Geteilte Geschichte

von Daniel Wunderer

Nur wer seine ganze Geschichte kennt,
kann auch Herr in seinem Haus sein
und ein guter Gastgeber werden.
(Adam Krzemiński)

Bei der Tagung Geteilte Geschichte kamen Pädagoginnen und Pädagogen aus der Ukraine, Polen und Deutschland zusammen, um über die Multiperspektivität verschiedener Regionalgeschichten zu sprechen. Die Geschichte eines Ortes nicht nur aus der nationalen Perspektive zu betrachten, sie daher um die Perspektive des Nachbarn zu erweitern, war allen Beteiligten ein großes Anliegen.

Im Eröffnungsreferat wies Adam Krzemiński, der Spiritus Rector dieser Tagung, darauf hin, dass "Kreisau der richtige Ort für solch ein gemeinsames Gedächtnis" sei, dabei solle die Regionalgeschichte ein wichtiges Element innerhalb der Geschichtsbetrachtung sein. Bei den Referaten unter anderem über die "geteilten Geschichten" von Königsberg/Kaliningrad, Breslau/Wrocław, Czernowitz/Tscherniwzi wurde gezeigt, wie die Geschichte der Orte im Laufe der Zeit durch jeweils neue Machthaber immer wieder neu- und uminterpretiert wurde. Diese Uminterpretation von Ortsgeschichten begann nicht erst 1945 oder 1989. Schon in den Jahrhunderten davor schrieben die jeweils "neuen Hausherren" die Geschichte(n) um. Jedes politische System verfolgt dabei sein eigenes Interesse, so wird politische und gesellschaftliche Führung legitimiert und eine kulturelle Identität geschaffen. Gerade am Beispiel von Orten, deren nationale Zugehörigkeit sich durch Krieg, Besatzung und Vertreibung verändert hat, kann dies besonders eindrücklich gezeigt werden. Bei der Tagung wurden spezielle Beispiele dargestellt und diskutiert, wobei die Themen und Orte beliebig erweitert werden könnten. So stellte Bert Hoppe (freier Historiker aus Berlin) zum Umgang in Kaliningrad fest, dass "die Rückbesinnung auf die deutsche Geschichte eher auf einem popkulturellen Niveau stattfindet", während Krzysztof Ruchniewicz (Universität Wrocław) subsumierte: "Noch nie in der Nachkriegszeit war Wrocław so sehr Breslau wie heute."

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Tagung war die Auseinandersetzung mit binationalen Geschichtsbüchern. Es wurde diskutiert, inwieweit sie zur Verständigung beitragen und den multiperspektivischen Ansatz unterstützen können. Manfred Mack vom Deutschen Polen-Institut verwies dabei auf die Bedeutung der Schulbücher. So kann die Geschichtsschreibung zwar einend wirkend, doch häufig "trennt nicht nur die Geschichte, es trennt vor allem die Geschichtsschreibung". Ihm pflichtete die Geschichtsdidaktikerin der FU Berlin Urte Kocka bei, als sie in die Diskussion einwarf, dass nicht nur wir lernen müssen, "es müssen vor allem die Geschichtsbücher lernen". Wie weit hier etwa die deutsch-polnische Verständigung gekommen ist, zeigte sich bei Vergleichen zu Geschichtsbüchern aus den 1950er und 1960er Jahren.

Neben der Konzeption von gemeinsamen Geschichtsbüchern, ist vor allem die Ebene der persönlichen Kontakte und Projekte wichtig. Dabei dürfen wir uns "von Berlin und Warschau nicht aufhalten" lassen, wie eine Lehrerin pointiert formulierte. So entstanden auch während der Tagung verschiedene Austauschprojekte. Unter anderem wird es im nächsten Frühjahr eine deutsch-polnische Rallye zum Thema "Das Geheimnis des Kreisauer Kreises entdecken" geben. Solche neuen Projekte angestoßen zu haben, ist sicherlich der beste Beweis für den Erfolg der Veranstaltung.

Die Tagung wurde von der Marion Dönhoff Stiftung, der Union Stiftung sowie der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gefördert. Die Organisatoren (Annemarie Franke und Dominik Kretschmann von der Stiftung Kreisau sowie Joanna Szaflik und Daniel Wunderer von der Kreisau-Initiative Berlin) zeigte dabei, wie intensiv und erfolgreich die Zusammenarbeit zwischen den Büros in Kreisau und Berlin derzeit ist. An einer Fortsetzung arbeiten derzeit alle gemeinsam.