Die treibende Kraft der Stiftung Kreisau

Zum Widerstand der Kreisauer und der demokratischen Opposition in Mittelosteuropa

von Mark M. Huessy

Vorbemerkung

Die Stiftung Kreisau ist aus dem Aufbruch der Völker Osteuropas hervorgegangen.

Das Projekt ist von Menschen aus Polen und der DDR vor der Wende eingeleitet worden. Es war bereits zur Zeit des kalten Krieges gesamteuropäisch. Während ihrer eigenen Widerstandstätigkeit haben Oppositionelle in Polen und der DDR zusammen eine geistige Verwandtschaft mit Menschen entdeckt, die im nationalsozialistischen Deutschland Widerstand geleistet haben. Diese Oppositionellen ließen 1989 ihr Interesse für die Ideen des Kreisauer Kreises in ihre politische Tätigkeit einfließen, und haben so eine Verknüpfung zwischen dem Kreisauer Widerstand gegen den Nationalsozialismus und der mitteleuropäischen Opposition gegen die Nachform des Stalinismus geschaffen. Trotz ihrer nationalen und zeitlichen Unterschiede stellen diese Oppositions- und Widerstandstätigkeiten zusammengenommen eine europäische Tradition der persönlichen Einsatzbereitschaft für Menschenrechte dar. Um dem Rechnung zu tragen, haben die Oppositionellen in Polen zusammen mit denen aus der DDR und Freunden aus dem Westen die Stiftung Kreisau gegründet. Die Stiftung Kreisau setzt sich für diese Tradition als einer der Grundlagen europäischer Verständigung und Einigung ein.

Die Stiftung sollte den Bogen zwischen diesen Widerstandstätigkeiten ziehen, die in ihnen erarbeitete Erfahrung am Leben erhalten und sie auf Probleme der Zukunft und Gegenwart anbringen. Sie widmete sich so der Überwindung ideologischer und nationalistischer Teilungen, wie sie die Stalinisten und Nationalsozialisten betrieben hatten. In Krzyżowa sollte damit ein Platz entstehen, an dem Menschen zusammen leben und arbeiten können, an dem sie Gelegenheit haben, einander zuzuhören und sich durch geistigen Austausch zu verändern.

An die Öffentlichkeit trat die Verknüpfung dieser verschiedenen, durch Zeit und Kultur getrennten Widerstandstätigkeiten bei der ersten Kreisau-Tagung, die Anfang Juni 1989 unter dem Titel "Christ in der Gesellschaft" in Wrocław stattfand. Kriegsrecht und Unterdrückung waren die Merkmale Polens in den 80er Jahren gewesen; eine Alternative aufzuzeigen war das Anliegen der Veranstalter.

Ein Thema führt zusammen

Der Klub der katholischen Intelligenz Wrocław (KIK; eine der Solidarność nahestehende Gruppe) und einige DDR-Oppositionelle wollten sich im Frühjahr 1989 in Polen über eine deutsche Widerstandsgruppe austauschen und bereiteten dazu eine Tagung vor. Bemerkenswert ist die Juni-Tagung 1989 aufgrund der Widerstandstradition, die das eigentliche Thema war, und wegen der Menschen, die diese Tagung geplant und organisiert haben. Bedeutsam war der Zeitpunkt, zu dem sie es taten. Denkwürdig war aber auch die eigentümliche Mischung von Menschen, die diese Tagung aus Osten und Westen an sich hat heranziehen können, die polnische Demokratie, die täglich vor und während der Tagung Frühlingsblüten trieb, der Hintergrund des Wahlbetrugs im Mai in der DDR sowie der Zusammenhang zwischen dem Inhalt der Tagung und dem politischen Aufbruch in Osteuropa.

Der inhaltliche Bezug dieser Tagung zum Begriff der Opposition ist daher selbstverständlich. Bei der Frage, ob die Veranstaltung selbst als oppositionelles Handeln zu werten ist, wird es bereits komplizierter. In der Vorbereitungszeit war die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) noch an der Macht. Sowohl mit der Untersuchung der historischen deutschen Ortsgeschichte, als auch mit der Einbeziehung Deutscher als Mitveranstalter zu einer solchen Tagung standen die KIK-Veranstalter in Opposition zur PVAP, denn diese Tätigkeiten verminderte die nationalen und historischen Grenzen, die kommunistische Regierungen stets gepflegt hatten. Seit Jahren hatte der KIK diese Form von Opposition geleistet - die Tagung an sich war somit nur eines von vielen Ergebnissen jahrelanger Bemühungen um bilaterale Annäherung auf dieser inoffiziellen Ebene.

Die Einleitung einer Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen hatte Oppositionscharakter, weil weder der kommunistische polnische Staat noch die DDR derartige private Kontakte zwischen der Bevölkerung wünschte. Weniger schwerwiegend, aber dennoch vorhanden, war das politische Umfeld der Landsmannschaften in der Bundesrepublik, das indirekt die deutsch-polnische Zusammenarbeit erschwerte. Schon allein Reisen zwischen den Deutschlands und Polen waren nicht leicht: Nicht immer erhielt man auf Antrag ein Visum, die Zugverbindungen waren schwierig und an den Grenzen gab es oft lange Wartezeiten. Dauerhafte Beziehungen unter solchen Umständen zu knüpfen, war harte Arbeit.

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Oppositionstätigkeit des KIK

Die Antwort des KIKs auf die trennenden Staatsparteien und polnisch-deutsche historische Last war so einfach wie genial: Man suchte Kontakte zu kirchlich verbundenen Gruppen, wie zur Aktion Sühnezeichen in der DDR oder Pax Christi in der Bundesrepublik. Die Mitglieder luden sich gegenseitig privat ein und bauten so über die Grenzen des kalten Krieges, der trennenden Geschichte und kultureller Eigenarten hinweg ein Netzwerk von tiefen persönlichen Freundschaften auf.

Der KIK Wrocław hatte sich seit Jahren für die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen engagiert, seine Mitglieder sahen die Notwendigkeit eines solchen Einsatzes aus der lokalen Geschichte selbst erwachsen: Wrocław war vor dem II. Weltkrieg die deutsche Stadt Breslau gewesen und wurde in den Jahren zwischen 1945 und 1988 zu einem Symbol der Problematik der Nachkriegsgrenzen Polens. Ein weiterer ausdrücklicher Ansporn zu engerer Zusammenarbeit stellte der Brief der polnische Bischöfe von 1965 dar.

Darüber hinaus standen die KIKs bereits in einer festen Oppositionstradition: Als Ergebnis des Tauwetters waren die Klubs in fünf großen polnischen Städten ein Ergebnis des "polnischen Frühlings" von 1956. Die Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 1981 bedeutete eine Feuertaufe für die durch den KIK angebahnten deutsch-polnischen Freundschaften. In Polen fehlte es u.a. an Lebensmitteln, an Kleidung und Medikamenten. Freunde aus Deutschland sammelten ihren Möglichkeiten entsprechend Spenden und luden diese in ihrer Freizeit auf Lastwagen, um sie anschließend nach Polen zu fahren. Dabei opferten die Fahrer nicht nur ihre Zeit, sondern setzten sich auch den unangenehmen "feindlichen" Zollkontrollen an der innerdeutschen und der polnischen Grenze aus. Der erste Transport fuhr innerhalb von acht Wochen nach Ausrufung des Kriegsrechts, viele weitere folgten in den nächsten Jahren.

Vor dem Hintergrund der Verbindungen des Wrocław KIKs zu Deutschland sind 1988 zwei Anfragen parallel an den Klub gerichtet worden: In der DDR, Westeuropa und den USA war die Idee aufgeflackert, als Erinnerung an den Tagungsort des Kreisauer Kreises im polnischen Dorf Krzyżowa ein Begegnungszentrum einzurichten.

In Polen selbst hatte Prof. Dr. Karol Jońca 1972, 1978, 1981 und 1987 öffentliche Vorstöße unternommen, um eine Anerkennung des Kreisauer Kreises zu erwirken. So abwegig die Idee erscheinen mochte, im kommunistischen Polen des deutschen Widerstandes gegen die Nationalsozialisten zu gedenken, so gab es doch gute Gründe dafür. Der wohl wichtigste war die Tatsache, dass der Kreisauer Kreis zur Ortsgeschichte Schlesiens und damit im Rückschluss - wenn auch indirekt - zur Geschichte des modernen Polens gehört. Diese Einsicht ist nicht zuletzt Jan Józef Lipski zu verdanken. Ein Mitglied des KIKs nannte später einen weiteren Grund, wenn er darauf hinwies, die Mitglieder des Kreisauer Kreises seien ebenfalls Menschen gewesen, die die Gestaltung ihrer Zukunft wieder in die eigenen Hände nehmen wollten.

1989 war die Zeit in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas reif für die Anerkennung einer Verbindung zwischen den Menschen des Widerstandes verschiedener Zeiten und Kulturen, denn vielerorts tauchte die bürgerliche Opposition an die Oberfläche.

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Das politische Umfeld der Tagung

Die Tagung fand am Wochenende des 2.-4. Juni 1989 statt. In Wrocław herrschte Wahlkampf. Die Straßen brodelten, es gab Kundgebungen und Wahlwerbung für die einzelnen Kandidaten. Im nördlichen Stadtzentrum, im Klubhaus des Wrocławer Klubs der Katholischen Intelligenz, wird bei der Tagung zum Kreisauer Kreis aufgeregt diskutiert. Just am Morgen des 4. wollten die Teilnehmer die ersten konkreten Schritte zur Erinnerung an die Mitglieder dieser Widerstandsgruppe vornehmen. Den deutschen Widerstand im kommunistischen Polen ehren? Trotz aller in der Sache liegenden Spannung hatten die polnischen Diskussionsleiter gleichzeitig ganz andere Sorgen, denn die Klubmitglieder machten gleichzeitig auch Wahlbeteiligungsarbeit für die Solidarność-Kandidaten. So eilten die polnischen Diskussionsleiter in Gewissensnot vom Podium ins Büro und zurück, zwischen einem historischen Widerstand und ihrer eigenen Oppositionsarbeit hin und her. Im Frühling 1989 ist Polen dabei, aus dem Kriegsrechtsschlaf aufzuwachen. Doch in diesem Juni brodelt es nicht nur in Polen - seit Dezember ist Mittel- und Osteuropa politisch in Bewegung geraten.

Am 5.-6. Dezember 1988 hatte die ungarische Partei und Regierung Gesetzentwürfe vorgestellt, die Pressefreiheit, Glaubensfreiheit, Vereinigungsfreiheit etablieren sollten. Die Zulassung unabhängiger Gewerkschaften und Oppositionsparteien war öffentlich debattiert worden. Am 11. Januar 1989 hatte das ungarische Parlament die Versammlungsfreiheit verabschiedet. Zur gleichen Zeit, am 15. Januar, waren in der DDR 190 Demonstranten in Leipzig verhaftet worden. Dass überhaupt so demonstriert worden war, ist bereits eine wesentliche Veränderung gewesen. Am 18. Januar gab Gorbatschow die Einzelheiten einer einseitigen sowjetischen Truppenreduzierung in Osteuropa bekannt. Am 21. Januar hatten auf dem Prager Wenzelsplatz 2 000 Menschen zu Ehren Jan Palachs demonstriert, 800 wurden verhaftet. Doch die Demonstrationen gingen trotzdem weiter.

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Der Runde Tisch

Am 27. Januar 1989 hatte in Warschau der Runde Tisch das Licht der Welt erblickt. Er war die Antwort auf eine drängende Frage, die zumindest in Polen seit der totalen kommunistischen Machübernahme 1947 im Raum gestanden hatte. Wann und wie sollten die Einparteienherrschaften sich mit der echten Möglichkeit eines Machtwechsels legitimieren? Mit gefälschten Wahlen und jahrzehntelanger Unterdrückung der eigenen Bevölkerung war es nicht gelungen.

Alle normalen politischen Institutionen existierten zwar, waren aber zum Instrument des Machterhalts der PVAP pervertiert. Sie waren daher nicht in der Lage, glaubwürdige zur Lösung von Problemen beizutragen, die zwischen dem alles kontrollierenden Parteiapparat und der Bevölkerung entstanden. Nicht viel anders war die Lage der Institutionen in anderen kommunistischen Ländern. In Polen jedoch war bis 1989 klar, dass nur die Oppositionsgruppe Solidarność eine politische Legitimität besaß, da sie - im Gegensatz zur formalrechtlichen Regierung - vom Volk als Vertreter der Nation angesehen wurde. Diese Anerkennung erfolgte allerdings außerhalb der politischen Institutionen und besaß daher keine rechtlich wirksame Form. Nach Verhängung des Kriegsrechts 1981 führte dies in Polen zu einem Patt zwischen Volk und Partei ("Sie tun so als würden sie uns bezahlen, wir tun so, als würden wir arbeiten."). Beiden Seiten fehlte ein Forum, auf dem sie miteinander ins Gespräch kommen konnten. Ein nicht unähnlicher Zustand herrschte seit 1968 in der ČSSR.

Gerade am Runden Tisch, der über keinen herausgehobenen Platz verfügte, konnten Regierung und Opposition miteinander sprechen, ohne dass die einen die Legitimität bzw. Illegalität der anderen anerkennen mussten. So konnte aber außerhalb der toten politischen Strukturen dem Patt zwischen Partei und Volk zuleibe rücken. Die Einrichtung des Runden Tisches war im Frühjahr 1989 für die kommunistische Welt ein Durchbruch - indirekt aber auch für die westliche.

Der Runde Tisch war mehr als eine Antwort auf die innenpolitischen Probleme Polens. Seine weiterreichende Bedeutung ergibt sich aus der Geschichte des Kalten Krieges. Er war die erste erfolgreiche Antwort auf diejenigen Fragen, die die tiefgreifende Spaltung der ehemaligen Alliierten ausgelöst hatte.

1945 zeigte sich zwischen den Alliierten ein Riss von größter Tragweite, als in Polen das sogenannte Lubliner Komitee als polnische Regierung aufgestellt wurde, ohne dass vorher freie Wahlen abgehalten worden wären. Bis zur Griechenlandkrise im Jahr 1949 bestand in der Auffassung der westlichen Staaten das Grundproblem bei der Ausbreitung (ihnen feindlicher) kommunistischer Regierungen darin, dass auf diese Weise eine Regierung ins Amt kam, die nie wieder demokratisch abgelöst werden konnte. Der kalte Krieg war 1949 die westliche Antwort darauf. Er stoppte zwar den Vormarsch der kommunistischen Regierungsform in Richtung Westen, verlangte allerdings den Preis einer endgültigen Anerkennung der in Potsdam beschlossenen Einflussbereiche. Osteuropa (und China) wurden daraufhin vom Westen abgeschrieben. Eine Methode, wie man eine kommunistische Regierung dennoch ohne Krieg ablösen konnte, wurde im Januar 1989 in Polen ausgearbeitet.

Mit dem Runden Tisch konnte die offenkundige gesellschaftliche Not gemeinsam angepackt werden, ohne dabei die pervertierten politischen Strukturen benutzen oder vorläufig in Frage stellen zu müssen. Ein neuer politischer Raum wurde geschaffen, in dem beide Seiten zusammenarbeiten konnten, ohne explizit die "Machtfrage" zu stellen oder die Staatssicherheitsmechanismen in Gang zu setzen. Diese Antwort war international wirksam, denn 1989 suchte man in mehreren Ländern nach Möglichkeiten, die seit über 40 Jahren versteinerten politischen Verhältnissen wieder formbar zu machen.

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Tauwetter in Europa - Frühling in der DDR

Am 11. Februar hatte das Zentralkomitee der ungarischen Kommunistischen Partei die Zulassung unabhängiger Parteien gebilligt. Zehn Tage später war Vaclav Havel in der ČSSR zu 9 Monaten wegen Aufhetzung zur Demonstration verurteilt worden. Am 9. März hatten die Beteiligten am Runden Tisch in Warschau die Prozentsätze der bei der ersten freien Wahl zur Verfügung stehenden Parlamentssitze beschlossen, bereits am 5. April hatte sich der Runde Tisch auf die Zulassung einer oppositionellen Presse geeinigt. Am 4. Mai demonstrierten 100.000 chinesische Studenten für Reformen. Zwei Tage später wurde an der ungarischen Grenze zu Österreich der Stacheldraht abgerissen - mit weitreichenden Folgen für die DDR.

Es bedarf heutzutage einer größeren Portion Phantasie, um sich die damalige Situation in der DDR vor Augen zu führen: Zwei Minuten dauert es im heutigen Berlin, um zu Fuß vom S-Bahnhof Warschauer Straße zum U-Bahnhof Schlesisches Tor zu gelangen. Den einen Bahnhof trennte im Frühling 1989 vom anderen noch die innerdeutsche Grenze, die Berliner Mauer. Sie war für die meisten Menschen unpassierbar. Verfügte man allerdings über einen westlichen Pass, so verlief die Fahrtstrecke zurück ins Stadtzentrum, wo der Grenzübertritt am Bahnhof Friedrichstraße erfolgte. Die ganze Reise dauerte anderthalb Stunden, nicht zwei Minuten; die Grenzkontrolle war scharf und nicht selten peinlich. Wichtiger aber war, dass Millionen eben keinen westlichen Pass hatten und den anderen Teil der Stadt nicht erreichen konnten. Hinter der Mauer waren sie den Bezirksverwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR ausgeliefert, deren Beamte und Mitarbeiter treu und brav Berichte über Freunde und Nachbarn verfassten und ablegten.

Mit dem Abriss der ungarisch-österreichischen Grenze war jedoch die Bausubstanz der Staatsgrenze der DDR irreparabel beschädigt worden. Vor diesem Hintergrund wurde am 7. Mai in der DDR gewählt: Amtlich stimmten 98,85% regierungstreu, kirchliche Gegenkontrollen offenbarten jedoch eine Fälschung der Wahlergebnisse.

Oppositionelle in der DDR hatten angefangen, sich in die internationale Bewegung einzureihen. Auch am Wahltag, dem 7. Mai, waren in Leipzig etwa 100 Leute verhaftet worden. Am 9. Mai hatten 1.000 chinesische Journalisten eine Bittschrift für Pressefreiheit eingereicht, und am 17. demonstrierten 1.000.000 Menschen in Beijing. Es war der gleiche Tag, an dem Vaclav Havel in der ČSSR auf Bewährung entlassen wurde. Am 20. Mai war in China das Kriegsrecht eingeführt worden.

Das Reform- und Oppositionsfieber hatte mehrere Nationen erfasst, Menschen von Magdeburg bis Wladiwostok äußerten sich und bildeten stärker werdende Gruppen. Ereignisse - menschliches Denken und Handeln - wurden wie in einer großangelegten internationalen Arbeitsteilung von Individuen in verschiedenen Gesellschaften, weit voneinander entfernt, wahrgenommen und verinnerlicht. Sie evozierten ähnliche Taten im jeweiligen politischen Umfeld. In diese Atmosphäre platzte die erste Kreisauer Tagung vom 2. bis 4. Juni 1989 und wurde selbst zu einem Teilstück dieser internationalen Unruhe.

Die Tagung war von Menschen in Polen und der DDR vorbereitet worden, die in ihrer Opposition gegen kommunistische Regime Gemeinsamkeiten über nationale Grenzen hinweg entdeckt hatten. Das Thema, das beide 1989 für aktuell hielten, war der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den vierziger Jahren. Sie waren dabei zu entdecken, dass die Bereitschaft, für Menschenrechte einzustehen, ein gemeinsamer Zug war, der Menschen in Europa über Kultur- und Zeitgrenzen hinweg verbunden hat. 

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Referate und ihre Wirkung

Aus den Tagungsbeiträgen ging hervor, dass der "Kreisauer Kreis" eigentlich ein ausgedehnter Freundeskreis war. Er hatte sich vorwiegend in Berlin getroffen, um gemeinsam eine Gesellschaftsordnung für Deutschland nach dem Krieg auszuarbeiten. Jeder der am Dialog Beteiligten hatte bestimmte Vorstellungen, die er oder sie für historisch legitimiert, intellektuell relativ nahtlos und in vielen Fällen für das Ergebnis einer hervorragenden Kenntnis seines Fachbereiches hielt. Gerade deswegen bestand die Glanzleistung der Kreisauer darin, unter dem Druck der gemeinsam empfundenen Not und trotz der eigenen Programmatik, sich gegenseitig der Meinung ihrer Freunde zu öffnen.

Bei Referenten wie Zuhörern galt das besondere Interesse der Tatsache, dass die Kreisauer sich auch mit den moralischen Zwangslagen auseinander setzten: Das deutsche Volk lebte 1943 schon zehn Jahre unter einer Diktatur, die alle anderen Völker erniedrigte, Europa in einen Vernichtungskrieg stürzte und nicht nur das eigene Land zugrunde richtete. Wie sollten Menschen mit dieser Vergangenheit über Erfahrungen verfügen, die Voraussetzung für ein demokratisches Gemeinwesens sein können? Als Antwort schlugen die Kreisauer vor, die politische Struktur ihrer neuen Gesellschaft auf der Basis von kleinen Gemeinschaften aufzubauen. Eingedenk Walter Hammers Wort, Eugen Rosenstock-Huessy sei der Erzgroßvater des Kreisauer Kreises gewesen, befasste sich die Tagung des Jahres 1989 auch mit dem Werk dieses Philosophen. Konkret bezog sich Hammers Ausspruch auf die unterschiedlichen Verbindungen, die Einsiedel, Trotha, Reichwein, Moltke und Yorck zu den Löwenberger Arbeitslagern hatten. Infolgedessen befasste sich die Tagung auch mit den Themen Erwachsenenbildung und work service.

Das eigentliche Erdbeben der Tagung war jedoch ein Referat von Wolfgang Ullmann aus der DDR "Die Staatsrechtsanforderungen der Nachkriegsgesellschaft und die Kreisauer Reformprogramme." Hier kleine Auszüge:

… Und unser Herz war schon erkaltet, bevor 1945 jenes Interregnum begann, dessen Ende wir nunmehr herannahen fühlen, die einen verängstigt, die anderen hoffnungsvoll.

Aber alle miteinander sind wir Leute, die nach einer Erneuerung der Rechtsautorität des Staates fragen, weil unser Herz erkaltete, als wir diese Autorität zugrunde gehen sahen, der eine, die andere, so oder so. Ein Beispiel stehe für viele: Am Vormittag des 15.2.1945 fuhr ein knapp 16-jähriger mit dem Fahrrad aus Richtung Königsbrück kommend, auf das bombardierte Dresden zu, noch immer nicht Willens, die wahnsinnige und zugleich kindische Hoffnung aufzugeben, die berühmte Innenstadt, eines der Symbole Europas, werde doch nicht zerstört sein. Beim ersten Blick ins Elbtal wurde er eines Schlimmeren belehrt: Die Brühlische Terrasse hatte für immer aufgehört, der Balkon Europas zu sein …

Es ist klar, warum die Potsdamer Politik der Aufteilung Europas in Macht- und Interessensphären nur jenes Interregnum begründen konnte, das vor allem zu Lasten der Völker Osteuropas errichtet worden ist und dessen innenpolitische Instabilität das Problem der Staatsautorität in ganz neuer Weise verdinglicht hat. Der Frieden in Europa hängt ab von der Stabilität der Nachkriegsgrenzen. Aber diese Stabilität bleibt solange Interregnum wie sie Waffengestütztes fait accompli und nicht in ein von Recht autorisierter Friede ist, innen- wie außenpolitisch.

… soviel ist uns in diesen Jahrzehnten gewiss geworden: Die Instrumentalisierung des Staates -- gleich durch wen! -- ist das Problem, nicht etwa seine Lösung.

Die geschichtliche Zäsur, die 1989 im Vollzug war, bestand zum großen Teil aus Antworten auf die Fragen, inwiefern Staaten über Autorität verfügen, ob die kommunistischen Regierungen Interimscharakter hätten und ob man sich öffentlich dazu äußern könnte. Solche Feststellungen ließen bei einigen Referenten in der Beschreibung des Widerstands der Kreisauer unüberhörbar auch eine persönliche Bereitschaft zum Widerstand im Heute erkennen. Expressis verbis erwähnte keiner diese Bereitschaft - die Wirkung war jedoch nicht geringer und bewegte die Zuhörer, die - wie im Falle Wolfgang Ullmanns - aufstanden und hingerissen stürmischen Beifall spendeten.

Die Tagung umgab eine Ereignisspringflut von Magdeburg, über Prag bis Budapest, Moskau und China. Vorträge wie diese passten nahtlos zu allen genannten Vorgängen. Überall, international, setzten Leute öffentlich Zeichen ihrer Bereitschaft, ihre Zukunft selbst in die Hände zu nehmen und sich nicht weiter bevormunden zu lassen.

Vom Drama dieser Stunde und der Tagung begeistert, nahm sich die Gruppe in Wrocław vor, Kreisau wiederaufzubauen und es der Überwindung von Grenzen zwischen den Menschen zu widmen. Zwar stand keiner öffentlich auf und verkündete "So, wie die Kreisauer sich für das Aufrechtstellen des Bildes des Menschen in der Gesellschaft eingesetzt haben, so sollen auch wir uns einsetzen.". Doch gleichzeitig war es allen klar, dass man sich öffentlich vorgenommen hatte, der Politik der Absonderung, dem Fundament der östlichen Stasiherrschaften, etwas entgegenzusetzen. Dutzende ernster Privatgespräche entsprangen dieser Wurzel, als zwischen 21 Uhr und Mitternacht die Weinflaschen langsam geleert wurden und kalter Rauch sich unter den Tischen ablagerte.

Dieser politische Höhenflug überlebte keine 18 Stunden. Einer Planungsdiskussion am 4. Juni folgte eine Bus-Reise nach Krzyżowa. Im Bus auf dem Rückweg nach Wrocław kamen über das Radio laufend die Ergebnisse der polnischen Wahl. Immer wieder haben Mitreisende neue Meldungen vom Erfolg der Solidarność-Kandidaten unter Jubel der Zuhörer übersetzt. Dann griff plötzlich im ganzen Bus erschrockenes Entsetzen um sich: Die Polnisch Sprechenden wiederholten ihren deutschen Nachbarn die Durchsage vom Tod der schätzungsweise 5.000 und der Verwundung von etwa 10.000 Menschen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. China wirkte auf Polen ein. Opposition und Offenheit hatten die Tagung mitgerissen, nun sahen die Teilnehmer plötzlich dem Preis dafür ins Auge.

Was hatte Oppositionelle in Polen und der DDR motiviert, sich diese Tagung vorzunehmen? Welche geistigen Verbindungen zwischen dem Kreisauer Widerstand und ihrer eigenen sich ständig verdichtenden Opposition gegen den Kommunismus hatten sie gesehen? "Es lag in der Luft," war die Antwort eines Beteiligten aus der DDR. Dem ist nichts hinzuzufügen. Den Verlauf großer Brüche in der Geschichte kann man zwar spüren, nicht aber während dieser Erfahrung selbst nachweisen. Ihr Wesen ist es gerade, dass bisherige Erfahrungswerte - die für einen Nachweis unerlässlich wären - aufhören, zu greifen.

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Widerstand und Opposition

Hier ist ein Nebenwort einzufügen. Ich vermenge bewusst die Begriffe Widerstand und Opposition. Mir ist klar, dass auf dem ersten eher der Tod steht, und auf dem zweiten eher Berufsbenachteiligung oder Knast - und Knast kann man überleben. Polnische Freunde warnen mich, in ihren Kreisen ging es sehr bewusst um Opposition, nicht um Widerstand. Ich schätze, sie wollen mir klarmachen, dass ihre Bestrebungen systemintern auf Veränderungen hin ausgerichtet sind. Gerade aber beim Willen, das gesamte System infrage zu stellen, soll die Grenze zwischen Widerstand und Opposition liegen.

Beide Begriffe sind konkrete Ausdrucksformen von Zivilcourage. Die Grenze zwischen ihnen verläuft fließend. Niemand weiß definitiv, inwiefern er, geht er konsequent in Opposition, nicht vielleicht doch die bestehende Gesellschaftsordnung infrage wird stellen müssen, ja, inwieweit seine Oppositionshaltung an sich dies nicht schon nolens volens tut.

Ein Beispiel, wie aus der Sicht einer Diktatur selber sogar Nicht-Opposition als Widerstand gewertet werden kann, lieferte mir die Staatsicherheit der DDR. Ich hatte Ende der sechziger Jahre in Gesprächen mit Freunden, auf ihre Feststellung hin, dies oder jenes in der DDR würde ihnen nicht gefallen, geantwortet, man solle doch versuchen, systemintern und gesetzestreu nach Möglichkeiten suchen, dem eigenen Gewissen zu folgen. Die Staatssicherheit hat diese Haltung als Aufwiegelung gegen die Staats und Gesellschaftsordnung der DDR begriffen, mich verhaftet und verurteilt.

Ich halte die Bereitschaft, im Rahmen der Gesetze dem Gewissen zu folgen, für einen Grundzug normalen Lebens - nicht für eine Aufforderung, die Gesellschaftsordnung umzuwälzen, jedenfalls nicht in erster Linie. Langfristig aber kann bereits die Bereitschaft, für etwas einzustehen, Weichen stellen. Schon deswegen wird sie von Diktaturen als aktiver Widerstand oder aktive Opposition geahndet. Machtpositivistisch gesehen (ein herrliches Ullmann-Wort) hatte die Stasi vielleicht doch recht.

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Kreisauer Widerstand und mittelosteuropäische Opposition

Die Frage nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Widerstand und Opposition gehören zum Wesen der Kreisau-Tagung vom Juni 1989. Einige der Teilnehmer hatten schon öfters vor der Entscheidung gestanden, Opposition zu leisten. Andere waren während der Tagung dabei, sich diesen Fragen zu stellen. Gemeinsam suchten sie hier nach den Verbindungen zwischen ihrer eigenen Oppositionsneigung gegen nachstalinistische Regierungen und dem Widerstand der Kreisauer gegen die Nationalsozialisten.

Auch für mich verbinden sich beide Begriffe im persönlichen Erfahren: Meine tiefste Zuneigung zu den Kreisauern, besonders zu Moltke und Yorck, findet ihre Wurzel bei der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen. Während meiner Haftzeit dort hatte ich Gelegenheit genug, die geistige Verwandtschaft des Totalitarismus mit der gewaltsamen Entstellung des politischen und rechtlichen Wortschatzes in Erfahrung zu bringen. Ich hatte gerade in den Wochen vor meiner Verhaftung Moltkes Denkschrift zur Ausgangslage von 1941 gelesen. Während der Vernehmungen war mir schon klar, dass ich ihre Wahrheit erlebte. Für die angebliche Vorbereitung zum Widerstand in der DDR bin ich mit 21 Jahren zu 7 Jahren Haft verurteilt worden - wovon ich allerdings nur anderthalb abgesessen habe. Die Erfahrung mit der Staatssicherheit hat mich im Juni 1989 nach Wrocław gebracht. Nach Anklage, Urteil und Haft kenne ich Gemeinsamkeiten zwischen beiden Systemen. Doch diese Gemeinsamkeiten können auch trügerisch sein, wie ich im Winter 1995 erfuhr, als ich im Vorbeigehen auf dem Schreibtisch eines meiner Berliner Freunde mein Urteil sah. So dachte ich zumindest. Ich habe es verwundert näher angesehen und erkannt, dass es sich tatsächlich um das Todesurteil Adam von Trotts handelte. Richtig gemeinsam haben die beiden Schriftstücke jedoch nur die Form und die Sprache der meisten deutschen Gerichtspapiere.

Die Kreisauer leisteten ihren Widerstand im Deutschland der 40er Jahre geleistet. Die Gruppe war eine bunte Mischung aus Arbeiterführern, Großgrundbesitzern, Wirtschaftsexperten, Rechtssachverständigen sowie evangelischen und katholischen Geistlichen. Ihr Widerstand richtete sich gegen den Nationalsozialismus, fand in Kriegszeiten statt und zielte voll und ganz auf die Beseitigung und den Ersatz der abgelehnten nationalsozialistischen Gesellschaftsordnung.

Die Kreisauer hatten keinen Erfolg. Sehr viele von ihnen sind hingerichtet worden und nur sehr wenige Ansätze ihres Programms wurden Wirklichkeit. Was aber zählte, war ihr persönlicher Einsatz zu einer Zeit, als sie hoffnungslos dem Totalitarismus ausgeliefert waren.

Hannah Arendt meinte über die Art dieses Einsatzes bissig, die Kreisauer hätten Staatsrecht debattiert, während die Deportationszüge rollten. So viel daran auch wahr ist, das Bild ist damit noch lange kein Ganzes. Auch der Justizmord an Menschen, die sich für ihre Rechte einsetzen, bestätigt rückwirkend - unabhängig von anderen Taten wie der Hilfe für Verfolgte, die es auch bei den Kreisauern gab - die Wichtigkeit deren Einsatzes. Aus ähnlichen Gründen hat Moltke Freislers Prozessführung gegen sich selbst gelobt.

Die Kreisauer gehören zu den Menschen, deren Einsatz die nationalen Traditionen Deutschlands über den nationalsozialistischen Selbstmord der deutschen Kultur hinweg gerettet hat. Hennig von Tresckow - kein Kreisauer, aber mit diesen geistesverwandt - hat in seiner vielzitierten Botschaft an Stauffenberg die Bedeutung eines solchen persönlichen Einsatzes fabelhaft zum Ausdruck gebracht:

"Ich halte Hitler nicht für den Erzfeind Deutschlands, sondern für den Erzfeind der Welt. … Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott auch Deutschland um unsertwillen nicht vernichten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis eingetreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben."

Auf den ersten Blick stechen die Unterschiede zwischen dem Kreisauer Kreis und der Opposition in Polen ins Auge (und hier kann die polnische Opposition als konkretes Beispiel für die Oppositionsbewegungen in Mittel- und Osteuropa verstanden werden). Die polnische Opposition entstand in einem anderen Umfeld, unter anderen Bedingungen und zu einer anderen Zeit als der Kreisauer Widerstand. Sie nahm erst in den fünfziger Jahren eine später durchgehend erkennbare Form an. Viele der Oppositionellen hatten eine enge Beziehung zur polnischen katholischen Kirche; sie waren in einem Polen aktiv, das der Sowjetunion von den westlichen Siegermächten überlassen worden war. Es umgab sie kein Krieg, es sei denn, der Kalte. Die Opposition richtete sich gegen den polnischen Stalinismus und seine Nachformen.

Ein besonderer Umstand aber erschwerte die polnische Opposition: Die kommunistische Regierung, gegen die jene Oppositionellen tätig waren, verkörperte die neugewonnene nationalstaatliche Existenz Polens. Diese Verkörperung hat im Rahmen der polnischen Geschichte einen ganz anderen Stellenwert, als es ein deutsches Gegenstück haben würde. Polens Geschichte der letzten 300 Jahre ist die Suche einer Gesellschaft nach staatlicher Existenz. Ein polnischer Nationalstaat hat daher per se etwas Wertvolles an sich. Gegen ihn zu opponieren war entsprechend schwierig. Vielleicht war die polnische Opposition deshalb so betont systemintern und erhielt sogar Sitze im kommunistisch dominierten Parlament, dem Sejm, zugeteilt.

Es gab einen weiteren gravierenden Unterschied zwischen der polnischen Opposition und dem Kreisauer Kreis. Die Kreisauer war ein Freundeskreis von ca. 50 Personen, die polnische Opposition dagegen war eine lose Bewegung von unterschiedlichen Gruppen in vielen Städten eines großen Landes, eine Bewegung, die am Ende Millionen umfasste. Bereits in der Zeit der ZNAK-Bewegung war die Anzahl der Oppositionellen in Polen um Größenordnungen stärker als die Zahl der Mitglieder des Kreisauer Kreises - von der Anzahl der Solidarność-Anhänger ganz zu schweigen.Die polnische Opposition führte zum Erfolg. Von 1956 über 1970 bis 1980 und 1989 stellte sie meist das Leitbild der Opposition im kommunistischem Lager dar. Ihr entstammte schließlich sogar der Ministerpräsident eines bis dann kommunistisch regierten Landes.

Trotz dieser Unterschiede bleibt eine umklammernde Gemeinsamkeit zwischen dem Widerstand des Kreisauer Kreises und dem der Opposition in Nachkriegspolen bestehen. Es ist schlicht und ergreifend die menschliche Bereitschaft, sich für die Aufrechterhaltung der Menschenrechte einzusetzen, die als gemeinsame Basis beider Handlungsweisen zu nennen ist. Zwischen 1940 und 1989 ist in Deutschland und Polen dieser Zug unter ganz unterschiedlichen Umständen in Erscheinung getreten. Er unterstreicht die Parallelen, anstatt die Unterschiede zu betonen.

Die Art der Zusammenarbeit innerhalb des Kreisauer Kreises und in den Gruppen der polnischen Opposition war ebenfalls vergleichbar. Ein Gegenstück zur Kreisauer Erarbeitung von Gemeinsamkeiten durch Dialog fand ich bei Oppositionellen in Polen 1989 wieder. So arbeitete der KIK nur auf der Grundlage von Konsens, der eine mehr als 30 Jahre alte Oppositionstradition von ZNAK und KIK darstellte.

Eine weitere Ebene der Gemeinsamkeiten zwischen dem Kreisauer Kreis und der polnischen Opposition lässt sich rückwärts aus den Gemeinsamkeiten der Systeme ableiten, gegen die sich die zwei Gruppen richteten. Die Kreisauer Ergründung der ideologischen Herrschaft zu ihrer Zeit, die in der verdreht-verlogenen Staatssprache ein übermächtiges Herrschaftsinstrument entlarvten, hätte auf die Zustände in Osteuropa vor 1989 gemünzt sein können. Beide Systeme konnten ihre Macht nur über die inhaltliche Bestimmung von politischen und rechtlichen Begriffen ante rem behaupten. Dies war der wesentliche Zug aller unterdrückenden Ideologien des 20. Jahrhunderts. Die Kreisauer und die polnische Opposition widerstanden derselben Sache in einer jeweils eigenen Form.

Die entscheidende Ebene für die Teilnehmer der Tagung war jedoch das parallele Vorgehen beider Formen von Zivilcourage: Der Dialog als Arbeitsmethode.

Der Kreisauer Widerstand begann ganz einfach bei der Bereitschaft des Einzelnen, sich für die Überwindung einer gespürten Not in der Gesellschaft einzusetzen. Darauf folgte der Ansatz, diese Notlage zu ergründen. Vor allen anderen haben Moltke und Yorck die Erkenntnis erarbeitet, dass ideologische Diktatur und Einzwängung einer Gesellschaft in dogmatische geistige Systematik letzten Endes zur Zerstörung der gesellschaftlichen Grundwerte führt. Diese Zerstörung beginnt bei den Ausdrucksformen, buchstäblich der Kontrolle des Wortschatzes der Politik und des Rechts.

Der Ergründung von Ursachen gesellschaftlicher Not folgte bei den Kreisauern der Dialog, um so gemeinsam zu einem programmatischen Konzept zu finden. Programmatik an sich war dabei nur ein untergeordneter, vorläufiger Ausdruck einer größeren, geistigen Gemeinsamkeit. Die dialogische Methode der Wahrheitsfindung war aus mehreren Gründen wichtig, um gesellschaftliche Fragen zu ergründen. Dialog überwindet die ideologische Festgefahrenheit, die Unfähigkeit oder mangelnde Einsicht, sich über die Grenzen des eigenen Denkens hinwegsetzen zu können. Die ideologische Zersplitterung der Weimarer Gesellschaft hatte maßgeblich der Machtergreifung der Nationalsozialisten nachgeholfen. Der dialogische Vorgang hat sich aber auch deshalb empfohlen, da die Politik, eine Gesellschaft ideologisch festzulegen und zu regieren, gerade das Vorgehen derer war, gegen die sich der Kreisauer Kreis wandte. Im Dialog standen sich die Teilnehmer aber einander positiv gegenüber. Sie waren so in der Lage, unter den hochgefährlichen Bedingungen eines totalitären Systems eine zum Widerstand fähige Gruppe aufzubauen.

Die dialogische Methode zeichnete sich durch eine weitere Eigenschaft aus: Sie war erfolgreich. Es trafen sich Konservative und Arbeiterführer, katholische und evangelische Geistliche, um gemeinsam das Nachkriegseuropa vorzubereiten. Aus ihren manchmal radikal entgegengesetzten Ausgangspositionen entwickelten sie mittels ihres dialogischen Vorgehens ein Programm. Ihr Einsatz, der gemeinsame Ansatz zur Erfassung der Lage und dieses dialogische Vorgehen sind das wesentliche Erbe der Kreisauer.

Eine genaue Entsprechung dieser Zusammenarbeit durch Konsens fand sich bei den Oppositionellen in Polen 1989 wieder - auch das ein Hinweis auf Gemeinsamkeiten zwischen der polnischen Opposition der Zeit der Volksrepublik und dem deutschen Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Den Dialog als Element der Arbeit der Kreisauer herauszuarbeiten, ist wohl einer der wichtigsten geistigen Impulse für die Oppositionsarbeit, den die Tagung für alle Beteiligten hervorbrachte.

Die Ähnlichkeiten im persönlichen Einsatz zwischen dem Kreisauer Widerstand gegen die Nationalsozialisten in Deutschland und der polnischen Opposition zur Zeit der Volksrepublik weisen trotz oder gerade wegen ihrer unterschiedlichen äußeren, gesellschaftlichen, kulturellen und zeitlichen Bedingungen Gemeinsamkeiten auf und deuten somit auf die Entstehung einer gesamteuropäischen Tradition hin.

Meine tiefste Zuneigung zu den Kreisauern, besonders zu Moltke und Yorck, findet ihre Wurzel bei der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen. Während meiner Haftzeit dort hatte ich Gelegenheit genug, die geistige Verwandtschaft des Totalitarismus mit der gewaltsamen Entstellung des politischen und rechtlichen Wortschatzes in Erfahrung zu bringen. Ich hatte gerade in den Wochen vor meiner Verhaftung Moltkes Denkschrift zur Ausgangslage von 1941 gelesen. Während der Vernehmungen war mir schon klar, dass ich ihre Wahrheit erlebte. Für die angebliche Vorbereitung zum Widerstand in der DDR bin ich mit 21 Jahren zu 7 Jahren Haft verurteilt worden - wovon ich allerdings nur anderthalb abgesessen habe. Die Erfahrung mit der Staatssicherheit hat mich im Juni 1989 nach Wrocław gebracht. Nach Anklage, Urteil und Haft kenne ich Gemeinsamkeiten zwischen beiden Systemen. (Obwohl diese Gemeinsamkeiten auch trügerisch sein können: Im Winter 1995 sah ich im Vorbeigehen am Schreibtisch eines meiner Berliner Freunde mein Urteil. So dachte ich zumindest. Ich habe es verwundert näher angesehen und erkannt, dass es sich tatsächlich um das Todesurteil Adam von Trotts handelte. Richtig gemeinsam haben die beiden Schriftstücke jedoch nur die Form und die Sprache der meisten deutschen Gerichtspapiere.)

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Epilog 1989

Am Montag dem 5. Juni 1989 fuhr eine kleine Gruppe im Trabi, von der Wrocławer Kreisau-Tagung kommend, nach Berlin zurück. Sie wurde an der DDR-Grenze aus der Schlange gewunken und das Auto wurde genau untersucht. Alle Schriftstücke, einschließlich der vielen Solidarność-Wahlplakate und -aufkleber, wurden in die Schuppen gebracht. Zwei Stunden vergingen, bis die Grenzer endlich mit den Schriftstücken wiederkamen. Die Reisenden, nach Herkunft und Bedeutung der Solidarność-Papiere gefragt, antworteten lediglich, dass sie von der polnischen Wahl kämen. "Aha", sagte darauf der Grenzer achselzuckend und gab die Schriftstücke zurück. "Nur eine Wahl. Fahren Sie weiter."

Damit war 1989 nicht zuende, im Gegenteil, es fing erst richtig an. Am 7. Juni werden 120 Menschen, die in der DDR gegen die Wahlfälschungen protestierten, verhaftet. Am 16. ehrt das kommunistische Ungarn den Anführer des ungarischen Aufstandes von 1956 in einer neunstündigen Zeremonie. Vom 10. Juli an streiken in sowjetischen Kohlerevieren die Arbeiter und zwingen die Regierung zu Verhandlungen. Am 7. August bestätigt Gorbatschow, dass die Sowjetunion nicht in Polen intervenieren wird. Bis zum 8. August stellt sich eine kleine Lawine von DDR-Bürgern in den westdeutschen Botschaften der osteuropäischen Hauptstädte ein: 130 in Ostberlin, 180 in Budapest und einige Dutzend in Prag. Am 17. August reicht der kommunistische Ministerpräsident Polens seinen Rücktritt ein, die Solidarność-Fraktion soll die neue Regierung stellen. Zwei Tage später feiern Menschen aus Ungarn und Österreich auf der offenen Grenze ein Freundschaftspicknick - mehr als 900 DDR-Bürger fliehen über die offenen Grenze in den Westen.

In Prag protestieren am 21. August etwa 3.000 Menschen anlässlich des 21. Jahrestages der Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten in der ČSSR. Am 24. August wird der Solidarność-Abgeordnete Tadeusz Mazowiecki zum Ministerpräsidenten der Volksrepublik Polen gewählt. Im selben Zeitraum drücken der polnische Sejm und der Senat ihr Bedauern über die Teilnahme Polens an der Invasion in der ČSSR 1968 aus und bezeichnen das damalige Vorgehen als Verletzung des Selbstbestimmungsrechts der tschechoslowakischen Bürger. Die Regierung der ČSSR bezeichnet diese Stellungnahme daraufhin als grobe Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten.

Bis zum 4. September gibt es in Ungarn 5.000 DDR-Bürger, die auf eine Möglichkeit warten, in den Westen reisen zu können. In der folgenden Woche gehen 13.000 DDR-Bürger über die ungarische grüne Grenze in den Westen, nach dem 30. September sind es noch einmal mehr als 17.000, die über die ČSSR und Polen fliehen. Am 18. und 25. September sowie am 2. Oktober gibt es große Demonstrationen in Leipzig. Mehr als 10.000 Menschen nehmen an ihnen teil. Am 3. und 4. Oktober treibt die Staatssicherheit eine Demonstration vor dem Dresdner Hauptbahnhof mit Schlagstöcken auseinander. In der DDR-Presse wird ostentativ auf das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens Bezug genommen. SED-Generalsekretär Erich Honecker empfängt am 9. Oktober den chinesischen Premier Yao und vergleicht die "konterrevolutionäre Unruhen" in der DDR mit denen in China. Am selben Tag gehen in Leipzig 50.000 Demonstranten auf die Straße. Auch Partei und Regierungsmitglieder sorgen dafür, dass entgegen eines entsprechenden Befehls Honeckers nicht auf die Demonstranten geschossen wird.

Am 28. Oktober wird in Prag eine Demonstration mit 10.000 Teilnehmern mit Gewalt auseinandergetrieben. Am 4. November demonstrieren 500.000 in Ostberlin. Die tschechische Grenze zum Westen wird am selben Tag für DDR-Bürger geöffnet - 50.000 Menschen fliehen.

Der 9. November geht in die Geschichte ein als der Tag, an dem die Berliner Maue fällt. Zwei Tage später feiern Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki in Krzyżowa eine deutsch-polnische Versöhnungsmesse, die die Beziehungen zwischen beiden Staaten neu definieren soll.

Am 21. spricht Vaclav Havel vor 150.000 Menschen in Prag, am 18. sind es 800.000. Am 4. Dezember werden die Bezirksverwaltungen der Staatssicherheit von DDR-Bürgern besetzt. In Sofia gehen am 10. Dezember 50.000 Menschen auf die Straße. Eine Woche später werden Tausende von Menschen in Timisoara von der rumänischen Securitate erschossen. 50.000 marschieren drei Tage später auf und fordern die Leichen. Am 22. protestieren 150.000 in Bukarest gegen die Regierung - zu Weihnachten wird der rumänische Parteichef Ceauşescu hingerichtet.

Zum Abschluss dieses umwälzenden Jahres wird am 28. Dezember der Dichter und führende Oppositionelle Vaclav Havel zum Präsidenten der ČSSR gewählt.

Im Rückblick bleibt ein beeindruckendes Fazit zu ziehen: Die Stiftung Kreisau wurde aus der sich verdichtenden Opposition gegen die osteuropäischen Staatssicherheitsherrschaften geboren. Gegründet wurde sie, um den Widerstand der Mitglieder des Kreisauer Kreises in Gegenwart und Zukunft fruchtbar zu machen. Bezeichnenderweise wurde die Gründungstagung von Leuten in Polen und der DDR gestaltet, die in ihren jeweiligen Gesellschaften auf ganz unterschiedlicher Art Opposition gegen die herrschende Nachform des Stalinismus leisteten. Einige der Tagungsteilnehmer kannten weder die Kreisauer Erkenntnisse zur Ausgangslage, noch ihre Arbeitsmethoden oder Einzelheiten der Kreisauer Programme. Dennoch spürten die Menschen in beiden Gruppen im Kreisauer Kreis ein bedeutendes Erbe auch für ihre eigene Lebensläufe. Man muss hellhörig sein für die Not in der Gesellschaft und - wenn es sein muss - gegen diese Not ankämpfen. Bertolt Brecht zum Trotz, der von Freiheit als der Einsicht in die Notwendigkeit sprach, kommt eine Gesellschaft der Not der Unterdrückung nur dann bei, wenn einzelne Menschen in sich selbst den Mut für den entscheidenden Schritt in den Widerstand- oder die Opposition - finden. Martin Luther King fasste die historische Tragweite einer solchen Haltung bündig und biblisch zusammen, wenn er sagt "Unearned suffering is redemptive."

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