gruppe Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) und Mitherausgeber regimekritischer Publikationen wurde Wolfgang Templin 1988 verhaftet und die in die Bundesrepublik abgeschoben. Ludwig Mehlhorn fand ab 1969 über die Aktion Sühnezeichen und die Evangelische Studentengemeinde den Weg zu Friedens- und Menschenrechtskreisen. Nach Repressalien durch die Staatssicherheit, Auslandsreiseverboten und dem Berufsverbot war er 1986 Mitinitiator des Antrags auf „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung" an die Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und im September 1989 Mitbegründer der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt.
Aus diesem Überblick werden zwei Traditionslinien deutlich: Der Schutzraum, den die Kirche und christliche Gruppen für den freien Meinungsaustausch über Vergangenheit und Gegenwart innerhalb der DDR sowie mit der polnischen Oppositionsbewegung boten, und die Inspiration, die von der polnischen Widerstandsbewegung für die Opposition in der DDR ausgingen. Kirchennahe Gruppen wie Aktion Sühnezeichen in der DDR und ZNAK in der Volksrepublik Polen boten Dialogplattformen für einen freien Meinungsaustausch und trugen dazu bei, dass die demokratischen Impulse aus Polen und der Tschechoslowakei in die DDR gelangen konnten.
Anlässlich der Preisverleihung am 6. November 2009 zeichnete Władysław Bartoszewski diese Linien nach und würdigte Ludwig Mehlhorn und Wolfgang Templin, die durch ihre engen Kontakte nach Polen und Übersetzungen auch nach der Schließung der deutsch-polnischen Grenze 1980 aktiv zu diesem Austausch beigetragen haben. Besonders hervorzuheben sei dabei, dass die DDR-Oppositionellen unter schwierigeren Bedingungen arbeiten mussten als ihre polnischen Freunde. Denn während in Polen der Widerstand gegen das kommunistische Regime in einer langen Tradition der Auflehnung gegen die Fremdherrschaft stand und daher tief in der Bevölkerung verwurzelte Sympathien genoss, sah sich die Opposition in DDR mit einer weitgehend passiven Gesellschaft konfrontiert, die erst im Jahr 1989 zu einer breiten Bewegung wuchs; eine Situation, die durch die deutsche Teilung und die Flucht vieler Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik noch weiter erschwert wurde.
Ludwig Mehlhorn hob seinerseits die große Bedeutung hervor, die der Mut der älteren Generation zur Versöhnung und Offenheit für seine eigene Entwicklung hatten. Als er im Rahmen der Aktion Sühnezeichen nach Polen kam, sei er durch die DDR-Schule „nicht besonders gut vorbereitet“ und „ziemlich ahnungslos“ gewesen. Dennoch seien er und seine Mitstreiter damals auf Menschen aus einer älteren Generation getroffen, die sie ernst genommen hätten und so zu langjährigen Begleitern und Lehrern wurden. So habe er verstanden, dass es gelte, die Erblast der deutschen Geschichte anzunehmen, um die Zukunft zu gestalten, und jeder Verantwortung für die Verhältnisse im eigenen Land übernehmen müsse. Erst die Begegnung mit dieser Generation in Polen habe es auch ermöglicht, offen die Lebenslüge der DDR zu kritisieren, dass die Deutsche Teilung als Strafe für den deutschen Vernichtungskrieg und den Holocaust legitimiert und zugleich notwendig sei, um das Widererstarken des Chauvinismus und Nationalismus zu verhindern. Denn es war der Auschwitz-Überlebende Władysław Bartoszewski, der im Herbst 1986 die Worte fand: „Die Generation, der ich angehöre, hat mit eigenen Augen die Mauern und Drahtverhaue gesehen, welche die Menschen trennten: die Mauern des Gettos in Warschau und anderswo, die Mauer, die jahrelang durch Jerusalem lief, und die Mauer die bis heute Berlin teilt. Es scheint das Wichtigste zu sein, all das zu unterstützen, was die Menschen gegen Ihren Willen trennt.“
Abschließend zitierte Ludwig Mehlhorn noch einmal Bartoszewski mit dem kurzen Satz: „Es lohnt sich, anständig zu sein.“ Dies sei, so sagte er, auch Wolfgang Templins und seine Erfahrung. Wir sind dankbar dafür, dass sie diese Erfahrung nun ihrerseits weitergeben. Denn es ist auch dieses gemeinsame deutsch-polnische Erbe eines demokratischen Aufbruchs, das heute mehr als 20 Jahre danach die Begegnung zwischen jungen Menschen in Kreisau trägt. Dafür sei den Preisträgern herzlich gedankt.
Wir freuen uns mit ihnen über die mit dem DIALOG-Preis 2009 verbundene Anerkennung und gratulieren an dieser Stelle ganz herzlich.

