Jochen Köhler: Helmuth James von Moltke

von Annemarie Cordes

Es gilt ein Buch zu besprechen, zu dem die Distanz fehlt: Jochen Köhler und seine Moltke-Biografie ist Teil der Geschichte der Kreisau-Initiative. Als wir uns im Sommer 1989 trafen und die Gründung der Kreisau-Initiative Berlin besprachen, da saß er schon an diesem Buch, da sprudelte er schon von Geschichten und tiefem Eintauchen in dieses Leben eines Fremden, Vergangenen, das ihn faszinierte und das er immer wieder für uns lebendig machte. Ohne seine Begeisterung für Helmuth James von Moltke und sein fast sinnliches Lernen aus der Geschichte für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft hätte es wohl die Gründung der Kreisau-Initiative nicht gegeben, und viele der Gründungsmitglieder unseres ins Offene der Geschichte mit der Mauer in Berlin und ein paar ruinösen Gebäuden in Polen gegründeten Vereins wohl auch nicht.

Diese Moltke-Biografie ist hinreißende Literatur, sie ist kein Fachbuch, keine Historiker-Biografie. Das schreibende Subjekt und seine Wahrnehmungen und Reflexionen sind immer präsent – und dennoch ist es ein ungeheuer faktenreiches Buch mit vielen überraschenden Blickwinkeln und Erkenntnissen. Zwei Beispiele: Es wird deutlich, wie sehr es bereits Moltke um eine deutsch-polnische Annäherung ging, vor dem Hintergrund der Stabilisierung der osteuropäischen Staaten und der Behebung der Missstände in der ostdeutschen Landwirtschaft. Ein interessantes kleines Fundstück ist auch, dass er sich gegenüber dem preußischen Kultusminister für das Erscheinen eines "Europäischen Geschichtsbuches" zur Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges stark gemacht hat.

Köhlers Buch ist auch ein Buch der Frauen: Ohne die klugen wöchentlichen Briefe Dorothys von Moltke an ihre in Südafrika lebenden Eltern gäbe es nicht so viel Wissen über Kindheit und Jugend ihres Sohnes Helmuth James, und von der Weltsicht und Stimmungen des jungen Erwachsenen wissen wir aus seinen später fast täglichen Briefen an seine Frau Freya.

Im Juli 1991 habe ich ein Zitat notiert, das mir Jochen Köhler gegeben hat, als ich ihn gefragt habe, was ihn an diesem Moltke so fasziniert. Es stammt von Claude Henry de Saint-Simon, dem Vorbild von Moltkes Lehrer Rosenstock-Huessy: "Um einen wichtigen Schritt im Geist vorwärts zu tun, muss man folgende Bedingungen erfüllen: es gilt 1. in der Vollkraft der Jahre so originell und aktiv wie irgend möglich zu leben; 2. alle Theorien und Praktiken sorgfältig aufzunehmen; 3. alle Gesellschaftsklassen durchlaufen, sich persönlich in die verschiedensten sozialen Lagen bringen und sogar Beziehungen schaffen, die anderweit noch nicht existieren; 4. schließlich im Alter die Wirkungen dieser Handlungen auf die anderen und auf sich selbst festzustellen und aus diesen Fragestellungen Grundsätze zu ermitteln." (zitiert in Rosenstock-Huessys Soziologie I)

Wer Jochen Köhlers Moltke-Biografie liest, wird bei Moltke diesen bewussten Gestaltungswillen, das Entwerfen des eigenen Lebens von 1.-3. finden. Insbesondere das Verstehen aller Gesellschaftsklassen und das Überwinden der Klassenspaltung ist so etwas wie ein Lebensmotiv, dass sich von der Organisierung der Löwenberger Arbeitslager bis zur bewusst pluralen Gestaltung der Zusammensetzung des "Kreisauer Kreises" zieht. Er wird aber auch die positive Brechung dieses Willens durch die unvorhergesehenen Ereignisse des Lebens – der Liebe wie der Katastrophen – finden, der sich eben nicht gradlinig durchsetzen lässt und die erst die Lebensklugheit ausmachen, die so ungewöhnlich sind bei einem Menschen wie Moltke, der schon im Alter von 39 Jahren sterben musste. Er konnte nicht im Alter über die Wirkungen seines Handelns nachdenken – das bleibt uns Nachgeborenen überlassen.

Darüber hinaus entwirft das Buch ein großes Panorama in der detailgenauen und phantasievollen Milieuschilderung eines Lebens auf dem großen Kreisauer Gutshof, in Moltkes Lern- und Wanderjahren in Potsdam, Berlin und am Grundlsee – und wie der Gang der deutschen und europäischen Krisenjahre Leben und Handeln der Individuen beeinflusste. Die meisten Leser werden wohl traurig und enttäuscht sein, dass das Buch 1933 endet – Jochen Köhler hat es in der ihm gegebenen Lebenszeit nicht mehr geschafft, die Biografie über das gesamte kurze Leben Helmuth James von Moltkes abzuschließen. Aber es existieren viele Fragmente und Skizzen. Vielleicht, hoffentlich geschieht das Wunder und es entsteht doch noch ein Folgeband.

Jochen Köhler:
Helmuth James von Moltke. Geschichte einer Kindheit und Jugend
Reinbek bei Hamburg (Rowohlt Verlag) 2008,
400 S., gebunden, 22,90 Euro