Rudolf Urban: Der Patron
von Bernd Böttcher
Einer der entscheidenden Wegbereiter der deutsch-polnischen Versöhnung, der sich zwischen den sechziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen starke Widerstände von allen Seiten für menschliche Begegnungen zwischen Deutschen und Polen eingesetzt hat, ist heute leider immer noch nur einem kleinen, eingeweihten Kreis bekannt: Günter Särchen (1927-2004) hat sich als Laie innerhalb der katholischen Kirche der DDR über Jahrzehnte für die deutsch-polnische Versöhnung engagiert und führte so auf vielfältige Weise Menschen in beiden Ländern zusammen. Die Erinnerung an ihn aufzufrischen, vor allem aber, sein Leben gründlich recherchiert darzustellen, hat sich die Biografie des Oppelner Germanisten und Historikers Rudolf Urban vorgenommen.
Günter Särchen war neben Lothar Kreyssig Mitbegründer der Aktion Sühnezeichen. In den sogenannten "Polenseminaren" referierten er und die von ihm eingeladenen polnischen Gäste über Geschichte und Kultur Polens sowie der polnischen katholischen Kirche. Diese Anfang der sechziger Jahre initiierten, dreimal jährlich stattfindenden und später als Anna-Morawska-Seminare bekanntgewordenen Veranstaltungen wurden schnell zu Fixpunkten der beiderseitigen Beziehungen. Als Herausgeber von "Handreichungen" für die katholische Laienbewegung verbreitete Särchen unter den Lesern in der DDR ein unzensiertes Bild des Nachbarlandes. Auch für das Projekt Kreisau interessierte er sich von Beginn an, denn mit dem KIK in Breslau stand er in intensivem Austausch. So nahm er an der ersten Kreisau-Konferenz im Juni 1989 in Breslau teil und gehörte dem Ehrenrat der Stiftung Kreisau an.
Anfang Dezember 2008 lud die Berliner Katholische Akademie zu einer Buchvorstellung ein. Weggefährten Särchens wie Konrad Weiß und Kenner der Beziehungen der Kirchen beider Länder wie Robert Żurek kamen in der sich anschließenden Diskussion zu Wort. Hier wurde deutlich, dass Särchens Einfluss auf die entscheidende Verbesserung von menschlichen Beziehungen in beiden Ländern nur unzureichend in Teilnehmerzahlen und Auflagenhöhen zu fassen ist. Unter den damaligen Umständen von Papierzuteilungen und inhaltlichen Beschränkungen war eine Auflage von 500 Handreichungen für die gesamte DDR schon bedeutend, doch jedes Exemplar wurde von sehr vielen gelesen und erfuhr daher eine breite Streuung. Diejenigen, die an den Seminaren und Polenfahrten teilnahmen oder mit Särchens Handreichungen in Kontakt kamen, gewannen so völlig neuartiges Wissen und lernten das Nachbarland von einer menschlicheren Seite kennen.
In Urbans Biografie zeichnet sich das Bild eines leidenschaftlichen Patrons der Verständigung ab, den weder Konflikte mit kirchlichen Amtsträgern noch die Verfolgung durch das Ministerium für Staatssicherheit an seiner Mission zweifeln ließen, Deutsche und Polen miteinander zu versöhnen. Zum Hintergrund, vor dem Särchen seine Verständigungsarbeit jahrelang leistete, schreibt Tadeusz Mazowiecki 2004 im polnischen Tygodnik Powszechny: "Für das Regime in der DDR waren spontane und authentische Versöhnungsprozesse zwischen Deutschen und Polen unnütz und gefährlich, weil sie sich der Kontrolle entzogen. Es herrschte die Doktrin, sämtliche Probleme zwischen Polen und Deutschland seien durch die kommunis¬tischen Parteien der Volksrepublik Polen und der DDR bereits gelöst. In den offiziellen kirchlichen Kreisen der DDR wiederum war die Ökumene der Aktion Sühne¬zeichen verdächtig, propolnische Aktivitäten weckten keinen Enthusiasmus und öffneten nicht alle Türen. Die ostdeutsche Aktion Sühnezeichen und das von Günter in Magdeburg gegrün¬dete Polenseminar waren einsame Inseln, die in den Darstellungen zur deutschen Zeitgeschichte bis heute nicht angemessen gewürdigt werden." So treten die Spannungen innerhalb der katholischen Kirche in der DDR aber auch deren ambivalente Beziehungen zur Volksrepublik Polen als weitere Themen dieser Biografie zu Tage.
Särchen selbst sprach gern davon, "kleine Brötchen zu backen". Er wusste aber genau, dass auch diese satt machen können. So stimmte es zuversichtlich, dass ein Mitglied des Magdeburger Stadtrates, der sich um das Andenken Särchens in dieser Stadt bemüht, in Berlin davon berichten konnte, wie der Magdeburger Stadtrat in diesem Jahr, über alle Parteigrenzen hinweg einstimmig die Benennung einer Straße nach Günter Särchen beschloss.
Rudolf Urban:
Der Patron. Günter Särchens Leben und Arbeit für die deutsch-polnische Versöhnung.
Dissertation am Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław, Dresden (Neisse Verlag) 2008, 296 S., broschiert, 24,00 Euro


