Entwicklungen in der Stiftung Kreisau
von Annemarie Cordes
"Wir sinken mit unserem Schiff doch eigentlich schon seit 20 Jahren": dieser fröhlich dahingesprochene Satz angesichts der wieder einmal und noch immer düsteren Zahlen in der Haushaltsübersicht 2008 und -planung 2009 der Stiftung Kreisau löste schallendes Gelächter im neu konstituierten Stiftungsrat aus. Es war kein zynisches Lachen im Angesicht immer neuer Katastrophen, es war eher die Fröhlichkeit derer, die es immer wieder geschafft haben, die nächste Hürde oder den nächsten tiefen Graben zu nehmen und die immer wieder ein "Apfelbäumchen pflanzen würden, auch wenn morgen die Welt untergeht". Und sicher war dieses Lachen auch Ausdruck des Vertrauens darauf, dass Gesellschaft und Politik das kostbare "Gut" Kreisau nicht im Stich lassen werden.
Zum Hintergrund: Die deutsch-polnische Versöhnungsmesse und das Engagement beider Regierungen für Kreisau haben der Stiftung Kreisau vor zwanzig Jahren die schöne und denkmalgerechte Restaurierung fast des gesamten Gutsgeländes ermöglicht. Doch wurde damals versäumt, die reguläre Arbeit in Kreisau abzusichern, in der optimistischen Annahme, dass sich die Jugendbegegnungsstätte, die Gedenkstätte im Berghaus, die Erwachsenenbildungsarbeit und die europäischen Programme durch Einnahmen aus Teilnehmerbeiträgen und durch einzelne Projektzuschüsse selbst finanzieren würden.
Jahr für Jahr zeigt sich auf’s Neue, dass Kreisau strukturell und chronisch unterfinanziert ist. Es ist nicht möglich, das riesige Gelände mit seinen zahlreichen Gebäuden sowie das notwendige Stammpersonal allein durch Einnahmen aus Übernachtungen und Projektmitteln zu finanzieren. Seit dem Beitritt Polens zur EU und dem Ansteigen der Preise und so auch der Betriebskosten, ist das Gefälle zwischen Deutschland und Polen immer geringer geworden. Auch die Kreisauer Preise wurden damit für Jugendliche wie Tagungsgäste oft nicht mehr konkurrenzfähig. Über die Jahre sind alle Register gezogen worden, die Einnahmenseite zu verbessern und die Ausgabenseite zu verringern. Dazu gehörten auch die Versuche, durch wirtschaftliche Tätigkeit und Gewinne Kreisau subventionieren zu können, mit dem letztlich gescheiterten Projekt des Hotels "Europeum" in Breslau, das 2008 endlich verkauft werden konnte.
In Deutschland haben wir über die Jahre die ganze Bandbreite zivilgesellschaftlichen Engagements für Kreisau zu mobilisieren versucht: Mit Spenden über die Kreisau-Initiative Berlin, der Gründung des Verbindungsbüros 2002 zur besseren Akquise von EU-Mitteln und Stiftungsgeldern bis hin zur Gründung der Freya von Moltke-Stiftung 2004. Diese Aktivitäten haben schon gute Ergebnisse gezeigt, aber gerade das Stiftungskapital muss erst noch wachsen, bevor es für Kreisau eine feste Einkommensquelle darstellen kann.
Selbstverständlich kann auch in Kreisau noch vieles verbessert werden und haben alle Beteiligten ihre Arbeit zu leisten. Aber wir möchten auch an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich machen, dass es nicht ausreicht, wenn die Verantwortlichen in den Regierungen beider Staaten und die wichtigen gesellschaftlichen Akteure Kreisau nur applaudieren – wie durch verschiedene Preise und Auszeichnungen geschehen –, sondern dass sie es auch finanziell unterstützen müssen. Vergleichbare Einrichtungen in Deutschland haben eine Grundausstattung ihrer laufenden Kosten durch verlässliche institutionelle Förderung. Das deutsch-französische Jugendwerk ist immer noch weitaus besser ausgestattet als das deutsch-polnische: Hier ist auch die Politik zum Handeln aufgefordert.
Im neuen Stiftungsrat der Stiftung Kreisau – in ausgewogener deutsch-polnischer Zusammensetzung mit amerikanischen und tschechischen Vertretern – sind viele neue Gesichter, und die erste Zusammenkunft des 22köpfigen "Parlaments" der Stiftung zeigte Aufbruchstimmung und lässt auf neuen Schwung und neue Ideen hoffen. Der Wegfall des Ballasts "Europeum" wird hoffentlich neue Energien in Kreisau freisetzen und bündeln. Das Jahr 2009 gibt hier eine Vielzahl von Chancen und wir sollten den 20. Jahrestag der Gründung der Stiftung Kreisau in diesem Sinne gemeinsam nutzen.

