Bronisław Geremek (6. März 1932 – 13. Juli 2008)
von Ludwig Mehlhorn
Der Europa-Parlamentarier Bronisław Geremek kam bei einem Autounfall ums Leben. Im Hauptberuf His-toriker mit dem Schwerpunkt Geschichte des Mittelalters, ist Geremek jedoch vor allem als Symbolfigur der demokratischen Opposition Polens und als Politiker bekannt geworden. Er wurde am 6. März 1932 als Sohn eines Rabbiners in Warschau geboren. 1943 entkam er gemeinsam mit seiner Mutter dem War-schauer Ghetto und damit dem Holocaust. Sein Vater wurde in Auschwitz ermordet. In den 60er und 70er Jahren studierte er mittelalterliche Geschichte, später wurde er Professor der Geschichte und genoss internationales Ansehen als Experte für das Mittelalter in Frankreich und Autor einer Geschichte der Armut. Nach dem Krieg war er zunächst Mitglied der Kommunistischen Partei, trat jedoch nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 aus. Ende der siebziger Jahre schloss er sich der Opposition im Untergrund an, 1980 wurde er Berater der Solidarność. Nach der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 saß er zunächst ein Jahr im Gefängnis, arbeitete nach der Freilassung aber sofort wieder für die nunmehr verbotene Solidarność und wurde 1983 erneut verhaftet. 1989 nahm er am Runden Tisch von Opposition und Regierung teil, an dem über den demokratischen Umbruch in Polen verhandelt wurde. Als Außenminister (1997-2000) führte er Polen in die NATO und ebnete den Weg in die EU.
Bronisław Geremek war zur offiziellen Eröffnung im Juni 1998 als Außenminister in Kreisau. Beim Fest-konzert zum 100. Geburtstag Helmuth James v. Moltkes hielt er eine Grußansprache. Sein tragischer Tod ist nicht für Polen ein enormer Verlust. Auch wir Neu-Kreisauer verlieren einen Politiker, der mit Mut, Leidenschaft und Augenmaß die europäische Einigung vorangetrieben hat und dem man vertrauen konnte. Nach seinem Tod hat ein Mitarbeiter verraten, dass sämtliche PIN-Codes und Passwörter, die er selbst wählen konnte, "1989" lauteten.
"Die entscheidende Veränderung in Mitteleuropa zum Ausgang der 80er Jahre ist ein Siegeszeichen für ganz Europa. Die Willkürherrschaft und der Autoritarismus erlitten eine Niederlage in diesem Teil der Welt. Für über hundert Millionen Menschen ist es nicht nur der Aufstieg zur Freiheit, sondern auch ein Sieg der europäischen Werte, in denen wirtschaftliche und politische Freiheit miteinander verflochten sind und deren Grundlage die Beachtung der Menschen- und Völkerrechte ist. Das Modell der offenen Gesellschaft stellt den Ausgangspunkt für Hoffnung, Sicherheit und Frieden dar. Somit gewinnt die europäische Integration eine neue, ungeahnte Chance." (Unterwegs nach Europa. Erwartungen und Hoffnungen eines Polen, 1991).
Auf unseren Seiten dokumentieren wir eine Ansprache, die Geremek in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages am 28. Januar 2002 zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" hielt.


