Dialog der Generationen – Ein neuer Schwerpunkt
Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen waren für die Entwicklung Kreisaus seit 1989 immer ein wichtiger und besonderer Bestandteil. Junge und ältere Menschen machten die Erfahrung, wie bereichernd es sein kann, sich „intergenerativ“ über Geschichte und Gegenwart auszutauschen und von einander zu lernen. Außer Zeitzeugengesprächen sind allerdings Projekte, die einen solchen Austausch gezielt fördern, unter internationalen Begegnungen eher selten anzutreffen. Michael Teffel, Bildungsreferent für den Bereich Dialog der Generationen, berichtet von diesem neuen Schwerpunkt in der Arbeit des Verbindungsbüros
von Michael Teffel
Seit 2008 setzt sich die Kreisau-Initiative Berlin mit einem Phänomen auseinander, das in Zukunft immer wichtiger für Deutschland, Polen und Europa werden wird – dem Dialog der Generationen. Im Rahmen mehrerer Pilotprojekte in den vergangenen zwei Jahren, hatten Menschen unterschiedlichen Alters die Möglichkeit, gemeinsam eine internationale Erfahrung in Kreisau zu machen.
Dabei wurde vor allem das enorme Potential deutlich, welches dem Gespräch zwischen älteren und jüngeren Menschen innewohnt. Sei es die Chance für junge Menschen, sich mit einer älteren Person über ein Thema auszutauschen und dabei von deren Lebenserfahrung zu profitieren, sei es die Bereicherung für ältere Menschen durch eine ungewöhnliche jugendliche Sichtweise auf ein bestimmtes Problem. Dass die einzelnen Generationen keinesfalls so homogen in ihren Ansichten und Meinungen sind, wie oft angenommen, war eine bereichernde Erkenntnis und verlieh diesen Projekten einen ganz besonderen Reiz.
Klar wurde bei diesen ersten Schritten auch, dass es noch ein weiter Weg ist, bis das Ziel, die intergenerative Arbeit dauerhaft in den internationalen Austausch zu intergieren, erreicht ist. Den bereits gemachten Anfang möchten wir im Folgenden vorstellen, um einen Einblick in die Hintergründe, Ziele und nicht zuletzt die konkreten Projekte des Bereiches „Dialog der Generationen“ zu geben.
Die gesellschaftliche Situation in Deutschland, Polen und Europa
Der demographische Wandel stellt Deutschland, Polen und Europa vor große Herausforderungen. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich seit 1960 um acht Jahre verlängert. Prognosen sagen einen Anstieg der Lebenserwartung bis zum Jahr 2050 um weiter fünf Jahre voraus. Dazu kommt, dass die so genannten „Babyboom-Kohorten“ kurz vor dem Erreichen des Rentenalters stehen. Diese beiden Effekte führen dazu, dass sich das Verhältnis zwischen Jung und Alt dramatisch verschiebt. Dies wird sich unmittelbar auf die sozialen Sicherungssysteme auswirken. Immer weniger jüngere Menschen müssen für die Versorgung von immer mehr älteren Menschen aufkommen.
In dieser Situation, in der der Dialog zwischen den Generationen für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt immer wichtiger wird, können wir feststellen, dass er aufgrund zunehmender individueller Mobilität immer seltener auf „natürlichem“ Wege, zum Beispiel in der Drei-Generationenfamilie, zustande kommt.
Den demographischen Wandel nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance zu begreifen und die Fähigkeiten oder das Wissen, welches sich Menschen unterschiedlichen Lebensalters gegenseitig zukommen lassen können, im Zuge des Generationendialogs zu nutzen, ist eine der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben in den nächsten Jahren. In Deutschland gibt es bereits zahlreiche lokale und nationale Initiativen, die sich das Ziel gesetzt haben, Menschen unterschiedlichen Alters an der Gestaltung der Gesellschaft von morgen teilhaben zu lassen. Der Dialog der Generationen ist jedoch auch ein gesamteuropäisches Thema, wie viele Stellungnahmen der Europäischen Kommission und des Europarates zeigen.
Den Dialog der Generationen erleben – drei Pilotprojekte
Vor diesem Hintergrund besteht das Hauptanliegen der Kreisau-Initiative darin, Menschen zusammenzubringen, um Vorurteile abzubauen, Meinungen auszutauschen, und ihnen die Möglichkeit zu geben, die positiven Impulse einer internationalen Begegnung in ihre jeweiligen lokalen Gemeinschaften zu tragen.
Durch konsequentes Zusammendenken dieser beiden, bisher vor allem getrennt wahrgenommenen Bereiche, können viele positive Effekte bewirkt werden. Erstens ist die Beteiligung von Menschen aller Altersgruppen an der internationalen Begegnungsarbeit eine logische Folge des demographischen Wandels und eine Frage der gesamtgesellschaftlichen Chancengleichheit. Warum sollen die positiven Effekte einer internationalen Begegnung, wie Spracherwerb, soziale Kompetenz, interkulturelles Lernen oder Beziehungen zum jeweils anderen Land nur jungen Menschen zu gute kommen?
Zweitens sind Mehrgenerationenprojekte besonders gut dazu geeignet, um zum Abbau von Vorurteilen beizutragen. Stereotypen werden familiär tradiert und von Generation zu Generation weitergegeben. Dieser Mechanismus wird dadurch aufgebrochen, dass im Rahmen deutsch-polnischer intergenerativer Projekte bis zu drei Generationen gemeinsam ihr jeweiliges Nachbarland kennenlernen.
Drittens kann der Dialog der Generationen im Rahmen non-formaler Lernräume, wie sie auf internationalen Begegnungen entstehen, mit einer Intensität geführt werden, die im Alltag selten möglich ist. Darüber hinaus wird im Zuge des Zusammenlebens und -lernens, eine intensive gemeinsame Erfahrung von jüngeren und älteren Menschen möglich, die dazu beiträgt, auch Vorurteile zwischen den Generationen abzubauen.
Ein weiterer Grund für eine Intensivierung des intergenerativen Dialogs auf internationaler Ebene sind Fragen der Nachhaltigkeit auf verschiedenen Ebenen, die in allen Gesellschaften Europas diskutiert werden. Entscheidungen, die heute getroffen werden, beeinflussen die Welt von morgen. In Zeiten rasanten Wandels und zunehmender Vernetzung ganzer Weltregionen bekommt diese einfache Wahrheit eine noch größere Bedeutung.
Bei dem deutsch-polnischen Vater-Kind-Projekt Zwerge treffen Riesen liegt der Fokus auf den intergenerativen familiären Beziehungen. Die Rolle des Vaters bei der Erziehung soll gestärkt werden, indem er in Kreisau eine intensive Zeit mit seinem Kind verbringen kann und dabei mit anderen Vätern und Kindern aus beiden Ländern zusammen kommt. Die Väter können sich in Erziehungsfragen austauschen, die Kinder finden neue Freunde. Alle gemeinsam lernen das jeweilige Nachbarland näher kennen. Ein weiteres Ziel jeder Begegnung ist es, Denkanstöße für den familiären Alltag zu geben. So wurden beispielsweise in diesem Jahr mit Hilfe erlebnispädagogischer Methoden gegenseitige Abhängigkeiten von „Zwergen“ und „Riesen“ und damit implizit auch familiäre Hierarchien thematisiert.
Als zweites Projekt ist die intergenerative Begegnung Lieder der Generationen zu nennen. Dabei kommen Menschen zwischen 19 und 99 aus Deutschland und Polen zusammen, um sich gemeinsam mit dem Phänomen „Musik“ auseinander zu setzen. Die intergenerative Zusammensetzung der Teilnehmenden bietet aber auch die Möglichkeit darüber nachzudenken, wie der Dialog der Generationen in Zukunft gestaltet werden kann. Die Ergebnisse des Projektes werden in einem deutsch-polnischen Liederbuch festgehalten, welches neben den Lieblingsliedern der Teilnehmenden auch die „Generationencharta“ mit Anregungen für ein solidarisches Miteinander der Generationen im Alltag enthält. Bei diesem Projekte zeigte sich, dass es sinnvoll ist, dem Dialog der Generationen ein gemeinsames Thema zu geben, welches alle Teilnehmenden anspricht und zu dem jeder Mensch, egal ob jung oder alt, etwas zu sagen hat.
Im Rahmen unseres Berliner Erzählcafés haben Vereinsmitglieder und andere Interessierte drei Mal im Jahr die Möglichkeit, den Dialog der Generationen hautnah zu erleben und sich zu verschiedenen gesellschaftspolitischen Themen, die alle im weitesten Sinne mit dem Projekt Kreisau zu tun haben, auszutauschen. Die Frage, wie die Zukunft der deutsch-polnischen Beziehungen einzuschätzen ist, diskutiert sich interessanter, wenn junge Aktive auf langjährige „Aktivisten“ der deutsch-polnischen Verständigung treffen, als wenn die jeweiligen Gruppen unter sich bleiben!
Wie geht es weiter? – Zukunftsvisionen
Das erklärte und langfristige Ziel des Projektbereiches Dialog der Generationen ist es, die Palette der intergenerativen internationalen Austauschangebote in Kreisau weiterzuentwickeln und auszubauen. Dabei ist es notwendig, die internationale Jugendarbeit für intergenerative Ansätze zu öffnen, gleichzeitig aber auch darauf hinzuwirken, dass Akteure, die vorwiegend mit älteren Menschen arbeiten, für die „internationale Idee“ gewonnen werden. Auf diese Art und Weise kann noch mehr Menschen die faszinierende Erfahrung eines intergenerativen und internationalen Perspektivwechsels ermöglicht werden, was zu mehr Empathie und letztlich zu mehr intergenerativer Solidarität beiträgt.
Der innovative Weg, den das Verbindungsbüro mit diesem Projektbereich beschritten hat, ist nicht gradlinig und hält einige Herausforderungen bereit. Bei der Suche nach Teilnehmenden müssen neue Wege gegangen werden. Darüber hinaus gilt es eine intergenerative Sensibilität bei Seminarmethoden zu entwickeln. Finanziell stehen Träger, die intergenerativ und international gleichzeitig arbeiten wollen vor dem Problem, dass es keine Regelförderungen für intergenerative Begegnungen gibt. Da aber nicht alle älteren Menschen über die finanziellen Mittel verfügen, für den höheren Teilnehmendenbeitrag, der durch den Wegfall der Regelförderung entsteht, aufzukommen, muss an dieser Stelle über alternative Finanzierungskonzepte nachgedacht werden, damit die Partizipation am Generationendialog nicht zu einer Frage des Geldes wird.
An dieser Stelle möchten wir uns recht herzlich bei unseren Förderern bedanken, die den Mut hatten, dieses neue Feld des internationalen Austausches gemeinsam mit uns zu betreten. Unser Dank geht an die Freya von Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau, die Zwerge treffen Riesen und Lieder der Generationen gefördert hat. Darüber hinaus hat die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit letztgenanntes Projekt in erheblichem Maße unterstützt. Die jüngeren Teilnehmenden beider Begegnungen wurden darüber hinaus aus Mitteln des Deutsch-Polnischen Jugendwerks gefördert, welches auch einige der Erzählcafés finanziell unterstützt hat.
Kurzfristig haben wir das Ziel, mehrere internationale und intergenerative Begegnungen pro Jahr in Kreisau durchzuführen, um die Anregungen der begeisterten Teilnehmenden in die Tat umzusetzen. Mittelfristig soll das Thema von der deutsch-polnischen auf eine europäische Ebene gebracht werden, um von Erfahrungen und Initiativen, die in anderen Ländern bereits bestehen, zu profitieren. Dabei ist vor allem das Jahr 2012 ein vorläufiger Höhepunkt, welches von der Europäischen Union zum Jahr des „aktiven Alterns und der intergenerativen Solidarität“ erklärt wurde.
Um dem Dialog der Generationen langfristig im Rahmen der internationalen Begegnungsarbeit eine Lobby zu geben, hat sich eine Arbeitsgemeinschaft mehrerer interessierter Träger aus ganz Deutschland gegründet, der auch die Kreisau-Initiative Berlin und die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung angehören. Diese Gruppe will im Zuge regelmäßiger Treffen Strategien zur Implementierung intergenerativen Lernens in den internationalen Austausch erarbeiten. Netzwerkaufbau, Multiplikatorenausbildung, Entwicklung generationensensibler Methoden, eine Werbekampagne für den internationalen Dialog der Generationen – es bleibt viel zu tun, um den internationalen Austausch um eine intergenerative Komponente zu erweitern. Wenn dieses Ziel erreicht ist, können Günther (74) und Marta (22) auch in Zukunft in Kreisau oder anderen Orten Europas darüber diskutieren, ob Menschen aus Erfahrung lernen können oder jede Generation ihre eigenen Erfahrungen machen muss...

