Arbeitsmigration in Mittel- und Osteuropa
von Franz Fisch und Andreas Möckel
Die Kreisauer Maikonferenz 2008
Die diesjährige Konferenz zu neuen Formen der Arbeitsmigration in Mittel- und Osteuropa verdankte sich der Zusammenarbeit mit dem Centrum für angewandte Politikforschung (CAP, München) und der Stadt Breslau. Rund 50 Teilnehmerinnen aus Polen, Deutschland und der Ukraine tagten im "Mai-Saal" des Schlosses. Bei der Fülle der Vorträge hatten die Dolmetscher schwer zu tun, auch wenn auffallend viele Teilnehmer, auch aus Deutschland, beides, Polnisch und Deutsch, beherrschten.
Methodisch war die Konferenz in konzentrischen Kreisen aufgebaut: zur Einführung eine allgemeine Situationsbeschreibung der polnischen Migration in Europa, dann Probleme polnischer Migranten in England, schließlich niederschlesische Spezifika. Abends sprach Annemarie Franke im Berghaus über "Identität und Mobilität oder: Die Weite des Horizontes des Kreisauer Kreises", exemplarisch erläutert an Helmuth James von Moltke und Adam von Trott. In einem Brief an den Großvater in Südafrika nennt der 21-jährigen Moltke vier Wahrnehmungs- und Verantwortungskreise: Europa, Deutschland, Ostdeutschland, die konkrete Aufgabe vor Ort. Der junge Adam von Trott bereiste damals China und setzte sich mit dem geweiteten politischen und wirtschaftlichen Nachkriegshorizont intensiv auseinander. Annemarie Franke erinnerte hier an den Grundsatz unserer Tage "Global denken – lokal handeln!".
Am Samstag berichtete der Breslauer Sozialdezernent von positiven wie negativen Folgen der Wanderbewegungen für die Stadt, etwa den Rückgang der Arbeitslosigkeit, die Erhöhung des Lebensstandards, Hunderte "EURO-Waisen" und fehlende Fachkräfte. Der Bogen der Referate spannte sich bis zur Migration aus einem rumänischen Hirtendorf der Vrancea nach Italien, in dem an Ansehen verliert, wer nicht im Ausland Arbeit sucht. Klassisch diplomatisch ging dagegen der niederschlesische Europapaabgeordnete das Thema an. Am Nachmittag bereiteten drei Gruppen unter den Gesichtspunkten Gesellschaft, Politik und Jugend Texte mit praktischen Vorschlägen vor, die sie am Abend im Breslauer Rathauses öffentlich vorstellten – in dieser Art ein erster, gelungener Versuch der Maikonferenz, der wiederholt werden sollte. Wünschenswert wäre es, noch mehr Breslauer Gesprächspartner und relevante Organisationen am Tag der öffentlichen Präsentation der Ergebnisse zu gewinnen. Eine Dokumentation der Diskussion ist geplant.
Am Sonntagvormittag fasste ein Journalist aus Stettin mit Erfahrungen in vielen Ländern das Thema Migration zusammen. Ein Referent aus der Ukraine ging auf seine persönliche und auf die widersprüchliche Situation eines europäischen Landes außerhalb der EU ein. Ein deutscher landwirtschaftlicher Unternehmer, seit acht Jahren in der Gegend von Jelenia Góra in Niederschlesien ansässig, lenkte den Blick auf die Tücken des Alltags und auf Mentalitäten und brachte die Zuhörer des Öfteren zum Schmunzeln. Am Ende der Konferenz zeichnete sich ein spannendes Bild verschlungener, ausgleichender und gegenläufiger "Völkerwanderungsströme" quer durch den europäischen Kontinent ab. Tausende werden davon erfasst – ein fruchtbarer und zugleich gefährlicher Prozess im Großen wie im Kleinen, demgegenüber zeitliche Arbeitsbeschränkungen zweischneidig sind. Informelle Gespräche am Rande mit persönlichen, biografischen Erzählungen rundeten das Mosaik bunter Vielfalt in der Einheit ab.
Die Tagung schloss am Sonntagvormittag im Meditationsraum der Jugendbegegnungsstätte – die Dorfkirche wird derzeit renoviert. Der gescheiterte Turmbau zu Babel und das Pfingstwunder der vielsprachigen Einmütigkeit standen im Mittelpunkt – in Liedern und Lesungen, polnisch, deutsch und ukrainisch. Dazu kamen wunderbare, spontane Beiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer – eine Stunde dichter Zusammengehörigkeit in Freiheit. Davon zu erzählen, fällt schwer. Tröstlich, dass auch der Evangelist Lukas nur in Bildern vom Pfingstwunder berichtete. Die Verschiebung der diesjährigen Konferenz auf Pfingsten, so scheint es, war mehr als zufällig. Es gab viel Lob für die besondere und gute Atmosphäre Kreisaus und für die umsichtige Vorbereitung.
Auf der nächsten, traditionellen "Maikonferenz" vom 5. bis 7. Juni 2009 (Donnerstag bis Samstag) wird der 20. Geburtstag der Stiftung Kreisau gefeiert. Die historische "Erste Kreisaukonferenz" fand exakt vom 2. bis 4. Juni 1989 in Wrocław statt. Der Pfingstsonntag fällt 2009 auf den 1. Juni. Die Schulen in Deutschland haben zum Konferenztermin Ferien.

