Kreisauer Begegnungen – Ein Jahresrückblick
Dominik Kretschmann ist seit Januar 2007 als Bildungsreferent in der Gedenkstätte der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung tätig, eine Stelle, die durch eine Finanzierung der Freya von Moltke Stiftung für das Neue Kreisau finanziell ermöglicht wurde. Zuvor war der studierte Jurist Regionalkoordinator des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in Breslau und Oppeln.
von Dominik Kretschmann
Als das Jahr begann, war ich noch neu in Kreisau und erst gut einen Monat als Bildungsreferent in der Gedenkstätte tätig. Jetzt, knapp zwölf Monate später, bin ich sicher immer noch neu (im Dorf erst recht, den Hunden dort bin ich noch ein Fremder), doch fühle ich mich nicht mehr wie "der Neue”, außer vielleicht in der Bibliothek, wenn die Blicke über die vielen Bücher streichen, die noch zu lesen wären.
Anfang Juli kam das Lektorenprogramm der Robert Bosch Stiftung nach Kreisau, ein neuer Jahrgang von Boschlektoren wurde reisefertig gemacht und gen Osten geschickt. Ein solches Einführungsseminar war 2004 meine erste Begegnung mit Kreisau, damals war ich selber Lektor, in Szeged. Von Kreisau gehört hatte ich vorher schon Fotos gesehen, doch ich erinnere mich noch gut an den Eindruck, den die große Hofanlage machte, nachdem man sich, von Grodziszcze kommend, die eine kleine Straße entlang geschlängelt hatte. Inzwischen gibt es keine Boschlektoren mehr in Ungarn, auch in Polen wird es absehbar keine mehr geben, das Programm hat sich weiter nach Osten gewandt und diese Jahr erstmals junge Menschen auch nach China geschickt. Aber auch diese Reise begann in Kreisau.
Den geschlungenen Weg kann man noch immer nach Kreisau kommen, man muss es aber nicht mehr tun, denn im Mai diesen Jahres wurde eine Stichstraße fertig gestellt und feierlich eingeweiht, die unmittelbar von der Landstraße Świdnica – Dzierżoniow nach Kreisau führt. Folgt man ihr, so blickt man bei der Anreise bereits auf das Berghaus und die ehemalige Gutsanlage, und am Horizont ragt das nahe Eulengebirge.
Diese Straße war schon lange geplant, und dass sie nun tatsächlich fertig wurde, war auch ein eingelöstes Versprechen gegenüber dem Niederschlesischen Forum für Wirtschaft und Politik, das sich in diesem Jahr zum zehnten Mal in Kreisau traf. Über 800 Gäste, ein Zelt, größer als der Multifunktionssaal; das Forum ist zu Gast in Kreisau, aber für ein Wochenende drückt es der Anlage auch seinen Stempel auf. Politik, Wirtschaft und regionale Entwicklung sind die Themen, weniger Geschichte, weniger "genius loci”. Nächstes Jahr wird das aber anders sein, denn ganz bewusst beginnt dann das Forum bereits an einem Donnerstag, dem 12. November 2009, dem 20. Jahrestag der deutsch-polnischen Versöhnungsmesse.
Der besondere Geist des Ortes ist es, der viele andere Menschen und Gruppen anlockt, faszinierend, wenn ein Lehrer für "global history” aus den Vereinigten Staaten anreist und nicht nur schon vom Ort Kreisau und seiner Geschichte gehört hat, sondern auch viel über den deutschen Widerstand und die Geschichte Mitteleuropas nach 1990 weiß, und das an seiner Schüler weitergeben möchte.
Andere kommen und wissen weniger, die gilt es dann zu führen – in die Geschichte einzuführen aber auch zur Beschäftigung mit Kreisau zu verführen. Das machen die "Führungskräfte”, Freiwillige und Mitarbeiter von Begegnungs- wie Gedenkstätte. Diese Führungskräfte bilden sich auch weiter, gegenseitig und mit Hilfe von externen Experten. Das ist auch wichtig, gerade um die so sehr verschiedenen Gäste ansprechen zu können. Schnell wird man bei Jugendgruppen selber zum Zeitzeugen, schon allein dadurch, dass man 1989 schon auf der Welt war und die Veränderungen, die sich mit diesem Jahr verbinden, bewusst miterlebt hat.
Andere Zeitzeugen bringen andere Momente und Personen näher, so waren 2008 Sabine Reichwein, Maciej Kuroń, Cornelia Hocke, die Tochter des Widerstandskämpfers Hermann Maaß, und Helmuth Caspar von Moltke in Kreisau. Jeder dieser Vorträge und die anschließenden Gespräche waren ein Geschenk und ließen Stücke von Kreisau lebendig oder lebendiger werden.
Eine andere Lebendigkeit bringen die Künstler, die während des Sommers oder als Stipendiaten in Kreisau zu Gast sind und deren Werke dann regelmäßig in Ausstellungen bestaunt werden können. Überhaupt war der Ort in diesem Jahr reich mit Ausstellungen gesegnet, neben den regelmäßigen in der Galerie im Waschhaus gab es auch solche im Schloss, etwa die über Jacek Kuroń und Adolf Reichwein, die zum großen Teil während einer deutsch-polnischen Jugendbegegnung erarbeitet wurde, eine Ausstellung des Deutschen Polen-Instituts zur deutsch-polnischen Geschichte und die Ausstellung der Bilder Schmidt-Rottluffs, die 1942 in Kreisau entstanden.
Die Aussichten auf die Kreisauer Umgebung, die der Maler damals aufs Papier gebannt hat, kann man auch heute noch genießen. Und sie tragen maßgeblich bei zu dem idyllischen Rahmen für Begegnungen verschiedenster Art, wie er in Kreisau existiert. Drei solcher Begegnungen sollen hier noch genannt sein, eine ist bereits vorbei, die zweite hat nun begonnen und wird fortgesetzt, die dritte ist für das kommende Jahr geplant:
Anfang Mai fand die traditionelle Jahreskonferenz in Kreisau statt, dieses Jahr zum Thema Arbeitsmigration in Mittel-Süd- und Osteuropa und ihre gesellschaftlichen Konsequenzen. Gerade in einigen der neueren EU-Mitgliedsstaaten sind in den letzten Jahren gewaltige Wanderungsbewegungen in das EU-Ausland zu beobachten gewesen, es waren jeweils über eine Million, in erster Linie junge Menschen, die aus Polen nach Großbritannien und Irland oder aus Rumänien nach Italien aufgebrochen waren. Einer der inhaltliche Schwerpunkt der Konferenz lag daher bei den Gefahren und Risiken des Phänomens, angefangen von Menschen, die unvorbereitet und naiv in ein fremdes Land reisen, dort scheitern und überhaupt nur mit fremder Hilfe den Weg zurück gehen können, über das Problem, dass viele junge Akademiker über längere Zeit völlig unterqualifiziert arbeiten und dabei den Anschluss an die Entwicklungen in ihrem Heimatland verlieren bis hin zu den sogenannten "Eurowaisen”, Kindern und Jugendlichen, die selbständig ihr Leben meistern müssen, weil die Eltern über ganze Monate im Ausland sind. Die Konferenz endete mit der Formulierung von Empfehlungen an die Adresse der Politik, die in Breslau einem breiteren Publikum vorgestellt und mit diesem diskutiert wurden. (siehe dazu auch den folgenden Artikel)
Eine andere Form der Diskussion nahm in Kreisau ihren Anfang und wurde und wird nun in Prag, Berlin und Warschau weitergeführt. Unter der Überschrift "souverän in europa” veranstaltet die Stiftung Kreisau zusammen mit der Evangelischen Akademie zu Berlin und der tschechischen Bernard Bolzano Gesellschaft eine deutsch-polnisch-tschechische Diskussionsreihe.
Ausgangspunkt dieser Reihe ist die Beobachtung, dass einerseits in den deutsch-polnischen sowie den deutsch-tschechischen Beziehungen jeweils ein dichtes Netzwerk von Akteuren aus Polititk, Wissenschaft und Kultur gewachsen ist, dass diese Netzwerke aber untereinander praktisch unverbunden sind. "souverän in europa” möchte polnische und tschechische Deutschlandexperten, deutsche Polen- und deutsche Tschechienexperten und alle denkbaren Überschneidungen dieser Gruppen zusammenbringen und so eine Plattform für die Diskussion der EU-Politik dieser drei mitteleuropäischen Länder bieten.
Schließlich gibt es natürlich auch schon Pläne für das kommende Jahr, das Jubiläum 1989–2009 wirft seine Schatten voraus. Hier soll aber eher von einer weiteren Diskussion die Rede sein – wenn auch einer, die eng mit den zwei Jahreszahlen verknüpft ist: Mit der Überwindung der kommunistischen Regierungen in den europäischen Staaten des sogenannten Ostblocks standen die Gesellschaften dieser Länder 1989 alle vor der Frage, wie mit den Hinterlassenschaften, insbesondere den Akten, der Inlandsgeheimdienste umzugehen sei. Es waren unterschiedliche Ansätze, die den Umgang mit diesem Erbe bestimmten, und während in manchen Ländern wie Deutschland oder Polen schon bald Institutionen gegründet wurden, die sich (ausschließlich oder jedenfalls auch) mit ihm beschäftigten, so ließ man in manchen anderen Ländern das Thema erst einmal für viele Jahre ruhen. Was heute alle betroffenen Länder verbindet, ist, dass die Aktenbestände nicht Geschichte sind, sondern auch aktuell noch (oder erst) diskutiert werden und Politik mit ihnen gemacht wird.
Während einer wissenschaftlichen Konferenz sollen die gesellschaftlichen Konsequenzen des unterschiedlichen Umgangs mit diesem Erbe in Polen, Deutschland, Tschechien, Bulgarien und Rumänien untersucht werden. Dabei ist gesellschaftlich weit gefasst zu verstehen – von aktueller Tagespolitik bis zu literarischer Verarbeitung. Zur Teilnahme sei herzlich eingeladen, Ergebnisse gibt es dann 2009, in Kreisau.

