Kreisau Initiative erhält Marion Dönhoff Preis
Im Rahmen einer Feierstunde im Schauspielhaus Hamburg wurde der Kreisau-Initiative Berlin am 2. Dezember der "Marion Dönhoff Förderpreis für internationale Verständigung und Versöhnung" überreicht, der seit 2003 alljährlich gemeinsam von der Marion Dönhoff Stiftung, der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und der ZEIT vergeben wird.
Mit dem Hauptpreis wurde in diesem Jahr der südafrikanische Bischof Desmond Tutu ausgezeichnet. Die Jury, bestehend aus Theo Sommer (DIE ZEIT), Manfred Lahnstein (ZEIT-Stiftung), Hermann Graf Hatzfeldt (Marion Dönhoff Stiftung), Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Lord Ralf Dahrendorf, Fritz Stern, Janusz Reiter und Anne Will, hat die Preisträger aus den Vorschlägen der ZEIT-Leser ausgewählt.
Im Folgenden dokumentieren wir die Laudatio von Gesine Schwan, Koordinatorin der Bundesrepublik Deutschland für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und von 1999 bis 2008 Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, und die Danksagung von Annemarie Cordes:
Laudatio (Gesine Schwan)
Wer das Kreisauer Schloss noch als Baustelle kennen gelernt hat, in der die ehemals prächtigen Räume mit ihren Stuckdecken von einem Labyrinth mächtiger Balken gestützt waren, kann ermessen, was der wunderbare Wiederaufbau des Gutes Kreisau bedeutet: eben fast ein Wunder! Vor seiner Wiederherstellung habe ich es zweimal an grauen Wintertagen erlebt – der Kontrast zur freien, einladenden, sonnigen Tagungsstätte, die wir heute dort vorfinden, lässt sich kaum größer denken. Die Kreisau-Initiative Berlin, der wir dieses Wunder zu großen Teilen verdanken, wird dafür heute mit dem Gräfin-Dönhoff Förderpreis für internationale Verständigung und Versöhnung 2007 ausgezeichnet, und ich freue mich und bin zugleich sehr dankbar dafür, aus diesem Anlass auf sie eine kleine Laudatio halten zu dürfen.
Der Widerstand, der von diesem Gut Kreisau, genauer von dem eigentlich sehr bescheidenen Berghof oberhalb des Schlosses ausgegangen ist, bezeugt, dass Mut und Initiative einzelner auch ein waffenstarrendes Reich moralisch bezwingen können und dass aus solchem Mut zur Wahrheit Zukunft erwächst. Freilich nicht von allein, sondern eben dann, wenn Menschen sich aufgerufen fühlen, die Saat, die da gesät wurde, zum Wachsen und Gedeihen zu bringen.
Im Sommer 1989, noch vor dem Fall der Mauer (!), haben sich Ost- und Westberliner Bürger zusammengetan, um aus dem geschichtlichen Erbe des Kreisauer Widerstands ein zukunftsgerichtetes Projekt für Europa zu machen. Diese europäische Ausrichtung lag nicht nur wegen der längst entstandenen Europäischen Union nahe, sondern auch wegen des vorausschauenden Entwurfs des Kreisauer Kreises, ein zukünftig freies Deutschland in einem engen europäischen Verbund zu denken. Freilich bedurfte es zunächst unglaublicher Anstrengungen, um den Wiederaufbau des Gutes als Tagungsstätte finanzieren zu können.
Hilfreich war sicher, dass Kreisau gleich nach dem Fall der Mauer zum Symbol deutsch-polnischer Verständigung wurde: Der erste frei gewählte polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki nahm zusammen mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl an einer Versöhnungsmesse in Kreisau teil, die der zukünftigen Ausrichtung im Sinne der deutsch-polnischen und europäischen Verständigung gleichsam den Weg gewiesen hat. Die "Kreisau-Initiative Berlin" hat sich dann daran gemacht, gemeinsam mit der "Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung" und seit kürzerer Zeit mit der für die weitere Finanzierung der Begegnungsstätte gegründeten "Freya-von-Moltke-Stiftung" das Gut Kreisau zu einem überaus lebendigen Zentrum europäischer Verständigung zu machen.
Und dies mit großem Können, mit Fantasie und Feingefühl. Denn was die Vielfalt der Initiativen in Kreisau auszeichnet, ist die ganz persönliche Ansprache, die die jungen Menschen dort während der verschiedenen Veranstaltungen erfahren. Es geht nicht um einen rein intellektuellen Konferenz-Zirkus ohne Aufruf zum persönlichen – altmodisch möchte ich sagen: existenziellen – Engagement, sondern zwar auch z.B. um Zirkus, bei dem die jungen teilnehmenden Künstler sich aber im gemeinsamen Werk wirklich näher kommen. Ein solcher deutsch-polnischer Zirkus hat im vergangenen August etwa 50 Jugendliche aus beiden Ländern zusammengeführt, die am Ende von aufwendigen Übungen ihrer Kunststücke schließlich 200 Zuschauern aus der Region ein großes Vergnügen bereitet haben.
Dass Verständigung nicht nur über den Verstand geht, im tieferen Sinne vermutlich sogar am wenigsten über den Verstand, sondern über Gefühl und Willen, lag auch einem anderen gerade beendeten gleichsam "körperlichen" Projekt der letzten Zeit zugrunde: einer Sport-Zusammenkunft, auf der über Sport zwar auch diskutiert, vor allem aber gemeinsam Sport getrieben wurde und Spitzensportler sich den eindringlichen Fragen von polnischen und deutschen Jugendlichen über den Symbolwert von Sport, seine ökonomischen Dimensionen und seine nationalen Identifikationen stellen mussten und wollten. Auch die Musik spielt hier eine Rolle, etwa wenn das bereits zu hoher Anerkennung gelangte "Junge Klangforum Mitteleuropa" in Kreisau probt und spielt, das sich aus polnischen, tschechischen und deutschen jungen Musikerinnen und Musikern zusammensetzt. Wer sie einmal, z.B. im Berliner Konzerthaus, begeistert musizieren erlebt hat, begreift wie wichtig die Welt der Gefühle, das Nicht-Verbale dafür ist, Menschen zusammen zu bringen.
Aber Verständigung kommt natürlich ohne Verstand und Vernunft, um an diesen philosophisch nicht unwichtigen Unterschied zu erinnern – nicht aus. Kreisau veranstaltet infolgedessen auch internationale Fachtagungen z.B. zur Gedenkstättenarbeit, hat eine beeindruckende Wanderausstellung zum Thema "In der Wahrheit leben" auf den Weg gebracht, studentische Simulationen des "Internationale Criminal Court" initiiert und führt immer wieder junge Menschen aus verschiedenen Ländern – vorzugsweise Polen und Deutschland, aber auch aus Litauen, Russland, Israel oder der Türkei – zusammen, die sich ihre Familiengeschichten erzählen und auf diese Weise besonders lebendig in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eindringen. Denn mit den persönlichen Geschichten kommen die verschiedenen Identitäten, die Zugehörigkeiten der Teilnehmer zur Sprache und damit auch ihnen oft allererst zum Bewusstsein. Deren Komplexität zeigt, wie aufmerksam wir im Gespräch und allgemein im Umgang hinhören und hinschauen müssen, um zu bereifen, warum sich Menschen so oder anders verhalten bzw. entscheiden. Denn diese Zugehörigkeiten verweisen auf Loyalitäten, auf Treuebeziehungen z. B. gegenüber vergangenen Generationen – Eltern oder Großeltern -, die infolgedessen auch die Generationen überdauern. Sie machen es eben nicht so einfach, Konflikte, die längst vorbei sind und damit auch vergangen sein sollten, wirklich in Verständigung und womöglich Versöhnung zu lösen.
So fördern die Projekte in Kreisau wie "Forum Dialog" oder "Leaving Places" den Perspektivwechsel, die eigentliche Kunst der Verständigung, die sich nicht am argumentativen Schlagabtausch festhält, sondern sich in die andere Person versetzt, eine Kunst, die einer der drei Kantschen Maximen für den Gemeinsinn folgt: nämlich 1. Selbst denken, 2. An der Stelle jedes anderen denken und 3. Jederzeit mit sich einstimmig denken, und nicht nach der Devise: "Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?"
Dieser Perspektivwechsel ist es auch, der die Kreisauer Veranstaltungen von denen radikal unterscheidet, die von den Nationalsozialisten organisiert worden waren, um die Jugend früh gerade mit ihrem Gefühl an sich zu binden. Denn bei aller Ansprache des ganzen Menschen, die auch in Kreisau gewollt ist, verlangt doch der Perspektivwechsel im Dienste der Verständigung und der Versöhnung die Fähigkeit, sich selbst mit Abstand zu betrachten, die sog. Selbstdistanzierung, die der totalitären Vereinnahmung der begeisterungsfähigen Jugendlichen in der Zeit des NS diametral entgegensteht. Die Selbstdistanzierung dagegen ist nicht leicht, sie erfordert den Verzicht darauf, immer schon im Recht zu sein, bringt aber dafür das Geschenk mit sich, im Anderen, auch im Fremden das Gemeinsame zu entdecken und dadurch teilzuhaben an einer universalen Wertegemeinschaft, die nicht in den Dienst von Hass und Zerstörung gestellt werden kann.
Hier liegen die Früchte der Kreisau-Initiative Berlin, die mit Händen zu greifen sind. Aber es erfordert viel Engagement, Einfallsreichtum und vor allem Durchhaltevermögen, um sie zu säen, die Sprösslinge zu pflegen und die Früchte schließlich zu ernten. Ich weiß, was es heißt, als Bittsteller durchs Land zu ziehen und sich immer wieder etwas auszudenken, um potenzielle Spender günstig zu stimmen und ihre Geldbeutel zu öffnen.
Unsere Kreisau Initiative Berlin hat sich mit der Wiederherstellung des Gutes Kreisau und seiner Verwandlung in eine Jugendbegegnungsstätte überaus verdient gemacht! Wir wünschen ihr mindestens für die nächsten 150 Jahre so viel Erfolg, dass sie ein zureichendes Kapital ansammeln kann, um sich dann nur noch auf die inhaltliche kreative Programmgestaltung konzentrieren zu können. Von Herzen Dank für alles, was sie Polen und Deutschen und Europäern und überhaupt allen an Verständigung Interessierten mit Ihrem Engagement geschenkt haben!
Dankesrede (Annemarie Cordes)
Ich stehe hier stellvertretend für all die vielen, die in Polen, in Deutschland, in ganz Europa und den USA am Gelingen des großen Projekts des Neuen Kreisau mitarbeiten.
An erster Stelle steht unser großer Dank und unsere Freude über diesen Preis, der dank Marion Dönhoff so gut zu Kreisau passt. Wir danken der Jury, wir danken unserer Laudatorin Gesine Schwan, die schon länger und bekannter als wir an dem Gelingen deutsch-polnischer Beziehungen arbeitet. Und wir möchten uns an dieser Stelle verbeugen vor dem ganz besonderen Freund Polens und dem Förderer unserer Arbeit - Richard von Weizsäcker.
Die Gründungsgeschichte der Kreisau-Initiative kann man nur verstehen, wenn man sich zurückerinnert an die Aufbruchstimmung von 1989, als der Wandel in der Luft lag, aber die Mauer noch stand. Im August 1989 saßen wir zu fünft an meinem Küchentisch im Westen Berlins. Wir hatten gerade bei der mutigen Tagung des Breslauer Klubs der Katholischen Intelligenz (KIK) in Wrocław unsere späteren polnischen und ostdeutschen Freunde kennen gelernt. Uns einte die Idee, den verfallenden und scheinbar von der Geschichte vergessenen Ort Kreisau zu einem lebendigen Ort der Ost-West-Begegnung und zu einer Brücke zwischen Deutschland – Ost wie West! – und Polen zu machen.
Und es war klar, was getan werden musste: Wir gründeten die Kreisau-Initiative Berlin, um erst einmal den Ankauf des Gutes zu sichern – das konnte damals nur mit Hilfe der westlichen D-Mark geschehen. Schon in der Nacht der Maueröffnung am 9. November trafen wir uns mit den Ostberliner Freunden – und seither sind wir eine gemeinsame Initiative. Wir sind bestimmt der erste deutsch-deutsche e.V., der möglich wurde im Engagement für ein gemeinsames Drittes: Kreisau/Krzyżowa in Polen. Bis heute sind wir Teil des vielleicht größten zivilgesellschaftlichen Projekts, das gemeinsam von Polen und Deutschen ins Leben gerufen und seit 18 Jahren in gemeinsamer Verantwortung gestaltet wird. Wir wissen, welch kostbares "Gut" wir hüten. Oft erleben wir, dass die Deutschen nur wenig wissen über das Vermächtnis der Kreisauer und ihren Beitrag für das Gelingen der Demokratie in Deutschland und ihre Einbindung in das größere Ganze Europa. Und nur wenige Menschen wissen, dass der kleine schlesische Ort Kreisau im Zuge der Grenzverschiebungen nach 1945 zu dem heutigen polnischen Krzyżowa geworden ist. Kreisau ist heute ein Ort von großem Zauber und zugleich eine betriebsame Werkstatt, wo vor allem die junge Generation ein Europa ohne Teilung erleben und erarbeiten kann.Wir haben als kleine Initiative mit nur 160 Mitgliedern viel geschafft. Aber wir finden auch, dass wir als Verein noch viel zu klein sind und dass das zivilgesellschaftliche Engagement in Deutschland für Kreisau noch wachsen kann. Die Kreisauer haben in Deutschland keine große Lobby, vielleicht, weil sich keine Partei, keine Kirche, keine Weltanschauung die Kreisauer einfach zu eigen machen kann. Denn was sie mit Helmuth James von Moltke an ihrem runden Tisch bei den Treffen in Kreisau entwickelt haben, war ein hochmodernes Konzept von Pluralität: Pluralität nicht im Nebeneinanderherexistieren – wie wir es heute oft verstehen - und auch nicht im Treffen von Gleichgesinnten – was ja unter den Bedingungen der Konspiration viel näher gelegen hätte -, sondern Pluralität als die bewusste Organisation des Aufeinandertreffens verschiedener politischer Haltungen und Konzepte, die miteinander im Dialog um die Lösung von drängenden Problemen ringen.Die Weite des geistigen Horizonts von Helmuth James von Moltke wurde stark von seiner englischen Mutter Dorothy geprägt. Sie ist in Südafrika als Tochter des liberalen Obersten Richters Sir James Rose Innes aufgewachsen, dessen Leben und Wirken schon Anfang des 20. Jahrhunderts vom Kampf gegen die Rassendiskriminierung geprägt war. Wir gratulieren dem heutigen Hauptpreisträger Bischof Desmond Tutu und freuen uns über das gemeinsame Band von Wahrheit und Versöhnung. Ich danke Ihnen, wir alle danken Ihnen.




