Krystyna Tyszkowska: Skąd my tu?

Im Herbst 2008 erschienen im Breslauer Verlag Atut nach vielen Jahren der Überzeugungsarbeit durch den Breslauer Verein der Freunde Kreisaus endlich ausgewählte Beiträge eines Wettbewerbs, den die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung in den 90er Jahren gemeinsam mit Breslauer Partnern ausgeschrieben hatte.

Ziel des Wettbewerbs war es, Erinnerungen der Menschen zu sammeln, die aus den früheren polnischen Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Niederschlesien umgesiedelt wurden. Ihre Lebensgeschichten sind der Stoff, aus dem die heutige Identität Niederschlesiens gewoben ist. Wir zitieren die Zusammenfassung des Buches in deutscher Sprache.

Die Übersetzung der Texte selbst ins Deutsche steht jedoch noch aus. Alle, die dazu beitragen möchten, sind herzlich willkommen, eine zweckbestimmte Spende an die Kreisau-Initiative Berlin e.V. zu richten.

Der vorliegende Band "Repatrianten – und woher kommen wir?” versammelt persönliche Erinnerungen an die Zeit des 2. Weltkrieges und seiner Folgen aus der Sicht der Bewohner der einst polnischen Gebiete Ostgaliziens in der heutigen Westukraine. In Ostgalizien fielen 1939 in Folge des Geheimen Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin-Paktes sowjetische Truppen ein, 1941 wurde es von Deutschen besetzt, um 1944 wieder von der Roten Armee eingenommen zu werden. Im Ergebnis des Krieges mussten die polnischen Bewohner Ostgaliziens ihre Heimat verlassen und wurden in den neuen westpolnischen Gebieten angesiedelt, wo wiederum die deutsche Bevölkerung entweder schon geflüchtet war oder später zwangsweise ausgesiedelt wurde. Der Vertreibung der Polen aus Ostgalizien gingen der ethnisch-nationale Kampf der Ukrainischen Aufstandsarmee gegen die polnische Zivilbevölkerung sowie der politisch-ideologische Kampf der sowjetischen Besatzer gegen die polnische Intelligenz voraus. Letzterer äußerte sich in Verhaftungen und Verschleppungen nach Sibirien, ersterer in bürgerkriegsähnlichen Kämpfen um jedes einzelne Dorf.

In der offiziellen polnisch-kommunistischen Sprache wurde die Zwangsaussiedlung der Polen aus den neu eingesetzten sowjetischen Republiken Ukraine, Belarus und Litauen "Repatriierung” genannt, um zu suggerieren, dass die Polen in ihre urpolnischen Siedlungsgebiete zurückkehrten. In der Konsequenz dieser ideologisch geprägten Sprache nannte man die vormals deutschen Gebiete Schlesien, Pommern und Ostpreußen "wiedergewonnene Gebiete”. In seiner historischen Einführung geht Marek Czapliński ausführlich auf diese Zusammenhänge ein.

Die Tragik der "doppelten Vertreibung” Millionen Deutscher und Polen in Folge der Westverschiebung Polens nach dem 2. Weltkrieg war bis in die 90er Jahre hinein im deutschen öffentlichen Bewusstsein praktisch nicht präsent, im kommunistischen Polen war die Vertreibungserfahrung der Ostpolen ein Tabu. Diesen Zustand erlebten Anfang der 90er Jahre die polnischen Freunde der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, die bei ihren deutschen Partnern auf völlige Unkenntnis in Bezug auf die Herkunft der polnischen "Breslauer” oder "Schlesier” stießen. Darauf hin riefen sie einen Wettbewerb aus, um polnische Bewohner der älteren Generation zu ermutigen, ihre Erinnerungen an die Kriegsjahre, den Verlust ihrer Heimat und den Neuanfang in Niederschlesien aufzuschreiben. "Es war uns Polen nicht gegeben, diese Erlebnisse schriftlich für die Öffentlichkeit festzuhalten. Jetzt können wir das endlich tun. Es ist mittlerweile höchste Zeit. In Kürze werden die letzten Zeugen dieser Dramen gestorben sein”, heißt es im Juli 1991 in einer Darstellung der Ziele des Wettbewerbs, den die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung gemeinsam mit der Universität Wrocław, die Nationalbibliothek Ossolineum, die Polnische Gesellschaft der Volkskundler und die Breslauer Gesellschaft der Geschichtsfreunde ausgeschrieben hatten. Die Texte wurden der Nationalbibliothek Ossolineum übergeben, um Historikern dort als Quellen-material dienen zu können. Tatsächlich liefern die in der Redaktion von Krystyna Tyszkowska ausgewählten Beiträge interessante Einblicke in das Leben vor und während der Besatzungszeit, das Zusammenleben von Ukrainern, Juden und Polen vor und nach 1939, die Hoffnung auf Frieden bei Kriegs-ende, die sich verwandelt in das Trauma des Verlassens der angestammten Heimat. Es folgt die Fahrt ins Ungewisse, in Güterwaggons unter unmenschlichen Bedingungen und in existentieller Not. Schließlich die Ankunft in der Fremde, das verordnete Zusammenleben von Deutschen und Polen bis zur endgültigen Aussiedlung der deutschen Bewohner 1947.

Die Veranstalter des Wettbewerbs hatten von Beginn an die Absicht, ausgewählte Arbeiten zu publizieren. Der vorliegende Band ist die späte Umsetzung dieses Vorhabens, allerdings mit bestimmten Einschränkungen: beabsichtigt war die Gegenüberstellung deutscher und polnischer Schicksale in einem Buch sowie die Übersetzung der Erinnerungen des jeweils anderen in die Sprache des Nachbarn. In den zwei Fällen der Erinnerungen von Ruth Funk und Ingeborg Gräfin von Pfeil ist es gelungen, deutsche Erfahrungen in polnischer Übersetzung beizufügen. Die Übersetzung der polnischen Erinnerungen ins Deutsche bleibt ein Desiderat.

Krystyna Tyszkowska:
Skad my tu? Wspomnienia repatriantów (Wie sind wir hierher gekommen? Erinnerungen von Repatranten).
Wrocław (Oficyna Wydawnicza ATUT) 2008, 328 S., broschiert, ca. 28,00 PLN