Aus dem Berliner Verbindungsbüro

von Klaus Prestele

1. Projektarbeit

Auch im vergangenen Jahr haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verbindungsbüros in Zusammenarbeit mit den Kreisauer Pädagoginnen wieder viele Projekte umgesetzt. Derzeit führen wir etwa 20 verschiedene Projekte mit unterschiedlichen Zielgruppen (behinderte und sozial benachteiligte Jugendliche, Gymnasiasten, Schüler von Regelschulen, Studenten und Erwachsene) und inhaltlichen Schwerpunkten durch, dazu zählen: Menschenrechtsbildung, Demokratieerziehung, historische und politische Bildung, Integrationspädagogik, Theater- und Kunstpädagogik, Sport, intergeneratives Lernen, Projekte unter Einbeziehung neuer Medien u.a. Dabei kommen die Jugendlichen vornehmlich aus Deutschland und Polen, aber auch aus anderen Teilen Europas, der Türkei und Israel.

An dieser Stelle eine kurze Projektübersicht:

1. Fair Life

Fair Life ist eines unserer ältesten Projekte und fand 2008 insgesamt viermal statt. Das Projekt richtet sich an Schüler aus deutschen und polnischen Förderschulen. Ziel des Projektes ist es, über das Medium Sport den Jugendlichen zu erklären, was Fairness bedeutet und inwiefern sie in ihrem Leben von Wert ist.

2. Fachaustausch

Der Fachaustausch ist eine Jugendbegegnung speziell für Schülerinnen und Schüler von Berufssonderschulen, bei der der Schwerpunkt des interkulturellen Austauschs auf praktischer Arbeit im Bereich Handwerk und Gastronomie liegt. Die Absolventen von Ausbildungen mit vereinfachten Lehrprogrammen bleiben als Zielgruppe nur allzu oft von dem üblichen Jugendaustausch unberücksichtigt und benötigen daher besondere Aufmerksamkeit. In Kreisau wirken sie bei der Renovierung und Instandhaltung der Anlage mit oder widmen sich wie im Februar und November dieses Jahres der niederschlesischen Küche.

3. Kreisauer Modell (Begegnung und Fortbildung)

Nach der Pilotphase 2007/08 wird das Projekt nun kontinuierlich umgesetzt. Es besteht aus einer Multiplikatorenschulung und einer Jugendbegegnung. Bei der Schulung werden Experten aus der Behindertenarbeit weitergebildet, Projekte auf internationaler Ebene durchführen zu können. Zusätzlich fand eine Begegnung mit Jugendlichen mit schwerer geistiger Behinderung aus Deutschland, Polen, der Ukraine, Österreich und der Tschechischen Republik statt.

4. Model International Criminal Court (MICC)

In diesem englischsprachigen Projekt simulieren die Teilnehmer die Arbeit des Internationalen Strafgerichtshofs (International Criminal Court) in den Rollen der Ankläger, Verteidiger sowie Richter und verhandeln vier authentische Fälle von Kriegsverbrechen bzw. Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Beim MICC School kamen 2008 die Schülerinnen und Schüler aus Deutschland, Polen, Estland und der Slowakei.

5. Leaving Places – Shaping Places

Das Projekt ist ein deutsch-polnisch-türkisch-israelischer Studentenaustausch zum Thema Exil und Migration im 20. Jahrhundert. Der Fokus des Projektes liegt auf der Rolle der teilnehmenden Länder während den Exil- und Migrationswellen im 20. Jahrhundert. Darüber hinaus thematisierte das Projekt die Rolle von Migranten für die Gesellschaften, deren Teil sie geworden sind und auf welche Art und Weise sie ihre Umwelt beeinflussen. Im Rahmen des Projektes fanden Workshops in Berlin, Wrocław und Istanbul sowie eine Tagung in Kreisau statt.

6. Junge Journalisten on Tour

Schulzeitungsredakteure oder anderweitig journalistisch interessierte Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren aus Deutschland und Polen bereiten Reportagen über die Jahre nach der EU-Osterweite-rung von Mai 2004 vor. In binationalen Teams recherchierten die jungen Journalisten im Oktober in Szczecin, Frankfurt/Oder, Słubice, Görlitz und Zgorzelec zu Problemen und Möglichkeiten deutsch-polnischer Nachbarschaft.

7. Forum Dialog

Das Forum Dialog führt Jugendliche zusammen, die Angehörige verschiedener Minderheiten in Polen und Deutschland sind. Sie diskutieren über ihre Gesellschaften, Lebensentwürfe und stellen sich ihre Kulturen vor. Die Akzeptanz des Anderen sowie ein Interesse für Neues werden dabei gefördert. Neben den täglichen Seminareinheiten haben die Jugendlichen die Chance, an verschiedenen Workshops wie beispielsweise Tanz, Werken und Sprachanimation teilzunehmen. In der neuen Küche im Pferdestall in Kreisau werden traditionelle kulinarische Köstlichkeiten zubereitet.

8. Gemeinsame Wege

Das deutsch-polnische Vater-Kind-Projekt animiert Väter eine aktive Rolle in der Erziehung wahrzunehmen und Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Der Austausch zwischen deutschen und polnischen Erziehungskonzepten sowie der gemeinsame Spaß und die gemeinsame Arbeit werden den Erziehungsalltag nachhaltig bereichern. In Kreisau entstanden dabei Märchenfiguren, die das Gelände der Stiftung Kreisau nun verschönern.

9. Meine Geschichte – Deine Geschichte

Im Rahmen dieser Veranstaltung kommen Gymnasialschüler aus Deutschland und Polen zusammen und finden Raum, sich zum Thema Geschichte auszutauschen. Dabei stellen sich die polnischen und deutschen Teilnehmer/innen gegenseitig die jeweiligen historischen Perspektiven vor, die sie aus dem Schulunterricht und ihrem persönlichen Umfeld kennen und vermittelt bekommen haben. Gleichzeitig soll bewusst die gesamte deutsch-polnische Geschichte im europäischen Kontext aufgegriffen werden, um die verschiedenen Aspekte der nachbarschaftlichen Politik über die Jahrzehnte darzustellen.

10. Musik im Nationalsozialismus

Junge Nachwuchsmusiker/innen aus Deutschland, Polen und Armenien werden mit den Werken von Komponisten bekannt gemacht, die vom nationalsozialistischen Regime aufgrund ihrer ethnischen, religiösen, weltanschaulichen oder künstlerischen Herkunft verfolgt wurden. Als Höhepunkt des Projektes fanden in diesem Jahr drei Konzerte in Wrocław (Synagoge zum Weißen Storchen) und Berlin (Schwartzsche Villa, Lindenkirche Wilmersdorf) mit Werken von Klein, Mamlok, Laks und Zemlinsky statt. (Lesen Sie dazu auch den Bericht von Brigitte Raff.)

11. Dein Europa: Visionäre gesucht!

"Visionäre gesucht!" war ein Essaywettbewerb für Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren aus Deutschland und Polen. In Anlehnung an die visionäre Arbeit des Kreisauer Kreises wurden die Jugendlichen dazu aufgefordert, sich mit einem aktuellen gesellschaftspolitischen Thema auseinander zu setzen und ihre Gedanken in Essayform darzulegen. Eine hochkarätige Jury sowie prominente Schirmherren (Dr. Richard von Weizsäcker, Tadeusz Mazowiecki) kürten die Sieger am 8.5.2008 in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom AG. Mit den zehn Preisträgern jedes Landes führten wir gemeinsam eine Jugendbegegnung im Sommer in Kreisau durch.

12. Kreisauer Kinderkunstsommer

Deutsche, polnische und ukrainische Kinder im Alter 9-12 Jahren aus sozial schwachen Familien bzw. in der Heimerziehung verbringen kreativ und künstlerisch ihre Ferien in Kreisau. Dieses Mal waren Kinder der Rosa-Luxemburg-Schule in Potsdam beim Basteln, Werkeln und Spielen mit von der Partie.

13. Geteilte Geschichte

Die Regionalgeschichte ermöglicht es, an vielen Orten nach dem Konzept der "sharing history" gemeinsame Wurzeln verschiedener Nationen und Ethnien an einem Ort zu entdecken. Durch Kriege und Grenzverschiebungen wechselten beispielsweise Straßburg, Breslau und Lemberg mehrmals ihre nationalstaatliche Zugehörigkeit. Zum Teil sind so multikulturelle Gesellschaften entstanden. Geschichtslehrer der beteiligten Länder lernten bei der Konferenz Methoden kennen, mit denen sie diese geteilte und verbindende Geschichte an ihren Schulen vermitteln können. (siehe dazu auch den Bericht von Daniel Wunderer)

14. Auf den Spuren meiner Gemeinde

Pfarrer aus Oberfranken (Kronach und Ludwigsstadt) trafen sich zu ihrem Pfarrkonvent in Kreisau. Sie suchten die Spuren ihrer Gemeindemitglieder, die zu Teilen aus Niederschlesien, v.a. Breslau, stammen und begegneten gleichzeitig evangelischen und katholischen Christen aus Polen. Dabei stellen sie sich die Frage, wie und ob sich das "Christ-Sein" in Deutschland und Polen unterscheidet, wobei die Gemeinsamkeiten im gelebten Glauben entdeckt werden konnten. Die Kreisau-Initiative begleitete den Konvent sowohl inhaltlich als auch organisatorisch.

15. Die Wanderausstellung "In der Wahrheit leben"…

… war 2007 zu Gast im Kulturforum Burgkloster zu Lübeck. Vom 27. Januar bis 23. März 2008 haben über 3.000 Besucher die Ausstellung gesehen und an verschiedenen Veranstaltungen des Begleitprogramms teilgenommen. Die Ausstellung wurde im Gebäudetrakt des ehemaligen Klosters und heutigen Museums für mittelalterliche Geschichte gezeigt, der durch seine historische Nutzung als Gerichtssaal für den Volksgerichtshof im Jahre 1943 einen passenden räumlichen Kontext bot. Zudem wurde eine Zelle als Ausstellungsraum einbezogen, in der Dr. Julius Leber im Jahr 1933 inhaftiert war.

Bei der Eröffnungsveranstaltung am 27. Januar im Kapitelsaal des Burgklosters sprachen Dr. Ingaburgh Klatt, Leiterin des Kulturforums Burgkloster, Dr. Axel Smend, Vorsitzender der Stiftung 20. Juli 1944, der Lübecker Stadtpräsident Peter Sünnenwold und Ludwig Mehlhorn, Mitautor der Ausstellung. Im pädagogischen Rahmenprogramm fanden vom 4. bis 8. Februar Projekttage mit Schülern Lübecker Realschulen und Gymnasien statt. Die Impulse, die die Ausstellung zu den Themen Geschichte des Widerstandes in Europa und Menschenrechtsschutz gibt, wurden aufgegriffen und mit den Schülern intensiv ausgearbeitet.

Ein besonderer Höhepunkt war das Klavierkonzert von Veronica Jochum von Moltke am Abend des 8. Februar, bei dem auch aus den letzten Briefen Helmuth James von Moltkes an seine beiden Söhne gelesen wurde. Die deutsch-polnische Geschichte, Gegenwart und Zukunft stand bei zwei weiteren Abendveranstaltungen im Zentrum des Interesses. Am 19. Februar referierte Dr. habil. Krzysztof Ruchniewicz von der Universität Breslau zur Geschichtspolitik in Deutschland und Polen nach 1989. Am 27. Februar lud die Kreisau-Initiative dann zusammen mit dem Willy-Brandt-Haus Lübeck zum Podiumsgespräch "Die deutsch-polnischen Beziehungen 2008 – Stand, Herausforderungen, Perspektiven der Zusammenarbeit" mit Prof. Dr. Gesine Schwan und Dr. Jerzy Marganski, dem Leiter der Abteilung Europa im Außenministerium der Republik Polen. Die Moderation übernahm Adam Krzemiński. Ausgehend von den aktuellen Debatten wurden Missverständnisse, unterschiedliche nationale Wahrnehmungen der gemeinsamen Beziehungsgeschichte und Perspektiven für den zukünftigen Dialog wurde im Bürgerschaftssaal des Lübecker Rathauses vor rund 200 Gästen diskutiert. Abgerundet wurde das Programm in Lübeck mit einer Filmreihe im Kommunalen Kino mit den Filmen "Rosenhügel", "Sophie Scholl – Die letzten Tage" und "Strajk".

Die Ausstellung wurde auch an anderen Orten gezeigt:

21.1.–23.3. Kulturforum Burgkloster Lübeck

31.3.–18.4. Cäcilienschule, Wilhelmshaven

23.4.–13.6. Gymnasium "In der Wüste", Osnabrück (im Rahmen des Katholikentages)

10.9.–13.9. Nowy Dom Zdrojowy, Krynica, Polen

29.9.–31.10. Stadtbücherei Murrhardt

17.11.–10.12. Bischöfliches Gymnasium Josephinum Hildesheim

13.12.–22.12. Publiczne Gimnazjum im. Kard. S. Wyszynskiego, Zdzieszowice, Polen

16. Stadtrundgang

Der Kreisauer Kreis hat Spuren hinterlassen, nicht nur in Kreisau selbst. Auch in Berlin können die Orte besucht werden, an denen sich die "Kreisauer" trafen, aber auch Orte der Verfolgung seiner Mitglieder. Eine Stadtführung bringt Gruppen an die originalen Schauplätze, und durch zahlreiche Zeugnisse von Beteiligten kann die Geschichte des Kreisauer Kreises erfahrbar gemacht werden. Das Mitglied der Kreisau-Initiative Brigitte Raff führte auch 2008 wieder zahlreiche größere und kleinere Gruppen auf den Spuren der Kreisauer durch Berlin.

17. Erzählcafé

Am 3.11.2008 fand unser erstes Erzählcafé zum Thema "Workcamp, Sommerlager und Co" im Cafe Sibylle statt. (Lesen Sie bitte auch den Bericht von Michael Teffel)

All diese Projekte hätten ohne die freundliche Unterstützung der folgenden Förderer nicht stattfinden können:

Deutsch-Polnisches Jugendwerk
Europäische Union
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft"
F.C. Flick-Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz
Aktion Mensch, Freya von Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau
Raff-Foerderreuter Stiftung
Allianz AG in Berlin
Marion Dönhoff Stiftung
Stiftung "Großes Waisenhaus zu Potsdam"
Rainer Bickelmann Stiftung
Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit
Reinhold-Jarchow-Stiftung
Union Stiftung
Freudenberg Stiftung
Generalkonsulat der BRD in Breslau
Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.
Anna Lindh Foundation
Dr. H.-G.-Waider Stiftung
Rotary Club Ratzeburg - Alte Salzstrasse
Deutsche Telekom AG
Stiftung MITARBEIT
Gemeinnützige Sparkassenstiftung zu Lübeck
Robert Bosch Stiftung
Konrad-Adenauer-Stiftung
Stiftung 20. Juli 1944

Auch bei allen Projektpaten möchte ich mich ganz herzlich bedanken.

Die meisten Projekte wurden in Zusammenarbeit mit den Pädagoginnen aus Kreisau umgesetzt, denen wir auch an dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Dank für die für die gute Zusammenarbeit sagen möchten.

2. Personelle Veränderungen

Nach Ablauf ihres Freiwilligen Sozialen Jahres hat uns im August unsere Freiwillige im Verbindungsbüro, Anja Rau, verlassen. Anja studiert nun in Greifswald. Bei Anja möchte ich mich an dieser Stelle für ihr großes Engagement für die Kreisau-Initiative herzlich bedanken. Als nunmehr dritter Freiwilliger im Verbindungsbüro ist im September Richard Lütjens zu uns gestoßen und unterstützt jetzt unser Team mit großem Einsatz. Richard kommt aus Tostedt bei Hamburg und hat dort in diesem Jahr sein Abitur abgelegt.

Ganz herzlich bedanken möchte ich mich bei den beiden ehrenamtlichen Mitarbeitern des Verbindungsbüros Brigitte Raff und Tommy Herzlieb. Unsere Bri führt nun schon im dritten Jahr den Berliner Stadtrundgang durch und scheut kein noch so schlechtes Wetter, um auch schon mit zwei oder drei Interessierten sich auf die Spuren der Kreisauer zu begeben. Das Projekt "Musik im Nationalsozialismus" wäre ohne ihre tatkräftige Mithilfe und finanzielle Unterstützung nie zustande gekommen. Tommy Herzlieb ist im Verbindungsbüro für alle technischen Fragen zuständig. Er behebt die schwierigsten Computerprobleme und berät uns bei allen technischen Fragen.

An dieser Stelle möchte ich mich auch beim ganzen Team des Verbindungsbüros bedanken. Dazu gehören:
Sandra Hackert, Isabelle Loewe, Richard Lütjens, Anja Rau, Joanna Szaflik-Homann, Michael Teffel und Daniel Wunderer.

Sicherlich wäre es ohne Euer großes Engagement, Eure verantwortungsvolle Arbeitsweise und Euren Ideenreichtum nicht möglich gewesen, so viele Projekte zu in die Wege leiten und umzusetzen. Dafür ein herzliches Dankeschön an Euch!