Jahresrundbrief 2008

Liebe Freundinnen und Freunde Kreisaus,

in diesem Jahr hatten wir die Gelegenheit, mit den Augen eines wichtigen deutschen Expressionisten einen besonderen Blick auf Kreisau und seine Umgebung zu werfen: Für den September 1942 lud Helmuth James von Moltke den bekannten, im nationalsozialistischen Deutschland dieser Zeit aber verfemten Maler Karl Schmidt-Rottluff ein, Bilder von Kreisau zu malen.
"... mein Mann sah 1941 als wahrscheinlich voraus, dass Deutschland den Krieg verlieren würde und dass es dann dazu kommen könnte, dass für Deutschland Schlesien entweder an Polen oder an Tschechien verloren gehen werde und wir Kreisau verlassen müssten. Wenige sahen so klar. Dann sollten wir alle Erinnerungsstücke haben", erinnert sich Freya von Moltke.

Die erhalten gebliebenen "Erinnerungsstücke", sechs der bei diesem Besuch entstandenen Landschaftsaquarelle und mit Pastellkreiden kolorierte Tuschpinselzeichnungen, waren während einer gemeinsamen Ausstellung der Stiftung Kreisau und des Schlesischen Museums zu Görlitz zum ersten Mal wieder an einem Ort zu sehen. Die Bilder aus dem Privatbesitz der Familie von Moltke zeigten in kräftigen, teils sommerlich-leuchtenden, teils düsteren Farben die schöne Landschaft rings um Kreisau: den Zobten und die Hohe Eule, die sanften Wellen der niederschlesischen Landschaft. Besonders eindrucksvoll aber war der Rahmen der Präsentation: Liebevoll arrangierte Fotos und Ausstellungsstücke vermittelten dem Besucher einen Eindruck des historischen Kreisau der Zeit des Feldmarschalls und Helmuth James von Moltkes und machten Lust, den Ort heute wieder zu sehen.

Die Reproduktionen der sechs erhaltenen Bilder werden dank der Förderung der Freya von Moltke Stiftung ihren dauerhaften Platz in Kreisau finden, nachdem sie als Wanderausstellung im nächsten Jahr noch an verschiedenen Orten gezeigt werden. Sie gehört sicher zu den schönsten Ereignissen des Jahres. Doch auch andere Veranstaltungen, künstlerischer wie gesellschaftlicher Natur, waren im Kreisauer Jahreslauf wieder zu verzeichnen.

Dass ein Durchhalten auch in schwierigen Zeiten lohnt, wird an vielen Entwicklungen deutlich: In der Überwindung finanzieller Probleme der Stiftung Kreisau hat es Fortschritte gegeben, denn nach langen Jahren des Verhandelns konnte endlich das Breslauer "Europeum" verkauft werden. Und Würdigungen, wie sie die Stiftung Kreisau mit dem Deutsch-Polnischen Preis und die Kreisau-Initiative Berlin mit dem Einheitspreis erfahren haben, zeigen den Wert beständigen Engagements. Im nächsten Jahr feiert Europa den 20. Jahrestag vieler entscheidender historischer Ereignisse, die mit Kreisau verbundenen Institutionen begehen unter anderem die Jahrestage der ersten Kreisau-Konferenz und der Versöhnungsmesse auf dem Gutshof.

Auf diese Momente zurückblickend wird uns deutlich, dass es die Begegnung einzelner, konkreter Menschen ist, die zum entscheidenden Schritt wird, politische Symbole im Leben umzusetzen, Grenzen wirksam zu überwinden und die Welt tatsächlich zu verändern. Diese persönliche Dimension bestimmt heute wie vor zwanzig Jahren den Charakter von Kreisau.

Wie in den vergangenen Jahren, möchten wir Ihnen mit diesem Brief Veranstaltungen, Projekte und Themen vorstellen, die von der Vielfalt der Aktivitäten in und um Kreisau zeugen. Die Form, in der wir dieses Panorama unterschiedlicher Institutionen und Engagierter skizzieren, hat sich in den letzten Jahren nur wenig verändert. Ist das noch zeitgemäß? Ist es in seiner Selbstbeschränkung konzentrierter als aufwendige Hochglanzpublikationen? Ihre Meinung und kritische Anregungen interessieren uns besonders und wir würden uns freuen, von Ihnen zu hören.

Wenn Sie sich ausführlicher über die Ereignisse des Jahres 2008 und die Veranstaltungen der Stiftung Kreisau in Krzyżowa informieren möchten, geben entsprechende eigene Publikationen der Stiftung ihnen dazu Gelegenheit.

Im Rückblick war dieses Jahr wieder reich an menschlichen Begegnungen und positiven Entwicklungen. Wir danken für Ihre Ermutigung, Ihr Mitdenken und Mittun und grüßen in diesem Sinne. Ihnen allen wünschen wir frohe Weihnachten und ein gesegnetes Neues Jahr!

 

Berlin, im Dezember 2008

Bernd Böttcher, Annemarie Cordes, Dr. Matthias von Hülsen, Ludwig Mehlhorn, Meike Völker